Roots, Rock, Reggae – Vier Abende, ein Bob Marley

London, Juni 1976. Bob Marley & The Wailers spielen vier Abende im Hammersmith Odeon. Ein ziemlich ambitioniertes Unterfangen, denn das Theater fasst ungefähr fünfmal so viele Menschen wie eine gewöhnliche Wailers-Show. Es hätte also auch schiefgehen können.

Tat es aber nicht.

Im Gegenteil: Die Band nutzt die große Bühne, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Marley ist zu diesem Zeitpunkt endgültig auf dem Weg vom jamaikanischen Reggae-Star zur internationalen Ikone – und diese Aufnahmen zeigen ziemlich eindrucksvoll, warum.

Fünfzig Jahre später liegen die damals mitgeschnittenen Konzerte nun erstmals vollständig vor. „Roots, Rock, Reggae: Live At The Hammersmith Odeon“ versammelt 18 Titel, die aus den Original-Multitrack-Aufnahmen neu zusammengestellt und abgemischt wurden.

Schon „Trenchtown Rock“, „Burnin’ And Lootin’“ und „Them Belly Full“ machen deutlich, dass hier niemand auf Nummer sicher geht. Die Wailers spielen mit einer bemerkenswerten Mischung aus Präzision und Lockerheit. Der Groove sitzt, aber er wirkt nie festgezurrt. Genau das macht diese Aufnahmen so lebendig.

Dann kommt „Rebel Music“, gefolgt von „I Shot The Sheriff“ – und spätestens jetzt wird klar, dass Marley längst nicht mehr nur vor einem Reggae-Publikum steht. Die Songs funktionieren als Musik, als Haltung und als gemeinsame Sprache.

Besonders schön sind die Momente, in denen das Konzert etwas vom erwartbaren Programm abweicht. „Bend Down Low“ gehört zu den Raritäten des Albums und wurde nur am letzten Abend dieser Konzertreihe gespielt. „Crazy Baldhead“ bekommt eine ausgedehnte Fassung, während „Lively Up Yourself“ mit seinem tiefen Bass beinahe hypnotische Züge annimmt.

Und natürlich darf „No Woman, No Cry“ nicht fehlen. Der Song war inzwischen längst einer der großen Marley-Momente und bekommt hier trotzdem nicht den Charakter einer Pflichtnummer. Vielmehr fügt er sich selbstverständlich in das Konzert ein.

Der eigentliche Höhepunkt kommt allerdings ganz am Ende. Die rund 30-minütige Zugabe beginnt mit „Positive Vibration“ und „Rat Race“, bevor „War / No More Trouble“ in das zwölfminütige „Get Up, Stand Up“ übergeht.

Das ist dann nicht mehr einfach nur ein Konzertabschluss. Marley verbindet den Aufruf zum Tanzen mit einem Aufruf zur Einheit. Und plötzlich ist ziemlich egal, dass diese Aufnahme ein halbes Jahrhundert alt ist.

Bemerkenswert ist auch, wie wenig Patina diese Musik angesetzt hat. Natürlich hört man, dass hier 1976 gespielt wird. Aber die Energie wirkt nicht museal. Die Band klingt hungrig, Marley präsent und die Songs haben nichts von ihrer Dringlichkeit verloren.

Dass aus vier Konzerten nun ein Album zusammengestellt wurde, ist dabei eher Stärke als Schwäche. Es geht nicht darum, einen einzigen Abend minutiös zu rekonstruieren, sondern die besten Momente dieser vier Auftritte zusammenzuführen. Herausgekommen ist damit tatsächlich eine Art Konzertabend, den es so vermutlich nie gegeben hat – der sich aber trotzdem erstaunlich echt anfühlt.

Auch die Verpackung gibt sich Mühe: Das Album erscheint unter anderem als 180-Gramm-Doppel-LP und als 2-CD-Set, ergänzt um Konzertfotos und neue Linernotes von Don Letts.

Doch letztlich braucht diese Veröffentlichung weder aufwendiges Vinyl noch schöne Fotos, um ihre Daseinsberechtigung zu beweisen. Diese 18 Songs erledigen das ganz allein.

„Roots, Rock, Reggae“ zeigt Bob Marley in einem Moment, in dem aus einem großen Musiker gerade ein ganz großer wurde. Und das Schöne daran: Man hört ihm dabei nicht zu, wie er Geschichte schreibt. Man hört ihm einfach beim Musikmachen zu.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum dieses Konzert nach 50 Jahren noch immer so frisch klingt.

Text: Dennis Kresse

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