Es gibt Bücher über Musik. Und es gibt Bücher, die sich anfühlen wie ein verkratztes Tape, das dir jemand nachts um drei in die Hand drückt und sagt: „Hör das. Das hat mein Leben verändert.“
„Bored Teenagers – Ein Punk-Mixtape“, herausgegeben von Jonas Engelmann, gehört ziemlich eindeutig zur zweiten Kategorie.
Über 200 Stimmen, über 400 Songs, ein halbes Jahrhundert Punk – das klingt erstmal nach Überforderung. Ist es auch. Aber genau darin liegt die Pointe: Punk war nie kuratiert, nie sauber, nie abgeschlossen. Dieses Buch auch nicht.
Hier schreiben alle: von Bela B bis Simon Reynolds, von Szenekenner:innen bis Szenekindern, von Theoretiker:innen bis Leuten, die einfach nur einen Song lieben. Und genau das ist der rote Faden: keine Geschichte des Punk, sondern tausend persönliche Einstiege.
Natürlich tauchen die üblichen Verdächtigen auf – Anarchy in the U.K., I Wanna Be Sedated, California über alles – aber spannend wird es da, wo es ausfranst: obskure Bands, vergessene Tracks, deutsche Kellerproduktionen, Post-Punk-Abzweigungen, poppige Ausrutscher. Punk war eben nie nur drei Akkorde, sondern immer auch Haltung, Widerspruch, Identitätssuche.
Was „Bored Teenagers“ stark macht: Es erklärt nichts tot. Stattdessen lässt es stehen. Kurze Texte, Erinnerungsfetzen, kleine Essays – mal nostalgisch, mal wütend, mal überraschend zärtlich. Punk als Soundtrack zur Jugend, als politischer Weckruf, als ästhetischer Befreiungsschlag. Oder einfach als ein Song, der dich einmal richtig erwischt hat.
Klar: Nicht jeder Beitrag zündet. Manche Texte bleiben Skizze, andere verlieren sich in Insider-Nostalgie. Aber ganz ehrlich – ein perfektes Punk-Buch wäre verdächtig.
Viel wichtiger ist: Dieses Buch lebt. Es widerspricht sich. Es ist laut, manchmal anstrengend, oft klug – und nie egal. Genau wie Punk selbst.
Und während man sich durch die Seiten blättert, passiert etwas Seltsames: Man will sofort wieder Musik hören. Laut. Unsortiert. Vielleicht sogar falsch.
Kein Nachschlagewerk, sondern ein kollektiver Adrenalinschub. „Bored Teenagers“ ist das literarische Äquivalent zu einem viel zu langen, viel zu guten Punk-Mixtape – und genau deshalb unverzichtbar.
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