30 Jahre Bandgeschichte sind im Indie-Zirkus keine Selbstverständlichkeit – und Kapelle Petra machen aus diesem Jubiläum keinen musealen Rückblick, sondern einen sehr lebendigen Abend. Das Carlswerk Victoria ist sehr gut gefüllt, die Erwartung spürbar – und wird von Beginn an eingelöst. Punkt 20 Uhr steht die Band aus Hamm auf der Bühne.
Schon nach wenigen Minuten wird klar: Das hier ist kein „Best Of“-Abspulen, sondern ein Konzert mit Haltung. Die Songs aus dem Kapelle Petra Kosmos funktionieren live nicht als Rückschau, sondern als Verdichtung. Zwischen Garagencharme, Indie-Hymnen und diesen typischen Kapelle-Petra-Alltagsbeobachtungen entsteht ein Set, das gleichermaßen trägt und treibt.
Das Publikum ist von Anfang an drin. Viel Mitsingen, viel Bewegung – aber nie das Gefühl, dass hier nur Nostalgie verwaltet wird. Kapelle Petra schaffen es, ihre eigene Geschichte großartig zu spielen, ohne darin stecken zu bleiben. Humor und Herz stehen dabei weiterhin nebeneinander, manchmal im selben Song, oft im selben Satz.
Besonders deutlich wird das bei „Nr. 1 Hit“. Live entfaltet der Song eine zusätzliche Energie, die zwischen Grunge-Anleihen und Garage-Attitüde pendelt. Textlich bleibt es bei der bekannten Selbstironie – ein augenzwinkernder Blick auf das Musikgeschäft, der im Publikum spürbar ankommt. Es wird gelacht, aber nicht ausgelacht. Genau dieser Ton macht die Band seit Jahren aus und das gilt auch für Perlen der Band wie „Curly Sue ist doch kein Name für ein Kind aus Gelsenkirchen“ oder das unvermeidbare „Geburtstag“.
Überhaupt ist es diese Balance, die den Abend trägt: Eingängigkeit ohne Anbiederung, Witz ohne Klamauk, große Gefühle ohne angezogene Handbremse. Kapelle Petra wirken nie bemüht, sondern präsent. Die Spielfreude ist da und das Publikum und die Band schaukeln sich gegenseitig zur Bestform.
Natürlich liegt der Fokus auf den bekannteren, energetischeren Stücken. Das sorgt für Tempo und Dichte, lässt aber die sperrigeren, leiseren Momente nur am Rand aufblitzen. Ein bewusster Verzicht, der live funktioniert und beweist was ein großes Herz diese Band hat, wenn Sie auch leisere Songs wie „Niemand ist schöner als du“ spielen, die aber genauso abgefeiert werden wie die Klassiker. Dass „Keine Lieder für böse Menschen“ auch auf der Setlist steht, das ist der Band in diesen schwierigen Zeiten ein dringendes Anliegen.
Der Abend trägt. Und wie. Zwischen Schweiß, Chor und dieser leicht schiefen, sehr ehrlichen Euphorie entsteht genau das, was man sich von einem Jubiläumskonzert wünscht – ohne Pathos, ohne Rückwärtsgewandtheit.
Kapelle Petra feiern sich nicht als Legende, sondern als Band, die noch will. Und genau deshalb funktioniert dieser Abend so gut. Egal ob mit oder ohne Nr.1 Hit.
Im Carlswerk Victoria wird nicht nur zurückgeblickt – hier wird weitergemacht und nach der 30 freuen wir uns auf den 31. Geburtstag mit Kapelle Petra!
01. The Boys Are Back In Town (Thin Lizzy Song))
02. Befund
03. Protestlied
04. Geschminkt
05. Nr 1 Hit
06. Curly Sue ist doch kein Name für ein Kind aus Gelsenkirchen
07. Eine schöne Geschichte
08. Weltkulturerbe
09. BPM
10. Überall diese erfolgreichen Familienväter
11. Tätowiert
12. Bundesjugendspieleteilnahmebescheinigung
13. Ameland
14. Freibad Pommes
15. Mittelmäßiges Leben
16. Seitdem ich Johnny Cash bin
17. Ficken Schmidt
18. Geburtstag
19. Ja
20. Gekämmt
21. Morgen ist frei
22. Also stoßen wir an
23. Geht mehr auf Konzerte
24. Nicht alleine
25. Niemand ist schöner als du
26. Endlich Zuhause
27. An irgendeinem Tag wird die Welt untergehen
28. Keine Lieder für böse Menschen
29. Pogo in den Sonnenuntergang
30. Also stoßen wir an (Reprise)
31. Always On My Mind Elvis Presley Song)
Text: Dennis Kresse
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