Manche Debütalben klingen, als hätten sie es eilig. Als müssten sie möglichst schnell beweisen, warum es sie gibt. „The End“, das erste Album von kamikaze, geht den entgegengesetzten Weg. Jessi und Flo nehmen sich Zeit. Zeit für Atmosphäre, für Zwischentöne und für die kleinen Risse in einer Welt, die zunehmend lauter, hektischer und oberflächlicher wird.
Dabei wirkt der Albumtitel zunächst fast wie eine Drohung. Tatsächlich erzählt „The End“ aber weniger vom Ende als von Aufbrüchen, Unsicherheiten und der Suche nach einem Platz in einer komplizierten Welt. Das Duo aus Köln und Düsseldorf hat sich in den vergangenen Jahren mit seinem selbst getauften „Soft Riot Pop“ eine eigene Nische geschaffen – irgendwo zwischen Indie-Pop, Dream-Pop, Post-Punk und DIY-Ethos. Auf ihrem Debüt findet dieser Ansatz nun seine bislang konsequenteste Form.
Wer kamikaze bislang nur über einzelne Singles kennengelernt hat, wird überrascht sein, wie geschlossen dieses Album wirkt. Die Songs greifen ineinander, bauen Stimmungen auf und verweigern sich oft bewusst dem schnellen Hitmoment. Stattdessen entsteht eine Sogwirkung, die sich Stück für Stück entfaltet.
Besonders deutlich wird das bei „Fallout“, einem der stärksten Songs des Albums. Die Single schleicht sich förmlich ins Bewusstsein. Flirrende Gitarren, geisterhafte Synthesizer und ein stoischer Rhythmus erschaffen eine nächtliche Kulisse, in der Jessis Stimme zwischen Verletzlichkeit und Entschlossenheit pendelt. Die wiederkehrende Zeile „There’s just night“ entwickelt dabei eine fast hypnotische Wirkung. Es ist Musik für Stunden, in denen man zu viel nachdenkt und trotzdem nicht aufhören möchte.
Überhaupt lebt „The End“ von seiner Atmosphäre. Immer wieder entstehen Bilder von nächtlichen Autofahrten, leeren Straßen und dem Gefühl, gleichzeitig verloren und frei zu sein. Die Band schafft es dabei, Melancholie nie in Selbstmitleid abrutschen zu lassen. Stattdessen schwingt selbst in den dunkelsten Momenten eine Form von Hoffnung mit.
Bemerkenswert ist auch die Konsequenz, mit der kamikaze ihren DIY-Gedanken verfolgen. Das Album wurde komplett in Eigenregie realisiert, und genau das hört man ihm an – im besten Sinne. Nichts wirkt glattpoliert oder kalkuliert. Statt Perfektion gibt es Charakter. Statt überproduzierter Effekte echte Emotionen.
Musikalisch lassen sich Einflüsse von Dream Pop, Lo-Fi-Ästhetik und Post-Punk erkennen. Mal blitzen Erinnerungen an die melancholische Eleganz von The Smiths auf, dann wieder an die emotionale Offenheit von Daughter. Trotzdem gelingt es kamikaze, nie wie eine Kopie ihrer Vorbilder zu klingen. Die Band hat längst ihre eigene Sprache gefunden.
Was „The End“ letztlich so stark macht, ist die Glaubwürdigkeit. Hier stehen keine Marketingstrategen hinter einem künstlich erzeugten Hype, sondern zwei Menschen, die sich ihre musikalische Welt über Jahre selbst aufgebaut haben. Von den ersten Aufnahmen am 4-Spur-Rekorder bis zu ausverkauften EPs, Festivalauftritten und mittlerweile über 1,5 Millionen Streams war der Weg lang – und genau diese Geschichte hört man den Songs an.
Fazit
Mit „The End“ legen kamikaze ein Debütalbum vor, das nicht nach Aufmerksamkeit schreit, sondern sie sich verdient. Die Mischung aus verträumter Melancholie, DIY-Haltung, klugen Arrangements und emotionaler Ehrlichkeit macht das Album zu einer der spannendsten Independent-Veröffentlichungen des Jahres. Wer Musik sucht, die nachhallt, statt nur kurz zu blenden, sollte diesem Album unbedingt Zeit schenken. Für Fans von: Daughter, The Smiths, Black Sea Dahu und moderner Dream-Pop- und Indie-Post-Punk-Ästhetik.
Text: Dennis Kresse
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