Mit ihrem neuen Album „Immer alles gleichzeitig“ liefern Kapa Tult einen Sound zwischen NDW-Vibes, trockenen Gitarren und pointierten Gegenwartsbeobachtungen. Die Platte entstand in nur fünf Tagen als Live-Aufnahme im Studio – mit Produzent Moses Schneider.
Im Gespräch mit soundchecker.koeln erzählt die Band, warum Überforderung heute fast zum Lebensgefühl geworden ist, weshalb Musik trotz politischer Themen Spaß machen muss – und warum der Abwasch manchmal genauso überfordernd sein kann wie die Weltlage.
„Überforderung ist ein ziemlich treffendes Gefühl“
soundchecker.koeln: Euer Album heißt „Immer alles gleichzeitig“ – fühlt sich das für euch selbst manchmal auch so an, wie eine ständige Überforderung im echten Leben?
Kapa Tult:
Ja, der Titel bringt ein allgemeines Gefühl von uns ziemlich gut auf den Punkt. Das gilt sowohl für unsere chronische Überforderung mit allen To-Dos rund um die Band als auch für das politische Weltgeschehen oder gesellschaftliche Herausforderungen.
Wenn man dann bei vermeintlich kleinen Dingen wie Abwasch oder Arztterminen nicht hinterherkommt, stellt sich schnell dieses trügerische Gefühl ein, sein Leben nicht im Griff zu haben – auch wenn es schwierig ist zu definieren, was „sein Leben im Griff haben“ überhaupt bedeutet.
„Schwierige Themen – aber ohne zu erschlagen“
soundchecker.koeln: Die Texte greifen Themen wie Kapitalismus, Klimakrise und Internet-Dauerfeuer auf. Wie schafft ihr es, das alles in eingängige Hooks zu verpacken, ohne die Ernsthaftigkeit zu verlieren?
Kapa Tult:
Bei uns steht ziemlich weit oben, dass Musik auch Spaß machen soll. Wir möchten schwierige Themen ansprechen, aber unsere Hörer*innen damit zu erschlagen ist auch nicht unser Ziel.
Es geht eher darum, sich zu bewegen – im buchstäblichen und im übertragenen Sinne.
„Die Energie der Bühne sollte auf die Platte“
soundchecker.koeln: Ihr habt das Album in nur fünf Tagen live eingespielt. Spürt man diese Energie auf den Songs?
Kapa Tult:
Das war genau unsere Absicht. Wir wollten möglichst viel von unserer Live-Energie auf die Platte transportieren. Gerade durch die Zusammenarbeit mit Moses Schneider ist uns das unserer Meinung nach auch sehr gut gelungen.
„Wenn Moses mit dem Kopf nickt, stimmt der Take“
soundchecker.koeln: Produzent Moses Schneider hat euch während der Aufnahmen eng begleitet. Gab es Momente, die besonders prägend waren?
Kapa Tult:
Moses hat ein extrem gutes Gespür dafür, welcher Take die stärkste Energie freisetzt. Seine Ehrlichkeit im Studio hat uns sehr geholfen. Wenn wir beim Spielen gesehen haben, wie er mit dem Kopf nickt, wussten wir: Das fühlt sich gerade richtig an.
Seine Motivation und Energie waren auch entscheidend in Momenten, in denen wir angefangen haben zu zweifeln.
Chaos trifft Präzision
soundchecker.koeln: „NDW-Pling-Plong verschränkt mit entfesselter Bratgitarre“ – wie würdet ihr euren Sound selbst beschreiben?
Kapa Tult:
Einerseits sind wir ein ziemlich chaotischer Haufen. Andererseits sind wir aber auch teilweise studierte Musiker*innen, die ihre Instrumente präzise spielen können.
Beim Spielen halten wir uns trotzdem nicht zurück und mögen das Risiko. Diese Mischung aus Chaos und Kontrolle prägt unseren Sound.
Persönliche Geschichten aus dem Tourleben
soundchecker.koeln: Alle vier Bandmitglieder haben Gesangsparts und persönliche Ideen eingebracht. Gab es Songs, die besonders von persönlichen Erfahrungen geprägt wurden?
Kapa Tult:
Ja, zum Beispiel bei „Ich bau ab“. Da erzählt jedes Bandmitglied von sehr persönlichen Momenten aus dem gemeinsamen Tourleben.
Es geht um soziale Überforderung, Backstage-Klos, Raststätten-Essen oder auch darum, wie schwierig es sein kann, auf Tour körperlich durchzuhalten.
Musik als Ventil
soundchecker.koeln: Welche Rolle spielt Musik für euch selbst, um mit diesem Gefühl der Überforderung klarzukommen?
Kapa Tult:
Musik zu machen und auf der Bühne zu stehen ist für uns extrem wichtig. Wenn gerade sehr viel organisiert werden muss und alles über den Kopf wächst, sind das genau die Momente, die uns daran erinnern, warum wir das alles überhaupt machen.
Band statt Laptop
soundchecker.koeln: Euer Sound ist bewusst trocken und ohne große Overdubs produziert. Warum ist euch dieses Live-Feeling so wichtig?
Kapa Tult:
Wir möchten zelebrieren, dass wir eine Band sind und nicht alleine am Laptop Musik machen. Natürlich gibt es tolle Musik, die so entsteht – aber wir gehen bewusst einen anderen Weg.
Unsere größte Stärke liegt einfach in der Live-Situation.
Erste Live-Favoriten
soundchecker.koeln: Welche Songs vom Album funktionieren live bisher am besten?
Kapa Tult:
Einige Songs konnten wir schon vor dem Release live testen. Besonders gut funktioniert haben bisher „Niemand“, „Es bringt mir nichts“, „Ich will ein Kind von mir“ und „Ich hasse alles“.
Auf unserer kleinen Akustik-Tour hat auch „Tinder“ sehr gut funktioniert – das macht Vorfreude auf die kommende Tour.
„Seid lieb zu euch und tanzt“
soundchecker.koeln: Wenn das Album ein Soundtrack für Gen Z sein kann – welche Botschaft wollt ihr den Leuten mitgeben?
Kapa Tult:
Macht euch nicht fertig. Seid lieb zu euch. Bleibt stabil – und viel Spaß beim Tanzen.
Fragen: Dennis Kresse
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