The Snuts – Das Glück wohnt manchmal gleich um die Ecke

Manchmal muss man erst ordentlich die Welt bereisen, um zu merken, dass das eigene Zuhause doch mehr zu bieten hat als die vertraute Couch und den Lieblingspub. The Snuts haben sich vom schottischen West Lothian aus nach oben gespielt, von kleinen Clubs bis in ausverkaufte Arenen. Doch statt immer höher, schneller und lauter zu wollen, drücken die vier Schotten auf „Pause“. „Joy In Short Moments“ heißt ihr neues Album, und der Titel ist Programm: Das Glück steckt eben manchmal in den kleinen Dingen, die man auf der Überholspur gern übersieht.

Die Heimat der Band ist keine Postkartenidylle, sondern eine Region, deren Geschichte von den Folgen der Deindustrialisierung geprägt ist. Vielleicht steckt gerade darin ein Teil der Bodenständigkeit, die The Snuts auszeichnet. Frontmann Jack Cochrane ist inzwischen Vater geworden und in seine Heimat zurückgekehrt. Plötzlich stehen andere Fragen im Raum als die nächste Tour, der nächste Auftritt und die nächste große Bühne. Was bleibt, wenn der Trubel verstummt? Was bedeutet Erfolg, wenn man ihn nicht mehr ausschließlich an Ticketverkäufen und Applaus misst?

„Joy In Short Moments“ klingt nach einer Band, die sich diese Fragen tatsächlich stellt, statt sie bloß für den Pressetext hübsch aufzubereiten. Wo früher die ständige Bewegung den Takt vorgab, rückt nun das Persönliche in den Mittelpunkt. Die Songs wirken unmittelbarer, ehrlicher und stärker im Alltag verwurzelt. Das ist kein Rückzug aus Angst vor der großen Bühne, sondern vielmehr der Versuch, sich selbst wieder näherzukommen. Und seien wir ehrlich: Wer ständig unterwegs ist, verpasst womöglich genau jene Momente, über die es sich später zu singen lohnt.

Dabei müssen The Snuts ihre Vergangenheit keineswegs verleugnen. Der Weg von den kleinen Clubs in die großen Hallen hat ihnen schließlich eine eigene Stimme verschafft. Doch auf diesem Album scheint es weniger darum zu gehen, möglichst viele Menschen gleichzeitig zum Ausrasten zu bringen, als vielmehr darum, etwas zu erzählen, das auch nach dem letzten Akkord noch nachhallt. Persönlich statt pompös, nahbar statt aufgeblasen – das steht der schottischen Band gut.

Natürlich ist ein Schritt zurück nicht automatisch ein musikalischer Quantensprung. Aber „Joy In Short Moments“ besitzt einen reizvollen Ansatz: Es erinnert daran, dass Erwachsenwerden nicht zwangsläufig bedeutet, die jugendliche Energie einzumotten. Manchmal heißt es einfach, genauer hinzuhören.

The Snuts liefern damit ein Album über die Kunst, im eigenen Leben wieder anzukommen. Und wer dafür kurz den Tourbus stehen lässt, hat womöglich mehr gewonnen, als der nächste ausverkaufte Abend versprechen kann.

Text: Dennis Kresse