Man kann über die Sisters of Mercy vieles sagen. Dass sie sich mit neuen Alben schwertun, zum Beispiel. Oder dass Andrew Eldritch inzwischen 67 ist und damit nicht mehr ganz zur Zielgruppe der eigenen 80er-Jahre-Fankultur gehört. Und natürlich durfte nach den vergangenen Absagen und Verschiebungen auch ordentlich Häme über die Gothic-Ikonen ausgeschüttet werden. Doch wer die Sisters kennt, weiß: Die Fans sind geduldig. Und sie haben ein verdammt gutes Gedächtnis für Hits.
Im Kölner E-Werk ist davon jedenfalls nichts zu spüren. Stattdessen ist die Halle ausverkauft und die Erwartung groß. Und tatsächlich: Sobald „More“ oder „Temple of Love“ erklingen, ist die Sache eigentlich schon entschieden. Diese Songs haben die Jahrzehnte nicht nur überlebt – sie funktionieren noch immer erstaunlich gut.
Dabei gibt es sogar neues Material. Die Songd stammen aus der neueren Schaffensphase und fügen sich erstaunlich selbstverständlich zwischen die Klassiker. Die Sisters setzen dabei auf eine angenehm reduzierte Klangästhetik: zwei Gitarren, ein Drumcomputer und darüber diese unverwechselbare Stimme von Andrew Eldritch.
Der Meister selbst bleibt standesgemäß meist im Nebel verborgen. Sichtbarkeit war schließlich noch nie seine größte Stärke. Dafür ist er stimmlich erstaunlich gut bei der Sache. Eldritch klingt nicht wie ein Mann, der seine eigene Vergangenheit verwaltet, sondern wie jemand, der zumindest für diesen Abend noch einmal zeigen möchte, warum diese Band so prägend war.

80 Minuten sind zwar nicht gerade ein Marathon. Aber spätestens bei „This Corrosion“ stellt sich die Frage: Was soll danach eigentlich noch kommen?
Vielleicht ist genau das die Kunst der Sisters of Mercy: Sie müssen nichts mehr beweisen. Sie müssen nur auftauchen, den Nebel einschalten und ihre alten Dämonen von der Leine lassen. Und Köln zeigt: Es gibt immer noch genug Menschen, die ihnen bereitwillig folgen.
Text: Dennis Kresse
Credits: Harald Rötter