Steve Hackett in der Kölner Philharmonie: Eine Zeitreise durch die goldene Genesis-Ära

Es gibt Konzerte, die funktionieren wie ein gewöhnlicher Abend. Und es gibt Konzerte wie dieses: Abende, die sich anfühlen wie ein kunstvoll restauriertes Gemälde, das plötzlich wieder leuchtet. Als Steve Hackett am Sonntagabend die Bühne der Kölner Philharmonie betrat, war sofort klar, dass hier keine nostalgische Pflichtübung stattfinden würde. Vielmehr präsentierte Hackett mit seiner „Best of Genesis & Solo Gems 2026“-Tour eine musikalische Werkschau voller Spielfreude, technischer Perfektion und emotionaler Wucht.

Schon die ersten Minuten machten deutlich, warum Hackett für viele Fans bis heute der klangliche Architekt der klassischen Genesis-Jahre geblieben ist. Seine Gitarre sang, schwebte und explodierte gleichermaßen – mal filigran und verträumt, mal aggressiv und voller Druck. Besonders beeindruckend war dabei, wie selbstverständlich die Stücke aus der Genesis-Hochphase zwischen 1971 und 1977 neben seinem Solomaterial funktionierten. Die Übergänge wirkten organisch, fast so, als seien diese Songs schon immer Teil eines gemeinsamen musikalischen Universums gewesen.

Die neue Besetzung erwies sich dabei als absoluter Glücksgriff. Keyboarder Lalle Larsson brachte enorme Virtuosität und gleichzeitig erstaunlich viel Gefühl mit. Seine Sounds verliehen den komplexen Arrangements zusätzliche Tiefe, ohne jemals in sterile Technikverliebtheit abzudriften. Gerade bei den atmosphärischen Passagen zeigte sich, wie wichtig seine Rolle innerhalb des Klangbilds geworden ist. Auch Felix Lehrmann am Schlagzeug überzeugte vom ersten Moment an. Präzise, druckvoll und zugleich enorm dynamisch verlieh er den oft verschachtelten Kompositionen einen modernen Puls. Zusammen mit Bassist Jonas Reingold entwickelte sich ein Rhythmusfundament, das die Philharmonie phasenweise erbeben ließ.

Im Zentrum blieb jedoch stets Hackett selbst. Beeindruckend war weniger die technische Klasse – die ohnehin außer Frage steht – als vielmehr seine sichtbare Begeisterung für jede einzelne Note. Während viele Musiker seines Formats ihre Klassiker routiniert herunterspielen, wirkte Hackett wie jemand, der seine Musik immer noch neu entdeckt. Besonders in den langen instrumentalen Passagen entwickelte das Konzert eine fast hypnotische Intensität. Die Gitarrensoli waren keine bloßen Demonstrationen von Virtuosität, sondern erzählten Geschichten voller Melancholie, Dramatik und Schönheit.

Auch Sänger Nad Sylvan lieferte einen guten Auftritt ab. Seine Stimme bewegte sich souverän zwischen theatralischer Ausdruckskraft und emotionaler Zerbrechlichkeit und verlieh den Genesis-Klassikern genau jene Mischung aus Pathos und Fragilität, die diese Stücke bis heute so einzigartig macht. Rob Townsend wiederum sorgte mit Saxophon und Flöten immer wieder für überraschende Farbtupfer und erweiterte das ohnehin enorme Klangspektrum der Band zusätzlich.

Die besondere Akustik der Philharmonie spielte dem Ensemble dabei perfekt in die Karten. Jeder Ton wirkte transparent, jede Feinheit blieb hörbar. Gerade die ruhigeren Momente entfalteten dadurch eine enorme Wirkung. Gleichzeitig zeigte die Band auch in den härteren Passagen eine beeindruckende Kraft, ohne jemals überladen oder bombastisch zu klingen.

Das Publikum reagierte entsprechend begeistert. Zwischen ehrfürchtiger Konzentration und frenetischem Jubel entstand eine Atmosphäre, die man in dieser Intensität nur selten erlebt. Viele Zuschauer dürften die Songs seit Jahrzehnten kennen – doch an diesem Abend klangen sie frisch, lebendig und erstaunlich zeitlos.

Am Ende blieb der Eindruck eines Konzerts, das weit mehr war als eine nostalgische Rückschau. Steve Hackett bewies eindrucksvoll, dass progressive Rockmusik auch 2026 nichts von ihrer Faszination verloren hat, wenn sie mit solcher Leidenschaft und Klasse präsentiert wird. Die Kölner Philharmonie wurde für knapp drei Stunden zu einem Ort, an dem musikalische Vergangenheit und Gegenwart nahtlos ineinanderflossen – getragen von einem Gitarristen, der seine Liebe zur Musik offenbar tatsächlich niemals verloren hat.

Setlist Steve Hackett, Philharmonie, Köln (24.05.2026)

Set 1: Solo Gems
01. The Devil’s Cathedral
02. Every Day
03. The Sea Inside
04. Ace of Wands
05. The Steppes
06. Camino Royale
07. Shadow of the Hierophant

Set 2: Best of Genesis

08. Dancing With the Moonlit Knight
09. The Cinema Show
10. Aisle of Plenty
11. Firth of Fifth
12. Supper’s Ready
13. Dance on a Volcano
14. Los Endos / Slogans / Los Endos

Text: Dennis Kresse
Credits: Harald Rötter

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