Köln 2026 – Èdouard Ferriet sucht Keith Jarretts Vermächtnis!

Es gibt Konzerte, die sind größer als die Musik, die in ihnen steckt. Keith Jarretts legendäres „The Köln Concert“ vom Januar 1975 gehört zweifellos dazu. Ein Flügel, ein Pianist, ein Abend, der Musikgeschichte schrieb. Fünfzig Jahre später wagt sich Édouard Ferlet an dieses musikalische Heiligtum. Und nein, er hat nicht vor, Jarrett einfach nachzuspielen. Das wäre auch ungefähr so originell wie ein Rembrandt mit dem Filzstift nachzumalen.

Ferlet nimmt das berühmte Konzert vielmehr als Ausgangspunkt für eine eigene musikalische Reise. Mithilfe seines PIANOÏD-Systems, einer gemeinsam mit Sony CSL entwickelten Software für künstliche Intelligenz, untersucht er Jarretts Improvisationen, greift Themen und Motive auf und entwickelt sie in seiner eigenen Sprache weiter. Aus dem Dialog zwischen Mensch, Maschine und musikalischem Vorbild entsteht ein spannendes Experiment zwischen Analyse und künstlerischer Freiheit.

Dabei geht es Ferlet keineswegs nur um technische Spielereien. Seine persönliche Beziehung zu Jarretts Aufnahme reicht tief. Als das Konzert in Köln aufgenommen wurde, war er gerade einmal vier Jahre und drei Tage alt. Was für andere längst ein Klassiker im Plattenregal war, blieb für ihn lange ein musikalisches Versprechen. Die Einladung, sich im Rahmen des Festivals Printemps de Bourges mit diesem Werk auseinanderzusetzen, wurde schließlich zur Reise durch das eigene Musikerleben. Von Klassik über Folk und Liedkunst bis hin zu Improvisation und Minimalismus: Jarretts Musik wurde zum Spiegel seiner eigenen Entwicklung.

Das macht dieses Projekt so reizvoll. Ferlet begegnet dem großen Vorbild mit Respekt, aber nicht mit Ehrfurcht, die jede eigene Bewegung ersticken würde. Er sucht nach den Ideen hinter den Improvisationen und fragt zugleich, was davon in seiner eigenen Musik weiterleben kann. Die künstliche Intelligenz liefert dabei Werkzeuge, aber keine künstlerische Haltung. Die muss schon der Pianist selbst mitbringen.

„Köln Variations“ ist keine Wiederholung eines legendären Abends und schon gar kein Versuch, Keith Jarrett vom Pianohocker zu stoßen. Édouard Ferlet macht etwas Klügeres: Er nimmt ein Stück Musikgeschichte auseinander, um daraus etwas Eigenes entstehen zu lassen. Eine respektvolle Verbeugung vor Jarrett – und gleichzeitig ein ziemlich mutiger Schritt auf ganz eigenen Tasten.

Text: Dennis Kresse