Zwischen Melancholie, Gesellschaftskritik und Hoffnung: Warum „Life After Music“ mehr ist als nur ein Album
Mit „Life After Music“ veröffentlicht Daniel Benyamin kein klassisches Konzeptalbum, sondern eine intensive Auseinandersetzung mit unserem modernen Musikkonsum. Zwischen Streamingkritik, Einsamkeit am Olymp und der Sehnsucht nach echter musikalischer Tiefe spricht er über Autoplay-Zombies, emotionale Stille und die Frage, warum ausgerechnet wir selbst vielleicht die größten Gegner unserer eigenen Hörkultur geworden sind. Trotz aller Kritik bleibt dabei überraschend viel Wärme, Ironie und Hoffnung.
Mit „Life After Music“ stellst du nicht einfach ein neues Album vor, sondern gefühlt gleich eine komplette Bestandsaufnahme unserer Hörkultur. Gab es einen konkreten Moment, an dem du dachtest: „So wie wir heute Musik konsumieren, läuft irgendetwas fundamental falsch“?
Ja und ich danke dir dass du die Frage so rum stellst: Wir haben in den letzten Jahren viel zu sehr auf Big Tech, Streaming, KI etc. geflucht. Zu Recht, aber zu einseitig: denn wir sind diejenigen, die sie am Leben erhalten indem wir sie nutzen. Daher gehört die Frage umgedreht und gesagt: warum schimpfen wir über Spotify, wo wir doch das Problem sind? Lass dir das mal auf der Zunge zergehen: DU bist das Problem. ICH bin das Problem. Klingt hart, aber ich mein das gar nicht böse. Eher um uns von aussen zu betrachten: WIR zerstören unsere Hörkultur.
Dass Musikerinnen nicht mehr bezahlt werden ist nur noch eine Folge davon. Nicht das böse Spotify bezahlt seine Künstlerinnen nicht fair, sondern DU!
Das wäre doch eine schöne Recherche: wieviel Geld hat ein durchschnittlicher Mensch in den 90ern für Tonträger ausgegeben, vs. heute für n Streamingabo? Kleiner Hinweis an die Leser*innen: ich lächle während ich das sage. Bin ein freundlicher Mensch und möchte nur aufrütteln, nicht kritisieren. Genau deshalb ist die kreative Kunstform Album so wichtig: Durch Regeln oder Strenge gibt’ s keine Veränderung in der Welt. Durch Inspiration schon. Ich hoffe, dass mir das auf dem Album gelungen ist. Denn trotz der Aufforderung an uns alle, den Kopf ausm Sand zu stecken und was zu ändern geht’ s bei dem Album natürlich zuerst um die Musik, um Kreativität, um Inspiration.
Das Album entstand im „Dolphin Palace“ am Fuße des Olymp – klingt gleichermaßen nach Mythos, Einsamkeit und kreativer Selbsttherapie. Wie sehr hat dieser Ort die Musik tatsächlich verändert? Und wie schnell wird man dort wahnsinnig, wenn plötzlich absolute Stille herrscht?
Das erste was einem dort begegnet ist tatsächlich die Einsamkeit und Stille, mit der das Album auch endet. Allerdings eine lebendige Stille, die meine Musik ja immer als etwas Positives reflektiert. Deshalb gehe ich auch immer wieder hin, genauso wie ich als Hörer auch immer wieder zu bestimmten Alben zurück komme. Wenn der Alltag im „Dolphin Palace“ verstummt, übernehmen natürliche Geräusche.
Absolute Stille gibt es nur im Weltall und in perfekten Studioräumen. Aber im Vergleich zur unnatürlichen Stille eines „Profistudios“ oder der „natürlichen Unruhe“ einer Großstadt bekommt man hier ein Echo. Eine natürliche Antwort. Man wird mit sich selbst konfrontiert. Das anfängliche Unwohlsein weicht ziemlich bald dem Gefühl des Echt-Angekommen-Sein: „Warum muss ich hier jemals wieder weg?“. Was du mit Wahnsinn meinst ist vielleicht der Moment, wo die Einsamkeit uns herausfordert, unser eigenes Leben zu spiegeln. Gedanken wie: Hier ist NICHTS und es geht mit besser als in einer Welt wo ich Überfluss habe. Bei sogenannter melancholischer Musik ist es ja ähnlich: wenn mir Leute erzählen, dass meine Musik aber traurig sei, kann ich nur erwidern: Nee, meine Musik ist nur sehr emotional und spiegelt letztendlich deinen Gemütszustand. Mich macht tief emotionale oder melancholische Musik glücklich. Weil ich mich mit der Traurigkeit in mir auseinandersetze. Leute die dies nicht tun werden traurig bei emotionaler Musik. Oder wahnsinnig bei Stille und Einsamkeit. Mit Zugang zu den eigenen Gefühlen ist das, was du Wahnsinn nennst 100% Inspiration. Monochrome Gefühlswelten treffen aufeinander und das macht doch die Musik, die entsteht erst spannend. Man kann Melancholie und Euphorie zugleich verspüren. Klingt etwas abstrakt, weil man es nur erleben kann und nicht verstehen. Das Schöne am Olymp ist ja, er ist quasi hochalpin aber ohne Massen von Touristen. Stell dir vor du wärst plötzlich alleine auf den Alpen. Das ist zuerst verwirrend. Aber dann wird’ s größer als du. Und dann siehst du plötzlich auch noch das Meer! Wenn man das in die Musik packt wird’s interessant. Ich bin hier kreativer als je zuvor, das kann ich dir sagen!
Du beschreibst heutige Musik oft eher als „Werbung“ oder Dauerbeschallung statt als Kunst. Klingt fast so, als würdest du Streamingdienste nicht nur kritisieren, sondern regelrecht betrauern. Vermisst du das alte „Musik entdecken“?
Nein, Streamingdienste zum Musik entdecken sind erstmal wunderbar. Wir müssen nur konsequent sein. Stell dir ne Generation vor, die nur noch Filmtrailer anschaut. Die über Filme redet, die sie nie gesehen hat. So hören wir aktuell Musik. Für einen Großteil der Menschen ist das auch okay. Vor allem wenn man ganz vereinfacht zwischen Musikhörerinnen und Musikkonsumenten unterscheidet.
Die große Mehrheit war schon immer nur Konsument*innen von Dudelmusik. Einfach Radio an und konsumieren.
Nicht auf den Gedanken kommen, dass eine Band, deren Hit ich mag vielleicht noch viel tiefere, nachhaltigere Musik geschrieben hat.Als Beispiel fällt mir Midnight Oil und „Beds Are Burning“ ein, deren Rob Hirst uns dieses Jahr verlassen hat.
Traurig wird’ s für mich erst, wenn die echten Musikhörer*innen sprichwörtlich aufgeben. Streaming kann ja den Gang zum Plattenladen um dort neue Veröffentlichungen anzuhören ersetzen. Oder die wöchentliche Lieblingsradiosendung, wo man Neues entdeckt. Aber das wars schon. Wenn gestandene Musiknerds in die Dudelspirale fallen, das ist traurig!
Viele Künstler*innen schimpfen über Algorithmen, veröffentlichen aber trotzdem Songs im perfekten Streamingformat. Du gehst mit dem physischen Doppelalbum bewusst den umgekehrten Weg. War das mutig, romantisch oder wirtschaftlicher Selbstmord?
Ja! Auch Artists sind Teil des Problems! Sie passen sich diesen Hörgewohnheiten an, indem sie kürzere Songs machen oder sogar selbst anfangen zu denken und klingen wie KI.
So verschwindet die Tiefe. Und Musik ohne Tiefe, Musik die keinen Kosmos erschafft, Musik, die beim 10. Mal hören nicht besser ist als beim ersten Mal, ist für mich eben keine Musik, sondern nur Werbegetöse für Internetklicks. Dann lieber Stille.
Als wirtschaftlichen Selbstmord sehe ich meinen Weg auf keinen Fall. Eher das Gegenteil: wir sind die Zukunft! Alle die nachhaltig komponieren und einfach kreativ sind, wie ihnen das Herz gewachsen ist, investieren doch in die Zukunft. Das wird sich immer auszahlen.
Besonders spannend ist, dass sich „Life After Music“ musikalisch immer weiter auflöst – von eingängigen Popsongs hin zu Leere, Ruhe und fast schon Auflösung. Hattest du nie Angst, Hörer*innen auf diesem Weg zu verlieren?
Ein bisschen hoffe ich, damit Autoplay-Zombies zu gewinnen oder wenigstens zu verwirren und aufzurütteln. Die irgendwann entweder feststellen, dass sie aus Versehen 80 Minuten Musik vom selben Künstler gehört haben. Oder aktiv werden müssen: bewusst was anderes aussuchen. Das wäre ja auch schon ein Fortschritt! An die gute alte Qualität glaube ich nach wie vor und dass sie sich durchsetzt.
Deine Musik wirkt oft wie ein Gegenentwurf zur schnelllebigen TikTok- und Playlist-Kultur. Glaubst du, dass man heute überhaupt noch „lebensverändernde“ Beziehungen zu Alben entwickeln kann – oder ist diese Zeit endgültig vorbei?
Ja, das glaube ich immer noch, mehr denn je. Musik und das Hören haben sich schon immer verändert. Seit Musik aufgezeichnet wurde, ob in Noten oder als Aufnahmen, war das so. Aber es gab immer wieder Zeiten, wo sich die Leute auf die Tiefe von Musik zurückbesonnen haben. Denn darum geht es letztendlich.
Wir dürfen nicht vergessen:
Der „Popaspekt“ von Popmusik war schon immer ein Problem, nicht erst seit dem Internet. Denn Popmusik muss sofort zünden. Instantfood. Gute Musik kann das gar nicht, sie kann wenn überhaupt mal schnell neugierig machen. Daher faszinieren mich Künstlerinnen wie Kate Bush und Björk, die beides geschafft haben: Popmechanismen vorzutäuschen und uns über Oberflächlichkeiten dazu gebracht haben, genauer und öfter hinzuhören.
Das Album stellt die unbequeme Frage, ob wir vielleicht schlicht verlernt haben zuzuhören. Was müsste passieren, damit Menschen wieder bewusster Musik erleben statt sie nur nebenbei laufen zu lassen?
Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass einzelne Menschen in einer individuellen Erfahrung und auch die Menschheit als Gesamtes immer wieder an einen Punkt kommen, an dem sie sich auf Tiefe besinnen. Und Neuerungen wie die digitale Revolution oder Musiktrends sind irgendwann Schnee von gestern. Qualität bleibt. Daher mache ich weiter, bis ich das Gefühl habe ich kann nichts mehr Hochwertiges liefern.
Mit der Ghost Palace Artist Society engagierst du dich zusätzlich politisch und sozial für Künstlerinnen. Wie frustrierend ist es für dich zu sehen, dass Kunst zwar permanent konsumiert wird, viele Künstlerinnen davon aber kaum leben können?
Es gibt eine Stunde am Tag, kurz nach dem Aufwachen. Da bin ich frustriert. Die anderen 23 bin ich positiv. Selbst wenn ich wütend bin auf solche Zustände, bin ich eher aktiv-aggressiv. Haha.
Dann wende ich mich mir selbst zu und frage: wo kann ich meine Sicht ändern und mein Handeln?
Ich stelle fest, dass es doch gar nicht schlecht aussieht. Mir geht’s gut. Ich kann irgendwie von meiner Kunst leben. Ich muss zwar meine Ansprüche zurückschrauben. Und immer wieder Eigenwerbung machen und Klinken putzen, was mir unangenehm ist. Ich lebe statistisch gesehen in Deutschland unter der Armutsgrenze und komme finanziell mit wenig aus. Aber ich bin glücklich und lebe meinen Traum. Und komme immer mehr weg von der Idee, dass jeder Mensch 2,500 Euro Netto braucht um zu leben. Wir sind superreich. Alle die das lesen. Nicht vergessen! Im Vergleich zu anderen Zeiten aber auch anderen Ländern.
Trotz aller Kritik klingt „Life After Music“ nie verbittert oder zynisch. Stattdessen steckt erstaunlich viel Wärme und Hoffnung darin. War dir wichtig, nicht einfach ein kulturpessimistisches Abgesang-Album zu machen?
Ja genau, das ist wieder diese eine dunkle Stunde gegen 23 helle. In der dunklen Stunde gibt es keine Kreativität. Inspiration ist immer enthusiastisch. Kreativität funktioniert nur durch Inspiration. „Life After Music“ ist zwar ein Denkanstoß aber auch ganz klar ironisch. Wie gesagt, Musik wird immer aufregender, jetzt wo sie nichts mehr beweisen muss und zeigt dass sie auch überlebt, wenn man mit ihr keinen finanziellen Reichtum mehr machen kann…
Hand aufs Herz: Wenn du heute nochmal 16 wärst – würdest du dich überhaupt noch in Musik verlieben? Oder wäre Daniel Benyamin 2026 eher jemand, der Playlists nach drei Songs wegklickt und nebenbei aufs Handy schaut?
Ich bin doch grade erst 17 geworden. 🙂 Was soll sich geändert haben? Aber ja: es gibt aktuell eine Generation, deren Soundtrack zu ihrer Jugend so klingt: „Click, click, click.“ oder „Skip, skip, skip“. Das sind die zwei großen Hits ihrer Zeit. Wie traurig. Mit Alter in Jahren hat das aber nichts zu tun.
Vielen Dank für das spannende Gespräch.
Fragen: Dennis Kresse
Erzählt von uns: