SALÒ x Soundchecker Köln – Doomscrolling, Dissonanz und der ganz normale Wahnsinn – SALÒ über „rotten.com“ und das Leben im digitalen Overload

Mit „rotten.com“ liefert SALÒ einen Song, der sich anfühlt wie ein zu lange offener Browser-Tab: verstörend, faszinierend und schwer wegzuklicken. Zwischen Internet-Frühtrauma, Gegenwartsüberforderung und popkultureller Reizüberflutung entsteht ein Sound, der genau da trifft, wo es unangenehm wird. Wir haben mit SALÒ über digitale Abstumpfung, Ironie als Schutzschild und sein kommendes Album „Hardcore“ gesprochen.

Deine neue Single „rotten.com“ wirkt wie ein sehr direkter Kommentar auf digitale Abstumpfung und Gewaltbilder im Netz. Erinnerst du dich noch an den Moment, in dem dir klar wurde: Das muss ein Song werden?

Es gab da gar keinen konkreten Moment – man wird ja ständig mit Tod, Krieg und Verderben bombardiert, wenn man im richtigen Doomscroll-Algorithmus ist. Die Text-Idee hatte ich schon lange in meinen Handy-Notizen gespeichert und als wir den Song das erste Mal gejammt haben, wusste ich intuitiv: Das ist „rotten.com“.

Der Titel verweist auf eine der berüchtigtsten Seiten der frühen Internetgeschichte. War rotten.com für dich tatsächlich eine prägende Erfahrung – oder steht der Name eher als Symbol für eine ganze Ära des Internets?

Es war natürlich eine prägende Erfahrung der Internet-1.0-Ära, die ich glücklicherweise miterleben durfte. Als junger Mensch sucht man immer nach Grenzerfahrungen – da waren solche Seiten genau das richtige Mittel.

In „rotten.com“ prallen Kindheitserinnerungen, Konsumwelt und globale Gewaltbilder aufeinander. Schreibst du solche Texte bewusst wie eine Art Collage aus Realitätssplittern?
Ich schreibe meine Texte eigentlich gar nicht bewusst. Die kommen einfach so raus, wie sie durch meinen kreativen Filter schlüpfen.

Deine Musik bewegt sich zwischen Punk, Electroclash und Pop. Wie wichtig ist dir diese stilistische Unschärfe?

Ich würde meine Musik niemals als „Anarcho-Pop“ bezeichnen. Solche Genre-Zuschreibungen haben oft eine kurze Halbwertszeit. Ich mache einfach das, was mich und meine Band antreibt. Wenn dabei Pop rauskommt, umso besser.

Viele deiner Songs wirken gleichzeitig ironisch und sehr verletzlich. Ist diese Mischung ein Schutzmechanismus – oder deine ehrlichste Ausdrucksform?

Die Ironie ist definitiv ein Schutzmechanismus. Ich will nicht mit erhobenem Zeigefinger oder plakativen Parolen arbeiten. Lieber erzähle ich etwas, das man so noch nicht tausendmal gehört hat.

Das kommende Album „Hardcore“ klingt nach maximaler Intensität. Was bedeutet „Hardcore“ für dich heute?

Das lasse ich offen zur freien Interpretation.

Du beschreibst deine Musik oft als Soundtrack für eine überreizte Generation. Muss Pop heute auch gesellschaftliche Diagnose sein?

Kunst muss gar nichts. Aber man kommt schwer daran vorbei, sich mit den Problemen der Zeit auseinanderzusetzen – weil man selbst Teil davon ist.

Deine Texte sind voller Bilder aus Alltag, Konsum und digitaler Gegenwart. Beobachtest du das bewusst – oder passiert das automatisch?

Ich glaube, alles, was ich über ein Jahr an Eindrücken aufsauge, entlädt sich dann im Album. Gleichzeitig versuche ich, weniger am Handy zu sein und mir wieder mehr Inspiration aus Büchern und Filmen zu holen.

Deine Liveshows gelten als ziemlich eskalativ. Wie viel davon ist geplant?

Bis auf Bühnenbild und Setlist eigentlich nichts. Auf der Bühne fallen meine Masken – da kann ich einfach ich selbst sein.

Wenn jemand „Hardcore“ zum ersten Mal hört: Welche Reaktion wünschst du dir?

Am besten wäre, wenn die Leute für 90 Minuten vergessen, dass die Welt da draußen gerade ziemlich brennt.

Vielen Dabk für das Gespräch.

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