Zwischen Clubkultur, Kunst und Artensterben: Warum „Lepidoptera“ mehr sein will als nur ein Musikprojekt.
Mit „Lepidoptera“ entsteht ein außergewöhnliches Projekt zwischen Musik, Kunstinstallation und Naturschutz. Im Mittelpunkt stehen Schmetterlinge – als Symbol für Biodiversität, Zerbrechlichkeit und gesellschaftlichen Wandel. Gemeinsam mit Mitmachaktionen, visueller Kunst und elektronischer Musik soll nicht nur Aufmerksamkeit geschaffen, sondern emotionale Verbundenheit erzeugt werden. Im Interview geht es um das Artensterben, stille Landschaften, politische Verantwortung und die Frage, warum Kunst manchmal mehr bewegen kann als jede Statistik. Dominik Eulberg und das Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft machen Biodiversität sichtbar und starten die Mitmal-Aktion „Lepidoptera“. Aus vielen Bildern wird ein Schwarm. Wir haben mit Dominik Eulberg gesprochen.
• Deine Aktion „Lepidoptera“ verbindet Kunst, Musik und Naturschutz – warum ist gerade dieser kreative Ansatz so wichtig im Kampf gegen das Artensterben?
Weil die dringend notwendige gesellschaftliche Transformation nicht allein durch wissenschaftliche Erkenntnisse, sondern vor allem durch eine veränderte Haltung herbeigeführt wird. Diese Haltung manifestiert sich in erster Linie über Emotionen. Kunst und Kultur sind hierfür wunderbare Vektoren, weil sie lustvoll und niederschwellig wirken. Denn wir schützen nur das, was wir auch schätzen.
• Du sagst, „die Natur hat keine Stimme“ – was läuft gesellschaftlich und politisch schief, dass sie bis heute nicht ausreichend gehört wird?
Früher wurde sie zwangsweise gehört, denn alles, was gegen die Natur geht, richtet sich letztlich auch gegen uns Menschen. Das Problem unseres Systems liegt darin, dass festgefahrene Lobbystrukturen, umweltschädliche Subventionen und wirtschaftliche Abhängigkeiten diesen Zustand immer weiter perpetuieren. Gleichzeitig machen sich zunehmend Technokraten breit, die einfache Lösungen versprechen und wissenschaftliche Erkenntnisse relativieren oder gar vollständig ignorieren.
• Warum hast du dich ausgerechnet für Schmetterlinge als zentrales Symbol entschieden?
Schmetterlinge sind wunderbare Vektoren – nicht nur als Allegorie für den Sinn des Lebens, sondern auch als wahre Sympathieträger. Kaum jemand kann sich ihrer Schönheit und Leichtigkeit entziehen. Sie können Botschafter sein, die wertvolle Brücken zu unserer Überlebensversicherung, der Biodiversität, schlagen und zugleich ein Gefühl von Empathie und Verbundenheit erzeugen.
• Was passiert emotional, wenn jemand selbst einen Schmetterling malt – und warum kann genau das mehr bewirken als reine Fakten?
Weil es zum einen zeigt, dass jeder Schmetterling , so wie er ist – „okay“ ist, dass es kein richtig oder falsch gibt und alle willkommen sind. Es zeigt, dass Vielfalt keine romantische Folklore ist, sondern ein uraltes Grundprinzip der Natur zum Erhalt des Lebens. Je diverser ein System ist, desto resilienter ist es. Durch diese Mitmachaktion entsteht zudem ein kraftvoller Schwarm, der bewegen und etwas verändern kann. Nicht umsonst beschreibt die Chaostheorie den sogenannten Schmetterlingseffekt: dass ein einzelner Flügelschlag durch Kaskadierungen große Veränderungen auslösen kann. Auch der fertige Schwarm kann bei den Teilnehmenden ein Gefühl von Empowerment, Verbundenheit und kollektiver Wirkmächtigkeit erzeugen.
• Dein Album „Lepidoptera“ ist eine Hommage an einzelne Arten – wie übersetzt man Biodiversität eigentlich in Musik?
Nur die wenigsten heimischen Schmetterlingsarten erzeugen für uns Menschen hörbare Laute, etwa der Totenkopfschwärmer oder auch das Tagpfauenauge. Deshalb geht es nicht darum sie zu sampeln. Ich beschäftige mich seit meiner Kindheit intensiv mit Schmetterlingen und züchte sie gemeinsam mit meiner Frau Natalia. Dadurch habe ich zu jeder Art eine sehr tiefe emotionale Bindung entwickelt, die in mir etwas anregt, das ich anschließend musikalisch manifestiere. Ähnlich wie ein Maler ein Bild erschafft, versuche ich, dieses Gefühl mit Musik zu beschreiben und hörbar zu machen.
• Der Track „Mittlerer Weinschwärmer“ wird jetzt visuell durch die Mitmal-Aktion erweitert – wie wichtig ist dir diese Verbindung von Sound und Bild?
Ich habe den Track ausgewählt, da er für mich der quirligste, lebendigste und bunteste des Albums ist und ich mir dazu wunderbar tanzende, farbenprächtige Schmetterlingsschwärme vorstellen kann. Ich selbst werde das Projekt mitkuratieren und gemeinsam mit meinem VJ Julius Greger realisieren. Durch die Verbindung von Musik und Bildern wird sicherlich eine noch intensivere Emergenz entstehen und sich die emotionale Wirkung beider Ebenen gegenseitig verstärken.
• Gemeinsam mit dem Bündnis für eine enkeltaugliche Landwirtschaft thematisierst du auch Ursachen wie Pestizide – wie politisch darf oder muss Kunst heute sein?
Die Biodiversitätskrise ist – genau wie die Klimakrise – ein systemisches Problem, das sich letztlich nur auf politischer Ebene nachhaltig lösen lässt. Von daher haben Kunst und Kultur meiner Meinung nach auch die wichtige Aufgabe, darüber aufzuklären und als gesellschaftlicher Hebel zu wirken. Denn sie sind kein sinnloser Hedonismus, der allein dem Selbstzweck dient, sondern vielmehr der soziale Klebstoff unserer Gesellschaft.
• Viele Menschen haben das Gefühl, dass „es stiller geworden ist draußen“ – ist das subjektive Wahrnehmung oder längst belegbare Realität?
Spätestens seit der Industrielle Revolution nehmen die Bestände unserer heimischen biologischen Vielfalt kontinuierlich ab. Wenn man alte Aufzeichnungen liest und sie mit dem heutigen Zustand vergleicht, kann einem anders werden. Doch viele Menschen kennen es gar nicht mehr anders. Genau das bezeichnet man als Shifting-Baseline-Syndrom: Jede Generation empfindet den Zustand ihrer eigenen Gegenwart als normal, obwohl die Natur über Jahrzehnte oder Jahrhunderte hinweg bereits massiv verarmt ist. In Deutschland verlieren wir Jahr für Jahr einen weiteren Teil der Biomasse etwa von Vögeln und Insekten – ein schleichender Prozess, der oft kaum wahrgenommen wird. Schon Rachel Carson wies 1962 in ihrem bahnbrechenden Buch Der stumme Frühling eindringlich auf diese Entwicklung hin und warnte vor den fatalen Folgen eines gedankenlosen Umgangs mit der Natur und dem massiven Einsatz von Pestiziden.
• Du bewegst dich zwischen Clubkultur und Wissenschaft – erreichst du mit solchen Projekten ein Publikum, das klassische Umweltkommunikation sonst nicht erreicht?
Definitiv. Genau darin liegt für mich auch eine große Chance von Kunst und Kultur. Viele Menschen würden vermutlich keinen klassischen wissenschaftlichen Vortrag besuchen oder ein Fachbuch über Biodiversität lesen, lassen sich aber über Musik, Bilder und Emotionen erreichen. Gerade Clubkultur schafft Räume, in denen Menschen offen, neugierig und empfänglich sind. Ich versuche daher, eine Brücke zwischen Wissenschaft und sinnlicher Erfahrung zu schlagen. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern über Staunen, Schönheit und emotionale Resonanz. Denn oft entsteht Veränderung nicht allein durch Fakten, sondern dadurch, dass uns etwas berührt. Wenn Menschen nach einem Konzert, einer Biodiversitätsshow oder einer Installation plötzlich anders auf einen Nachtfalter, einen Vogelruf oder eine Landschaft schauen, dann ist bereits etwas in Bewegung geraten.
• Wenn die Aktion vorbei ist und der „Schwarm“ komplett ist: Was soll im besten Fall bei den Menschen hängen bleiben – ein schönes Bild oder ein nachhaltiger Impuls zum Umdenken?
Zunächst einmal soll der fertige Schwarm ein ästhetisch berührendes und kraftvolles Bild sein, das Menschen emotional erreicht. Aber darüber hinaus wünsche ich mir, dass daraus ein nachhaltiger Impuls entsteht; ein neues Bewusstsein dafür, dass Vielfalt etwas zutiefst Lebensnotwendiges ist. Erst durch die Gemeinschaft entsteht die eigentliche Kraft und Schönheit des Schwarms. Vielleicht nehmen die Menschen daraus mit, dass selbst kleine Beiträge Wirkung entfalten können und dass Veränderung immer dort beginnt, wo wir wieder lernen zu staunen, Empathie zu empfinden und Verantwortung füreinander und für die Mitwelt zu übernehmen.
Einladung zur Mitmach-Aktion „Lepidoptera“
Wer Teil des entstehenden Schmetterlingsschwarms werden möchte, kann sich aktiv an der Mitmal-Aktion beteiligen. Gesucht werden individuelle, kreative und farbenreiche Schmetterlinge, die später Teil einer gemeinsamen visuellen Installation werden. Zusammen mit Musik, Projektionen und den Tracks des Albums entsteht so ein kollektives Kunstwerk zwischen Biodiversität, Clubkultur und emotionalem Naturerlebnis.
Denn manchmal beginnt Veränderung tatsächlich mit einem einzigen Flügelschlag.
https://enkeltauglich.bio/lepidoptera/
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