Manchmal passiert im Pop-Zirkus etwas, womit wirklich niemand gerechnet hat. Ein Video taucht auf, geht viral, und plötzlich stehen da zwei komplett maskierte Typen und spielen Musik, die eigentlich viel zu schräg ist, um Millionen Menschen zu begeistern. Und genau da beginnt die Geschichte von Angine de Poitrine – und setzt sich mit „Vol. 2“ ziemlich spektakulär fort.
Denn dieses Album macht etwas, das in Zeiten von Algorithmus-Pop und glattgebügelten Playlists fast schon revolutionär wirkt: Es ist eigen. Und zwar kompromisslos.
Schon die ersten Tracks zeigen, wohin die Reise geht. Vertrackte Rhythmen, verschobene Takte, Gitarren, die sich anfühlen, als würden sie gleichzeitig stolpern und tanzen – und mittendrin immer wieder dieser Groove, der einen plötzlich packt. Das ist kein verkopfter Math-Rock für Nerds, die im Takt mitzählen. Das ist Musik, die trotz (oder gerade wegen) ihrer Komplexität direkt in den Körper geht.
Was „Vol. 2“ so stark macht: Es verliert sich nie im reinen Können. Klar, hier wird auf hohem Niveau gespielt, da wird geschraubt, gebogen, experimentiert. Aber das Duo stellt sich nicht hin und sagt: „Schaut mal, was wir können.“ Stattdessen passiert etwas viel Besseres – man hat das Gefühl, sie haben einfach verdammt viel Spaß.
Und genau dieser Spaß ist ansteckend.
Tracks wie die schnelleren, fast schon überdrehten Nummern wirken, als hätten Queens of the Stone Age plötzlich beschlossen, ihre Songs durch einen Math-Rock-Wolf zu drehen – nur eben mit mehr Chaos und weniger Kontrolle. Und trotzdem: Es funktioniert. Mehr noch, es groovt.
Dabei war das beim Vorgänger noch nicht ganz so rund. „Vol. 1“ war eher Experimentierfeld, ein wildes Austesten von Möglichkeiten. „Vol. 2“ ist jetzt der Moment, in dem sich alles zusammenfügt. Plötzlich sind da Hooks, plötzlich ist da Tanzbarkeit – ohne dass die Band ihre Eigenheiten opfert.
Das vielleicht Schönste an diesem Album: Es hat keine Angst davor, zugänglich zu sein. Trotz aller Verrücktheit gibt es immer wieder Momente, in denen man einfach denkt: „Ich hab keine Ahnung, was hier passiert – aber ich will, dass es weitergeht.“
Natürlich ist nicht alles perfekt. Gegen Ende verliert sich die Platte ein kleines bisschen im Klassischeren, fast schon Erwartbaren. Da wäre noch mehr Wahnsinn drin gewesen. Aber selbst das passiert auf einem Niveau, das eher wie ein kurzes Durchatmen wirkt als wie ein echter Bruch.
Unterm Strich ist „Vol. 2“ genau das, was man sich von einem gehypten Act erhofft – und selten bekommt: kein Strohfeuer, sondern ein echtes Statement. Angine de Poitrine zeigen, dass man gleichzeitig verspielt, technisch stark und vor allem: unterhaltsam sein kann.
Oder anders gesagt: Das hier ist die seltene Sorte Album, bei der man nicht versteht, was passiert – und genau deshalb nicht aufhören kann zuzuhören.
Text: Dennis Kresse
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