Clawfinger told us the Truth – und Köln drehte durch!

Es gibt Bands, die werden mit den Jahren ruhiger. Und es gibt Clawfinger. Die schwedischen Crossover-Veteranen kamen mit ihrer „Before We All Die“-Tour in die ausverkaufte Live Music Hall nach Köln und machten vom ersten Moment an klar, dass hier niemand zum gepflegten Kopfnicken erschienen war. Hier wurde geschwitzt, gebrüllt und ordentlich Dampf abgelassen. Clawfinger sind zurück – und die Welt ist leider immer noch bekloppt genug, dass ihre Songs nichts von ihrer Aktualität verloren haben.

Bevor die skandinavischen Abrissbirnen loslegten, brachten Sickret aus der Schweiz die Halle auf Betriebstemperatur. Die Nu-Metal-Band setzte auf druckvolle Riffs, massive Grooves und eine ordentliche Portion Aggressivität. Kein höfliches Vorgeplänkel, sondern ein knackiger Tritt in den Hintern, der das Publikum schon einmal auf das vorbereitete, was danach kommen sollte. Sickret erwiesen sich als passende Wahl für diesen Abend: laut, energiegeladen und mit genügend Wucht, um die Wartezeit auf den Hauptact mehr als ordentlich zu verkürzen.

Dann Clawfinger. Und plötzlich war wieder Anfang der Neunziger – zumindest musikalisch. Mit ihrem unverwechselbaren Mix aus Metal, Rap, Industrial-Anleihen und gesellschaftlicher Wut haben Zak Tell und seine Mitstreiter einst den europäischen Crossover entscheidend mitgeprägt. Dass diese Mischung auch Jahrzehnte später noch funktioniert, bewies die Band in Köln eindrucksvoll. Die Riffs saßen, der Groove drückte und die Live Music Hall verwandelte sich in einen brodelnden Hexenkessel.

Clawfinger waren dabei genau das, was man sich von ihnen erhofft: laut, wütend, düster, humorvoll und brutal ehrlich. Zak Tell ist kein Mann für diplomatische Floskeln. Er hält der Gesellschaft lieber den Spiegel vor – und der ist selten schmeichelhaft. Rassismus, politische Verblendung, soziale Ungerechtigkeit und menschliche Dummheit sind schließlich keine Probleme, die sich einfach mit einem neuen Album erledigen. Im Gegenteil: Manchmal hat man das Gefühl, Clawfinger hätten ihre Songs nicht vor Jahrzehnten geschrieben, sondern gestern beim Blick in die Nachrichten.

Natürlich durfte auch die geballte Ladung Klassiker nicht fehlen. Bei **„Do What I Say“** war der Titel Programm: Die Menge ging mit, die Energie schoss nach oben und aus der ausverkauften Halle wurde ein einziger kollektiver Ausbruch. Clawfinger beherrschen diese besondere Kunst, musikalische Brutalität mit einer gehörigen Portion Ironie zu verbinden. Sie hauen einem die Riffs um die Ohren, während die Texte unangenehme Wahrheiten aussprechen. Das ist nicht immer bequem, aber verdammt wirkungsvoll.

Die „Before We All Die“-Tour ist eben keine nostalgische Reise für Menschen, die früher einmal ein Bandshirt besaßen und heute nur noch darüber reden. Clawfinger haben nach wie vor etwas zu sagen – und sie sagen es laut. Die Band wirkt dabei nicht wie ein Relikt aus einer vergangenen Ära, sondern wie ein ziemlich notwendiger Kommentar zur Gegenwart.

Am Ende bleibt ein Konzert, das seinem ausverkauften Haus alle Ehre machte: eine verschwitzte, intensive und mitreißende Demonstration musikalischer Wucht. Clawfinger haben Köln nicht die Welt erklärt. Aber sie haben daran erinnert, dass man bei all dem Wahnsinn wenigstens noch laut werden darf.

Clawfinger told us the Truth. Und Köln hat jedes verdammte Wort verstanden.

Clawfinger – Setlist
Live Music Hall, Köln · „Before We All Die“-Tour 2026

1. Before We All Die
2. Recipe for Hate
3. You Call Yourself a Teacher
4. Pin Me Down
5. Two Sides
6. Hold Your Head Up
7. Kill the Dream
8. Big Brother
9. Ball & Chain
10. Out to Get Me
11. Nothing Going On
12. Hypocrite
13. Going Down (Like Titanic)
14. Rosegrove
15. Warfair
16. Scum
17. Tomorrow
18. Undone
19. The Price We Pay
Zugabe
20. Biggest & the Best
21. The Truth
22. Do What I Say

Text: Dennis Kresse
Credits: Oliver Laugks