„Wir bringen das Stadion in verschwitzte 500er Clubs“ – 10 Fragen an die Leftovers

Die Leftovers sind jung, laut, politisch und offenbar ziemlich schlecht darin, sich an die üblichen Regeln des Erwachsenwerdens zu halten. Das passt ganz gut. Schließlich heißt ihr neues Album „Schau nicht so“ und ihre kommende Tour ausgerechnet „Stadion-Tour 2026“ – obwohl die großen Stadien gegen verschwitzte Clubs eingetauscht werden. Nach Supportshows für Die Toten Hosen und Fontaines D.C. haben die Wiener inzwischen reichlich Bühnenerfahrung gesammelt und dabei zwei ziemlich unterschiedliche Arten kennengelernt, ein Publikum zu erreichen: hier großes Entertainment und Stadionrock, dort bewusst reduzierte Bühnenkunst und Style.

Im Gespräch geht es deshalb nicht nur um Musik. Die Leftovers erzählen, warum Erwachsensein für sie Ansichtssache ist, was Wien mit ihnen macht, weshalb sie trotz politischer Weltlage nicht im Defätismus versinken wollen und warum man das eigene 16-jährige Ich besser nicht allzu ernst nehmen sollte. Zwischendurch wird es politisch, persönlich und selbstverständlich auch ein bisschen österreichisch. Kurz gesagt: zehn Fragen an eine Band, die offenbar noch lange nicht vorhat, erwachsen zu werden.


1.„Bleib für immer ein Kind“ – ist „Erwachsen“ für euch eher eine Kampfansage ans Erwachsenwerden oder ein ziemlich ehrliches Eingeständnis, dass man ihm ohnehin nicht entkommt?

Antwort Leonid:
Erwachsen sein ist Ansichtssache.
Es ist ein schöner Prozess, bei dem man nicht vergessen darf, sein inneres junges ich mitzunehmen. Man hat das Leben lang nie ausgelernt und sollte sich dessen bewusst sein und genießen.

2.Ihr spielt gerade als Support für Die Toten Hosen und Fontaines D.C. – zwei Bands, die selbst ziemlich unterschiedliche Wege gegangen sind. Was schaut ihr euch bei solchen Abenden ab und was denkt ihr euch: „Bitte niemals so“?

Antwort Leon:
Uns ist auf der Tour auch aufgefallen, wie unterschiedlich die 2 Bands sind. Auf der einen Seite hast du bei den Hosen, großes Entertainment. Stadionrock und Sportfan-Stimmung inklusive Bengalos, Bierduschen usw. Dazu kommt der Legendenstatus, den diese Band verdienterweise trägt, der die Abende immer ganz besonders & einzigartig wirken lässt.
Die Fontaines sind anders. Unzugänglicher, kein Entertainment…die Kunst steht für sich allein und wirkt dadurch noch eindrucksvoller. Dazu kommt die dicke Portion Style, die die Boys aus Dublin auf die Bühne bringen.

Wir können uns von beiden Bands viel abschauen.

3.„Schau nicht so“ heißt das neue Album. Ist das eine Aufforderung an die Welt – oder eher an euch selbst, wenn ihr mal wieder alles ein bisschen zu ernst nehmt?

Antwort Anna:
„Schau nicht so“ hat viele Facetten. Die Leute schaun hin, wo es sie nichts angeht und sie schaun weg, wo man eigentlich laut aufschreien sollte.
Vielleicht also eine Aufforderung dazu, mal die Perspektive zu wechseln.

4. „Erwachsen“ zeigt eine deutlich ruhigere Seite der Leftovers. War es schwieriger, einen leisen Song zu schreiben, als mit voller Lautstärke gegen die Wand zu rennen?

Antwort Leonid:
Es ist schon schwieriger intimere Vocals zu machen, da viel genauer auf Dynamik geachtet wird, also joa…

5. Eure Musik klingt oft nach Aufbruch, Wut und „Jetzt erst recht“. Woher nehmt ihr mit Anfang 20 diese Energie – und gibt es auch Tage, an denen ihr einfach keinen Bock auf die Welt habt?

Antwort Alex:
Wir sind leider schon bei Mitte 20 angekommen. Auch wenn langsam alles anfängt weh zu tun, bleibt nichts anderes übrig als weiterzumachen. Natürlich gibt es Tage, an denen man die Schnauze voll hat, dazu braucht man nur kurz die Nachrichten hören/lesen. Ändert aber leider nichts daran, dass man trotzdem versuchen soll, sich selbst weiter zu entwickeln und die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

6. Ihr kommt aus Wien. Wie viel Wien steckt eigentlich noch in den Leftovers – und wie viel davon habt ihr inzwischen auf europäischen Bühnen verloren oder bewusst hinter euch gelassen?

Antwort Anna:
Auch wenn wir in unserem Beruf viel herumkommen, werden und können wir Wien nie ganz loslassen. Ich glaube wir haben alle keine Intention die Stadt loszuwerden, lieber bringen wir ein Stückchen Wien in andere Städte. Klar, es ist wirklich schön hier öfters rauszukommen, aber umso schöner ist es auch immer wieder hierher zurückzukehren. Hier sind Familie und Freund:innen und es ist einfach gmiadlicher als in anderen Großstädten.

7. Ihr nennt eure kommende Tour tatsächlich „Stadion-Tour 2026“, obwohl ihr in Clubs wie der Kantine, dem Technikum oder dem Musikbunker spielt. Ist das Größenwahn, Humor – oder einfach die konsequenteste Form österreichischer Selbstironie?

Antwort Alex:
Der Tourname ist eine humorvolle Anspielung auf unsere Supportkonzerte bei den Toten Hosen. Zu groß aufspielen und sich dabei ein bisschen über sich selbst lustig machen gehört dazu. Man muss das alles nicht so ernst nehmen. Wir bringen das Stadion in verschwitzte 500er Clubs.

8. Wenn ihr „Erwachsen“ singt, klingt das erstaunlich hoffnungsvoll. Was macht euch persönlich gerade Hoffnung, obwohl die Welt nun wirklich nicht ständig Anlass dazu gibt?

Antwort Leon:
Nicht viel. Ehrlicherweise gar nichts. Wir rasen in Europa auf politische Zustände zu, wie in den 30ern. Rassismus ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, oder war ehrlicherweise nie weg. Die wirtschaftliche Situation wird für die Massen immer schlechter, während eine kleine Tech-Elite immer reicher wird. Überall bricht Industrie ein und um die letzten Arbeitsplätze zu retten, werden nun statt Autos Waffen produziert. Genozid in Gaza, Krieg in der Ukraine, dem Sudan und Yemen. Und über allem hängt das Damoklesschwert des Klimawandels, der uns wahrscheinlich alle auslöschen wird. Ich sag mal so: Pensionsdebatten, gehen mir grad ziemlich am Arsch vorbei, haha.
Aber wenn man nicht aufpasst, verliert man sich noch im Defätismus. Das soll ja auch nicht sein.

9 Nach Festivals, Supportshows und eigener Tour: Wann fühlt ihr euch eigentlich noch wie eine junge Band – und wann merkt ihr plötzlich: Verdammt, wir machen das hier inzwischen ziemlich professionell?

Antwort Anna:
Ich glaub sobald man auf der Bühne steht, wird man sich immer jung fühlen. Das schließt aber nicht aus, dass man eingespielter und erfahrener an die Sache ran gehen kann, im Gegenteil, so macht es sogar noch mehr Spaß. Alter ist sowieso ein Scheiß und beim Musikmachen ist alles zeitlos.

10. Und zum Schluss die unangenehme Frage: Wenn ihr euch euer 16-jähriges Ich heute gegenüberstellen könntet – würde es euch für eure Musik feiern oder euch erstmal fragen, warum ihr plötzlich über das Erwachsenwerden singt?

Antwort Leon:
Mein 16-jähriges Ich würde mich scheiß Poser nennen, hahaha. Zugegebenermaßen hat es aber fast jede Band so gesehen. Außer die eigene natürlich 😉

Vielen Dank für das schöne Interview.

Fragen: Dennis Kresse (Soundchecker Koeln)
Credits: Nora Einwaller

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