Wahlweise wunderbar böse: William Wahl und die Kunst, mit einem Lächeln ins Schwarze zu treffen!

Manche Menschen brauchen eine Pointe, William Wahl reicht oft schon ein Klavier und ein genauer Blick auf die menschlichen Abgründe. Im Pantheon Bonn dreht sich bei seinem Programm „Wahlweise“ alles um die kleinen und großen Absurditäten des Lebens – bissig, poetisch und mit jener Portion Zärtlichkeit, die verhindert, dass aus feiner Satire bloße Häme wird. Ausgezeichnet mit dem Deutschen Kleinkunstpreis 2026 in der Sparte Musik, beweist Wahl, dass man Menschen wunderbar aufs Korn nehmen kann, ohne sie gleich abschießen zu müssen. Im Interview mit Soundchecker.koeln geht es um die Tücken des eigenen Nachnamens, das Eigenleben seines Kultsongs „Manuel“, die Herausforderungen sozialer Medien und die Frage, warum die Kehrseite der Medaille manchmal ebenfalls aus Gold ist.

**Soundchecker.koeln:** William, „Wahlweise“ heißt dein neues Programm. Ist das eine Einladung, sich nicht entscheiden zu müssen, oder hast du festgestellt, dass man mit dem eigenen Nachnamen erstaunlich viele Wortspiele anstellen kann?

**William Wahl:** Beides. Mit meinem Nachnamen kann man viele Wortspiele machen. Aber es geht nicht nur um die Entscheidungsmöglichkeiten, sondern auch um die Weise, also um die Melodie. Eine Variation des Begriffs „Walgesänge“ sind jetzt die Wahlweisen.

**Soundchecker.koeln:** Du beobachtest menschliche Schwächen gerne mit einer Genauigkeit, bei der man sich gelegentlich ertappt fühlt. Entsteht ein guter Song eher aus einer besonders scharfen Beobachtung – oder aus dem Moment, in dem man feststellt, dass man selbst keinen Deut besser ist?

**William Wahl:** Sicher. Es wäre ja auch langweilig, wenn man die Schwächen nur bei anderen Leuten aufdeckt. Das kommt dann auch nicht so sympathisch rüber, wenn man sich über andere mokiert und die nicht zumindest erahnen, dass man sich diese Schwachheiten auch selbst zuschreibt.

**Soundchecker.koeln:** Dein Humor ist oft zartbitterböse, aber nie völlig lieblos. Wie schafft man es, Menschen aufs Korn zu nehmen, ohne sie gleich an den Pranger zu stellen? Oder anders gefragt: Wo hört die feine Klinge auf und wo fängt die Axt an?

**William Wahl:** Das ist eine Lebenseinstellung, und es ist mir wahnsinnig wichtig, dass ich Leute zwar aufs Korn nehme, aber nicht hochgehen lasse.

**Soundchecker.koeln:** „Manuel“ ist inzwischen fast so etwas wie dein Signature-Song geworden. Was macht gerade diesen Titel für dich so besonders? Und hast du manchmal das Gefühl, dass ein Lied ein Eigenleben entwickelt hat und mehr dem Publikum gehört als dir?

**William Wahl:** Im Gegenteil, es ist doch total schön, dass Leute dafür Strophen schreiben. Manche dieser Strophen gehören zum Besten, was zu dem Lied überhaupt beigetragen worden ist. Das finde ich ganz herrlich.

**Soundchecker.koeln:** Mit dem Deutschen Kleinkunstpreis 2026 in der Sparte Musik hast du eine ziemlich gewichtige Auszeichnung gewonnen. Kannst du dich einfach darüber freuen, oder sitzt die mahnende Stimme im Hinterkopf und fragt: „Was mache ich jetzt damit?“

**William Wahl:** Nein, dafür habe ich den Preis in viel zu hohem Alter gewonnen, als dass ich mich jetzt fragen würde: „Oh Gott, wie geht das bloß weiter?“ Ich bin ziemlich zufrieden mit meiner Laufbahn, die ich glücklicherweise nehmen durfte, und ich habe mich sehr über die Auszeichnung gefreut. Aber das macht überhaupt keinen Druck.

**Soundchecker.koeln:** Deine Lieder verbinden Poesie, Komik und Klavierkabarett. Was ist schwieriger: eine wirklich gute Pointe zu setzen oder eine Zeile zu schreiben, die Menschen berührt, ohne Gefahr zu laufen, in hoffnungslosen Kitsch abzurutschen? Du bist schließlich auch auf Social-Media-Plattformen und mit kurzen Videos aktiv.

**William Wahl:** Es ist nun mal so: Die Sachen, die länger brauchen und mit einer gewissen Subtilität daherkommen, setzen sich im Internet nicht durch. Wenn Leute vom Internet zu meinen Shows kommen, dann kommen sie wegen der Sachen, die ziemlich schnell funktionieren. Und dann braucht man Selbstbewusstsein, um zu sagen: Wenn die einmal hier sind, werden sie auch die anderen Sachen mögen. Das Selbstbewusstsein habe ich. Ich mache ja ein Programm, das größtenteils humoristisch ist und in dem man überwiegend lachen kann.

Was ich wichtig finde, ist, dass ich auch in den emotionalen Liedern nie so eine Art Nabelschau betreibe. Ich möchte die Sachen so singen, dass sie verständlich sind und die Emotionen der anderen berühren. Vor Ort erlebe ich es nicht als Problem, den Leuten auch ein bisschen Geduld beizubringen.

Fürs Internet muss man sich andere Sachen einfallen lassen. Da hat „Manuel“ mir wahnsinnig weitergeholfen, weil das Lied nicht nur schnell funktioniert. Über die Hashtags erreicht man auch diejenigen, die Manuel heißen, und dann wird es weitergetragen. Das war ein Glücksgriff.

**Soundchecker.koeln:** Wenn man so ein genauer Beobachter ist wie du: Ist ein Restaurantbesuch noch entspannt möglich, oder wird aus dem Gespräch am Nachbartisch gleich Material für dein nächstes Programm?

**William Wahl:** Nein, so denke ich nicht. Ich denke nicht in Pointen, eher in Liedern. Wenn es darum geht, neue Moderationen zu schreiben, sammle ich tatsächlich Dinge in Notizen. Aber ich bin nicht so „geschädigt“, dass ich die ganze Zeit Pointen sammeln würde.

**Soundchecker.koeln:** „Die Kehrseite der Medaille ist auch aus Gold“ – das ist ein schöner Satz in einer Zeit, in der vieles sofort in Schwarz und Weiß sortiert wird. Ist Humor eine Möglichkeit, Widersprüche auszuhalten, ohne gleich eine endgültige Antwort liefern zu müssen?

**William Wahl:** Ich glaube, das kann man halten, wie man will. Humor wird auch immer dafür eingesetzt, eine eigene Mannschaft hinter sich zu versammeln. Ich habe da ein Faible dafür, Konsens zu finden. Das hat aber nichts mit Humor zu tun. Den kann man einsetzen, wie man möchte.

**Soundchecker.koeln:** Wenn du einen einzigen Song aus deinem Repertoire als Gebrauchsanweisung für das Leben empfehlen solltest: Welcher wäre das? Und gilt diese Empfehlung auch an Tagen, an denen dir nicht nach Kabarett ist?

**William Wahl:** Eine schwierige Frage, die kriege ich so ad hoc nicht beantwortet. Aber es wird keines dieser lustigen Lieder sein, sondern schon eines, das einen emotional ein bisschen mitnimmt. Vielleicht lässt sich das auch gar nicht in eine textliche Botschaft ummünzen, sondern bleibt eher als Gefühl zurück, das die Leute mitnehmen. Das wäre auf jeden Fall ein gutes und versöhnliches Gefühl, das dieses Zartbitterböse mit beschreibt.

**Soundchecker.koeln:** William, vielen Dank für das nette Gespräch!

Fragen: Dennis Kresse
Credits: Harald Kirsch (Pantheon Bonn)

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