Wenn Peaches nach Köln kommt, ist eines von vornherein klar: Das wird kein normales Konzert. Und tatsächlich verwandelte die Künstlerin am 28. April 2026 die Live Music Hall in einen pulsierenden, schwitzenden Ausnahmezustand – irgendwo zwischen Clubnacht, Kunstperformance und politischem Manifest.
Schon vor Beginn lag eine aufgeladene Spannung im Raum. Das Publikum: bunt, divers, erwartungsvoll. Als Peaches schließlich die Bühne betrat, gab es kein langsames Herantasten. Stattdessen: sofort Druck. Harte Beats, verzerrte Synths und diese unverwechselbare Mischung aus Attitüde, Ironie und Provokation, für die sie seit ihrem Durchbruch mit „The Teaches of Peaches“ steht.
Was folgte, war weniger ein klassisches Konzert als vielmehr ein körperliches Erlebnis. Peaches inszenierte sich mit einer Selbstverständlichkeit, die zwischen Empowerment und bewusster Grenzüberschreitung pendelte. Sexualität, Körperpolitik, Identität – alles wurde nicht nur besungen, sondern gelebt, geschrien, zelebriert. Ihre Texte bleiben dabei so direkt wie eh und je: unbequem, explizit und gleichzeitig erstaunlich befreiend.

Musikalisch bewegte sich der Abend zwischen Electroclash, Dance-Punk und roher Club-Energie. Die Tracks ihres neuen Albums „No Lube So Rude“ fügten sich nahtlos in ältere Stücke ein – ein wummernder Soundteppich, der kaum Luft zum Durchatmen ließ.
Dabei zeigte sich einmal mehr: Peaches braucht keine große Band, um einen Raum zu dominieren. Eine Drum Machine, ein paar Synths – und vor allem ihre Präsenz – reichen völlig aus.
Visuell blieb es genauso kompromisslos. Kostümwechsel, Projektionen, Gesten zwischen Trash-Ästhetik und Performance-Kunst: Jede Bewegung schien kalkuliert und gleichzeitig völlig entfesselt. Das Publikum wurde dabei nicht nur Zuschauer, sondern Teil der Inszenierung – ob es wollte oder nicht.

Besonders bemerkenswert: Trotz aller Provokation wirkte der Abend nie plump. Hinter der grellen Oberfläche steckt nach wie vor eine klare Haltung. Peaches kämpft, provoziert, fordert heraus – und trifft damit auch 2026 noch einen Nerv. Gerade in Zeiten, in denen viele Acts auf Nummer sicher gehen, ist das fast schon radikal.
Am Ende bleibt ein Abend, der sich schwer in klassische Konzertmaßstäbe pressen lässt. Wer nur Musik hören wollte, war auf der falschen Veranstaltung. Wer Kunst erleben wollte, wurde mitten hineingezogen. Und wer dachte, schon alles gesehen zu haben, wurde eines Besseren belehrt.
Oder anders gesagt: Köln hat an diesem Abend nicht einfach ein Konzert erlebt – sondern eine kontrollierte Eskalation mit Haltung.
Setlist Peaches, Live Music Hall, Köln (28.04.2026)
01. Hanging Titties
02. Whatcha Gonna Do About It
03. Rub
04. I U She
05. I U She
06. Vaginoplasty
07. Slippery Dick
08. Panna Cotta Delight
09. Flip This
10. Light in Places
11. AA XXX
12. Operate
13. I Mean Something
14. Fuck How You Wanna Fuck
15. Not in Your Mouth None of Your Business
16. Grip
17. You’re Alright
18. Boys Wanna Be Her
19. Take It
20. Be Love
21. Dick in the Air
22. Fuck the Pain Away
23. No Lube So Rude
24. People
Text: Dennis Kresse
Credits: Harald Rötter