Frauen ab 50 ins Licht“ – Ellen Esser über Sichtbarkeit, Aufbruch und ein Festival voller Lebensfreude

Mit Luxoria – Frauen ab 50 ins Licht entsteht in der ufaFabrik in Berlin ein Festival, das weit mehr sein möchte als nur eine Kulturveranstaltung. Initiatorin Ellen Esser bringt Künstlerinnen, Autorinnen, Aktivistinnen und kreative Stimmen zusammen, die zeigen, dass Lebensmitte nichts mit Unsichtbarkeit zu tun haben muss. Zwischen Musik, Gesprächen, Workshops und gesellschaftlicher Haltung geht es um Selbstbestimmung, Kreativität und darum, Frauen ab 50 endlich die Bühne zu geben, die ihnen viel zu lange gefehlt hat. Wir sprachen mit Ellen Esser über kulturelle Klischees, politische Lebensfreude und warum Luxoria bewusst anders sein will als klassische Festivals.

„Frauen ab 50 ins Licht“ klingt gleichzeitig nach Festival, gesellschaftlichem Statement und längst überfälliger Kampfansage. Gab es einen konkreten Moment, in dem du dachtest: „Warum existiert so etwas eigentlich noch nicht längst?“

Ich wurde als dreißigjährige Schauspielerin gefragt, was möchtest du spielen und mir ist keine Rolle eingefallen. Ja, Hamlet hätte ich gerne gespielt oder Peer Gynt, solche Rollen. Aber gabs nicht für Frauen. Also, das Thema, dass die Frauen mit ihren Themen auf ihre Weise vorkommen ist für mich ein Lebensthema.

In der Kulturbranche wird ständig über Diversität gesprochen – gleichzeitig verschwinden viele Frauen ab einem gewissen Alter plötzlich aus dem öffentlichen Fokus. Warum ist Sichtbarkeit ab 50 offenbar immer noch ein kleines kulturelles Revolutionsprojekt?

Nun, heutzutage dürfen Frauen Kommissarinnen spielen! Das ist möglich. Aber zum Beispiel Liebesfilme die Frauen gerne sehen gelten als harmloser Kitsch, während James Bond als Kunst gilt und in Quiz-Sendungen gehört es zum Allgemeinwissen, wer welchen James Bond gespielt hat und was daran vorkam.

Das Spannende an Luxoria ist, dass es nicht nach erhobenem Zeigefinger klingt, sondern nach Lebensfreude, Musik und Begegnung. War dir wichtig, Alter nicht als Defizit, sondern als kreative Kraft zu zeigen?

Ich erlebe älterwerden auch nicht als Dezifit, wie auch viele andere Frauen, denn jetzt haben wir mehr Lebenserfahrung, wir fühlen uns kompetent und wissen, was wir wollen, das stärkt die Lebensfreude.

Mit Gästen wie Regina Ziegler oder Gesine Cukrowski holt ihr Frauen auf die Bühne, die viel erlebt, erkämpft und gestaltet haben. Was verbindet diese unterschiedlichen Stimmen für dich?

Regina Ziegler ist eine Ausnahmeerscheinung, sie hat über 80 Filme produziert, als Mittelständiger Betrieb und auf eigenes Risiko, was dabei eine liebende Tochter, Frau und Mutter, hat Freundschaften gepflegt und das Leben genossen. Das muss man erst einmal alles verbinden können und zeigt, was Frauen leisten können, wenn sie gute Vorbilder haben. Ihre Mutter war bereits eine tatkräftige Journalistin. Gesine Cukrowskis Initiative „Change the picture“ die sie zusammen mit Silke Burmester ins Leben gerufen hat und kämpft gegen Klischees und Diskriminierung von Frauen über 50 im Film.

Workshops über Hormone, Tanz, Schreiben und Begehren wirken fast wie ein Gegenentwurf zu einer Gesellschaft, die Frauen ab 50 oft unsichtbar oder „vernünftig“ haben möchte. Wie politisch ist Luxoria eigentlich?

Luxoria möchte zeigen, was geht, wie toll zum Beispiel selbstbestimmte Sexualität sich anfühlt, wie wichtig ein selbstbestimmtes Leben ist. Wenn es politisch ist, sich als Frau für seine Interessen einzusetzen, dann hochpolitisch.

Viele Menschen verbinden das Älterwerden noch immer mit Verlust. Euer Festival dagegen spricht von Aufbruch. Was verändert sich vielleicht sogar zum Positiven, wenn man die Lebensmitte überschritten hat?

Wie oben schon gesagt, werden viele junge Frauen von Klischeebildern eingeschüchtert. Ich glaube, es ist möglich, sich Schritt für Schritt davon zu befreien und sich selbst kennenzulernen. Das stärkt.

Besonders schön ist, dass Luxoria generationsübergreifend gedacht ist. Was können jüngere Menschen von Frauen lernen, die schon mehrere Leben in einem erlebt haben?

Ich finde, es tut gut, zu sehen, das Liebe auch im Alter glücklich machen kann, dass Gesine Cukrowski jetzt eine andere Art von Schönheit ausstrahlt, als früher und dass häusliche Pflege und die Auseinandersetzung mit Werden und Vergehen einen tief berühren kann.

Festivals definieren sich oft über Lautstärke, Hype und Jugendkultur. Luxoria setzt dagegen auf Austausch, Geschichten und Haltung. Glaubst du, dass sich auch die Festivalkultur selbst gerade verändern muss?

Naja, ich habe den diesjährigen ESC gesehen, das hat mich fast erschlagen. Es gibt wohl einerseits den Trend zu lauter und voller, ich feiere gerne ohne ohrenbetäubenden Lärm und bin mir sicher, da gibt es auch eine große Nachfrage. Die Sommerbühne der ufaFabrik ist einfach wunderschön mit einer glücklich machenden Atmosphäre.

Du stehst mit deiner eigenen Musik ebenfalls auf der Bühne. Wie persönlich ist dieses Festival für dich geworden? Steckt da inzwischen mehr Ellen Esser drin, als ursprünglich geplant war?

Nein, auf keinen Fall. Das ist ja gerade das Spezielle. Wer auf unsere Homepage geht luxoria-frauenfestival.de sieht, wie alles zusammenpasst. Das Konzept, der sinnliche Ausdruck von Frauen am 1. Tag und das Bild der Frau in der Öffentlichkeit am 2. Tag, sieht wie alles aus einem Guss ist. Das passiert nur, wenn eine eigene Handschrift dahintersteht.

Hand aufs Herz: Was wäre für dich am Ende des Wochenendes der schönste Satz, den Besucher:innen mit nach Hause nehmen könnten?

Das war sooo schön, nochmal!

 

 

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