Kind of Truth: Eine Biografie, die Miles Davis neu hörbar macht

Stefan Hentz – Miles Davis. Sound eines Lebens

Biografien über Miles Davis gibt es viele – doch Stefan Hentz gelingt mit Sound eines Lebens eine Annäherung, die weder in ehrfürchtiger Heldenverehrung stecken bleibt noch im sensationslüsternen Musikerklatsch versandet. Stattdessen entfaltet sich ein differenziertes Porträt eines Künstlers, der sich konsequent jeder Schublade entzog und den Jazz immer wieder neu erfand.

Hentz erzählt Davis’ Geschichte entlang seiner musikalischen Metamorphosen – vom Cool Jazz über modale Revolutionen bis hin zu elektrischen Grenzüberschreitungen. Dabei wird deutlich, dass Davis weniger ein Stilist als vielmehr ein radikaler Suchender war. Die bekannten Stationen – Kind of Blue, die legendären Second Great Quintet-Jahre, der elektrische Umbruch – werden nicht nur historisch eingeordnet, sondern auch emotional und gesellschaftlich verankert. Besonders stark: der Blick auf die Widersprüche des Menschen hinter der Legende. Zart und brutal, verletzlich und arrogant – Hentz zeigt Davis als komplexe Persönlichkeit, geprägt von Ruhm, Selbstzweifeln und nicht zuletzt von rassistischer Diskriminierung, die seine Kunst nachhaltig formte.

Der Autor schreibt kenntnisreich, ohne sich im Nerdtum zu verlieren. Musikalische Analysen bleiben verständlich, selbst für Leser:innen ohne tiefes Jazzstudium. Gleichzeitig liefert das Buch genug Details und Kontext, um auch erfahrene Hörer:innen abzuholen. Die 35 Abbildungen ergänzen den Text sinnvoll und unterstreichen den dokumentarischen Anspruch.

Was Sound eines Lebens besonders macht, ist seine Balance: zwischen Biografie und Musikgeschichte, zwischen Bewunderung und kritischer Distanz. Hentz zeichnet keinen Mythos nach, sondern einen rastlosen Künstler, der sich selbst immer wieder neu erfand – und damit ganze Generationen von Musiker:innen prägte.

Eine fundierte, lebendige und angenehm unpathetische Miles-Davis-Biografie, die Lust macht, die Diskografie erneut zu durchstreifen – von den ersten coolen Tönen bis zu den elektrischen Ausbrüchen. Für Jazzfans Pflichtlektüre, für Neugierige ein idealer Einstieg.

Text: Dennis Kresse

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