The Toten Crackhuren im Kofferraum – „Love, Hate & Engelenergie“
Fast zwei Jahrzehnte nach Bandgründung liefern The Toten Crackhuren im Kofferraum ihr fünftes Studioalbum ab – und wer glaubt, dass sich feministischer Wutpop irgendwann auserzählt, bekommt hier eine liebevoll scheppernde Ohrfeige. „Love, Hate & Engelenergie“ ist Opfergabe, Therapie, Abrissbirne und Gruppenumarmung in einem.
Schon das „Intro“ macht klar, wohin die Reise geht: „Vielleicht bringen wir die Erlösung, vielleicht tut’s auch ein bisschen weh.“ Spoiler: Es tut weh. Aber gut.
Engel mit Stahlkappenschuhen
Die Crackhuren waren nie für falsche Höflichkeit zuständig. Zwischen D.I.Y.-Punk, Elektropop, NDW-Referenzen und kalkulierter Geschmacklosigkeit hat sich die Band seit 2007 konsequent durch Provokation und Selbstermächtigung manövriert. Dass der Tagesspiegel damals schrieb, „Die Welt ist noch nicht bereit für sie“, wirkt heute fast rührend. Die Frage 2025 lautet eher: Ist die Welt inzwischen stabil genug für sie?
„Love, Hate & Engelenergie“ vereint 13 Songs über Liebe, Wut, Freund*innenschaft, toxische Datingphasen, Nudeln gegen Kummer und das Glück, lieber Haustiere, genauer gesagt Tauben als Boyfriends zu haben. Das klingt nach Meme – ist aber oft überraschend präzise beobachtet.
Alles kann, alles muss
Musikalisch liefern The TCHIK – wie sie sich selbst nennen – ihr vielleicht abwechslungsreichstes Album ab. Indierock trifft auf Schlager-Zitate, Pop auf krachige Gitarren, Fotzenrap auf – ja, wirklich – ein Saxophonsolo. Und mittendrin wird noch die „Zauberflöte“ zerlegt, Hochkultur im Schleudergang.
Diese Stilbrüche sind kein Gimmick, sondern Programm. „Polyromantisches Mischmasch“ nennt die Band das selbst – und trifft damit einen Punkt: Hier geht es um Vielfalt, um Widerspruch, um das bewusste Verweigern klarer Genregrenzen. Nicht jeder Übergang sitzt elegant, aber genau das gehört zur Ästhetik.
Zwischen Couchmoment und Krawall
Die größte Stärke der Platte liegt im Spannungsfeld zwischen radikaler Zärtlichkeit und brachialem Humor. Hymnen für „die Geilen, die uns durch den Alltag tragen“ stehen neben Songs, die Dating-Dynamiken sezieren oder patriarchale Erwartungshaltungen frontal attackieren.
Dabei funktioniert das Album am besten, wenn es die Ironie nicht überdreht. Wo die Band sich kurze emotionale Pausen gönnt, entsteht echte Nähe – bevor im nächsten Moment wieder ein wunderbar eingecremter Mittelfinger ins Gesicht schnippt.
Haltung statt Harmlosigkeit
„Love, Hate & Engelenergie“ ist keine Platte für nebenbei. Sie ist laut, überzogen, manchmal bewusst albern – aber immer mit Haltung. The Toten Crackhuren im Kofferraum haben keine Lust mehr, sich kleiner zu machen, als sie sind. Und sie haben auch keine Lust, Erwartungen zu bedienen.
Das macht das Album stellenweise anstrengend, aber nie egal.
Mit „Love, Hate & Engelenergie“ liefern The TCHIK ein kompromissloses, stilistisch überbordendes Statement ab. Nicht jeder Song zündet gleich stark, nicht jede Idee ist zwingend – aber genau dieses Übermaß ist Teil des Konzepts.
Wer leise Ironie sucht, ist hier falsch. Wer eine brachiale Klangtherapie zwischen Herzschmerz, Empowerment und Eskalation braucht, wird reich belohnt.
Am 17. April 2026 gastiert die Band im Gebäude 9 in Köln – live dürfte die Engelenergie endgültig zur Kernschmelze führen. Danke, Lulu, Doren und Ilay!!
Text: Dennnis Kresse
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