Wenn Father John Misty die Bühne betritt, wirkt das selten wie ein gewöhnlicher Konzertabend. Eher wie eine Mischung aus Predigt, Theaterstück und persönlicher Beichte. Im Carlswerk Victoria präsentierte Josh Tillman Songs seines aktuellen Albums Mahashmashana und zeigte dabei einmal mehr, warum er zu den faszinierendsten Songwritern seiner Generation zählt.
Der Titel des sechsten Studioalbums verweist auf Vergänglichkeit und Endlichkeit – große Themen also, die man bei Tillman allerdings nie trocken serviert bekommt. Stattdessen verbindet er philosophische Gedanken mit bitterem Humor, Selbstironie und überraschender Emotionalität. Genau diese Mischung prägte auch den Abend in Köln.
Zwischen Crooner und Beobachter
Schon der Opener machte deutlich, wie souverän Father John Misty seine Rolle als charismatischer Erzähler beherrscht. Mit eleganter Stimme und lässiger Bühnenpräsenz führte er durch ein Set, das neue Songs und ältere Fan-Favoriten geschickt miteinander verband. Die Band spielte mit beeindruckender Präzision, ohne den Liedern ihre Spontaneität zu nehmen.
Neue Songs mit großer Wirkung
Besonders die Stücke aus Mahashmashana entfalteten live eine zusätzliche Tiefe. „I Guess Time Makes Fools of Us All“ wirkte wie eine melancholische Hymne auf die Unzuverlässigkeit des Lebens, während „She Cleans Up“ mit seinem trockenen Witz und seiner eingängigen Melodie für erste Mitsingmomente sorgte.
Ein Meister der Zwischentöne
Was Father John Misty von vielen anderen Singer-Songwritern unterscheidet, ist seine Fähigkeit, große Gefühle mit einem Augenzwinkern zu präsentieren. Zwischen den Songs kommentierte Tillman das Geschehen mit trockenem Humor, spielte mit seiner eigenen Bühnenfigur und nahm gleichzeitig die Welt um sich herum scharf ins Visier.
Diese Mischung aus Distanz und Aufrichtigkeit machte den Abend besonders. Hinter der ironischen Fassade schimmerte immer wieder echte Verletzlichkeit hervor – etwa in den ruhigeren Passagen, wenn die Stimme beinahe flüsternd über minimalistischen Arrangements lag.
Köln hört aufmerksam zu
Das Publikum in der Carlswerk Victoria zeigte sich ungewöhnlich konzentriert. Statt dauernder Gespräche herrschte oft gespannte Stille, bevor nach den Songs begeisterter Applaus aufbrandete. Gerade bei einem Künstler wie Father John Misty, dessen Texte voller literarischer Anspielungen und feiner Beobachtungen stecken, ist diese Aufmerksamkeit ein großes Kompliment.
Fazit
Father John Misty lieferte in Köln kein spektakuläres Effektfeuerwerk, sondern ein Konzert, das von Songs, Geschichten und Persönlichkeit lebte. Mahashmashana stand dabei klar im Mittelpunkt und erwies sich live als ebenso düster wie faszinierend.
Wer Josh Tillman bislang nur von seinen Studioaufnahmen kannte, bekam in der Carlswerk Victoria den besten Beweis dafür, dass seine Musik auf der Bühne noch eindringlicher wirkt: intelligent, melancholisch, manchmal absurd komisch – und immer ausgesprochen menschlich.
Setlist Father John Misty, Carlswerk Victoria, Köln (09.06.2026)
01. I Guess Time Just Makes Fools of Us All
02. Mr. Tillman
03. Nancy From Now On
04. Being You
05. Goodbye Mr. Blue
06. When You’re Smiling and Astride Me
07. Chateau Lobby #4 (in C for Two Virgins)
08. Mental Health
09. Josh Tillman and the Accidental Dose
10. The Old Law
11. I’m Writing a Novel
12. So I’m Growing Old on Magic Mountain
13. Real Love Baby
14. I Love You, Honeybear
15. Pure Comedy
16. The Payoff
17. She Cleans Up
18. Holy Shit
19. Mahashmashana
Text: Dennis Kresse
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