Punk wird 50 – und wirkt trotzdem vielerorts lebendiger als die meisten geschniegelt durchgeplanten Gegenwartspop-Entwürfe. Die beiden Anthologien „Bored Teenagers“ und „Angriff aufs Schlaraffenland“ zeigen eindrucksvoll warum. Statt einer trockenen Historienstunde liefern die Bücher über 400 hochpersönliche Liebeserklärungen, Streitgespräche, Erinnerungen und Kampfansagen rund um Songs, die für ihre Autor:innen Punk definiert haben oder immer noch definieren.
Und genau darin liegt die große Stärke dieser Mammutprojekte: Hier wird Punk nicht museal konserviert, sondern ständig neu verhandelt. Zwischen Anarchy in the U.K., Nazis raus, I Wanna Be Sedated oder Für immer Punk geht es eben nie nur um Musik. Es geht um Identität, Haltung, Jugend, Wut, Befreiung und manchmal schlicht ums Überleben.
Besonders schön ist dabei die enorme Vielfalt der Stimmen. Musiker:innen, Journalist:innen, Fanzine-Menschen, Künstler:innen und Szeneveteranen schreiben hier nicht geschniegelt akademisch über Punkgeschichte, sondern emotional, subjektiv und oft herrlich widersprüchlich. Genau so muss das auch sein. Denn Punk war schließlich nie ein Genre, das sich ordentlich katalogisieren ließ.
Dass in „Angriff aufs Schlaraffenland“ die deutschsprachige Szene genauso ernst genommen wird wie die internationale Punkhistorie in „Bored Teenagers“, macht das Gesamtprojekt besonders stark. Denn die Bücher zeigen eindrucksvoll, dass Punk eben nicht nur aus London, New York oder Los Angeles kam. Auch Bands wie Slime, Abwärts oder Fehlfarben haben ihre ganz eigenen Schneisen durch die Popkultur geschlagen.
Dabei schwankt die Stimmung permanent zwischen Nostalgie, Euphorie und bitterer Gegenwartsanalyse. Manche Texte lesen sich wie melancholische Rückblicke auf verrauchte Jugendzentren und erste Plattenkäufe. Andere wirken dagegen erstaunlich aktuell, fast wie Kommentare auf eine Welt, die vielerorts wieder erschreckend autoritär, kalt und spaltend geworden ist.
Besonders gelungen ist, dass die Bücher trotz der riesigen Menge an Beteiligten nie beliebig wirken. Natürlich gibt es Texte, die stärker hängenbleiben als andere. Aber genau dieses Chaos gehört zum Konzept. Punk war schließlich nie glatt, perfekt oder komplett einheitlich. Zwischen Theorie, DIY-Geist, Feminismus, Anti-Kunst und Krach entsteht hier ein riesiges, widersprüchliches Gesamtbild einer Kultur, die sich seit fünf Jahrzehnten erfolgreich weigert, endgültig vereinnahmt zu werden.
Und plötzlich merkt man beim Lesen: Punk lebt eben nicht nur in alten Singles oder zerkratzten Lederjacken weiter. Sondern in Haltungen, Ideen und Songs, die Menschen immer noch verändern können.
„Bored Teenagers“ und „Angriff aufs Schlaraffenland“ sind deshalb weit mehr als bloße Musikbücher. Sie sind kollektive Erinnerungsarchive, Liebeserklärungen und wütende Manifeste zugleich. Oder anders gesagt: genau die Art von Literatur, die Punk verdient hat.
Text: Dennis Kresse
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