Im zweiten Höllenkreis von Dantes berühmt-berüchtigten Inferno wird eine besonders stürmische Szene beschrieben. Nicht mehr von dämonischen Kreaturen spricht der Autor an dieser Stelle, sondern von Wind und Regen als Verkörperung des Bösen. Diese schwarze Luft ist unsichtbar, fegt aber durch die wimmelnden Körper der Verdammten. “Man könnte diese Aura Nera heute auch als Sinnbild sehen”, sagt Christian Fuchs, “für eine politische, mediale und bis in persönlichste Bereiche eindringende Verrohung und Verdunkelung.”
“Ich bin auf die schwarze Luft in einem Buch des US-Philosophen Eugene Thacker gestoßen” erzählt Christian Fuchs. “Er nähert sich darin, auch von Dante beeinflußt, einem kosmischen Pessimismus an. Dieser Gedanke, dass wir Menschen, vereinfacht ausgedrückt, dem Universum als irrelevante Staubkörner völlig egal sind, fesselt mich schon lange.”
Aura Nera erscheint unter dem Pseudonym Christian Fetish am 27.03. bei Noise Appeal Records
In der Band Fetish 69 formulierte Christian Fuchs als Sänger und Texter zum ersten Mal solche existentialistischen Idee und Ängste. In den 1990er Jahren, als der Industrial Rock rund um Bands wie Nine Inch Nails, Ministry oder Godflesh am Höhepunkt steht, kommen auch aus Österreich lautstarke Lebenszeichen. Fetish 69, zwischen Wien und Graz zuhause, ziehen mit Alben wie “Antibody” oder “Purge” internationale Aufmerksamkeit auf sich. Der mechanische, metallische Sound wurzelt inhaltlich im Wiener Aktionismus und abgründiger Philosophie. Unter dem Alter Ego Christian Fetish brüllt sich Fuchs die Seele aus dem Leib, legendär-destruktive Liveshows inbegriffen.
2003 implodieren Fetish 69 nach künstlerischen Differenzen und einem experimentellen Elektronik-Spätwerk. Christian Fuchs erforscht seine Obsession für die dunkle Seite des Seins in anderen Projekten. Mit Bunny Lake entsteht eleganter Electro-Punk, der sogar in die Mainstream-Charts vordringt. Die Buben im Pelz, seit 2015 aktiv, übertragen die Schattseitigkeit von The Velvet Underground ins morbide Wien. Zur selben Zeit entsteht auch das Black Palms Orchestra, ein Herzensprojekt, in dem Fuchs mit befreundeten Musiker:innen fiktive Soundtracks für grimmige Serien und Filme kreiert.
2022 erscheint das Album “Palm Fiction”, nach einiger Zeit zieht sich das Black Palms Orchestra wieder ins Studio zurück. Christian Fuchs scheitert zunächst daran, neue Songs zu schreiben, es fehlt an Inspiration. Gleichzeitig kämpft er mit einer Lebenskrise, Todesfällen im engen Kreis, Einsamkeit während der Pandemie. Auf der Suche nach einer besonders intensiven Musik landet er in der Vergangenheit. Der Jugendname CHRISTIAN FETISH taucht aus dem Nebel der Erinnerung auf, Fuchs begibt sich in einen Dialog mit seinem einstigen zweiten Ich. Parallel dazu verschlingt der Sänger Bücher wie “Im Staub des Planeten” von Eugene Thacker, Filme von Gaspar Noé, Yorgos Lanthimos oder David Lynch, beginnt tagebuchartige Sätze zu notieren.
Vor allem ruft er aber ausgewählte Freund:innen aus der Musikszene an. Im südsteirischen Studio von Langzeit-Produzent Bernd Heinrauch enstehen Stücke mit einer speziellen Energie. Christof Baumgartner, einst Bühnenfels bei Fetish 69 und Bunny Lake, spielt Gitarren zu pumpenden Beats. Wolfgang Frisch und Wolfgang Schlögl, zuvor bei den Dub-Rockern Sofa Surfers, steuern brachiale Songs bei. Medina Rekic, die mit ihrer bluesig-wilden Ex-Band White Miles um die Welt tourte, kommt vorbei, komponiert, singt, lässt Synthsounds und magische Riffs aufblitzen.
Die in LA lebende Künstlerin Berit Gilma, mit der Fuchs das Electro-Duo Der Kleine Tod gegründet hat, singt engelshaft und kühl zugleich zu okkultem Industrial-Pop. Sonja Maier, Stimme der krachigen Punk-Shootingstars Baits, seziert in “Minus Man” giftige Maskulinität. Richy Dead Gein, von den Horror-Rockern Bloodsucking Zombies from Outer Space, hilft mit, aus “No Life In Outer Space” eine postpunkige Hymne des kosmischen Pessimismus zu machen.
Der Titeltrack Aura Nera, frei nach Dante, ist auf dem gleichnamigen Album gleich in zwei Versionen enthalten. Eine stammt von 666Fazo666, Drummer der Baits, Producer und als Grafikdesigner auch für den optischen Auftritt von CHRISTIAN FETISH verantwortlich. Das höllische Outro zu dem Song spricht Dr. Mark Benecke, Deutschlands berühmtester Kriminalbiologe. Das umwerfende Artwork stammt von Martin Koch, dem einstigen Gestalter der Fetish-69-Optik, der heute als New Yorker Künstler Oxyde Noir aktiv ist. Ausgangspunkt waren Bilder von Fotografie-Legende Udo Titz, der auch für Kruder & Dorfmeister Cover fotografiert hat. Die suggestiven Promobilder stammen von der renommierten Fotografin Irina Gavrich und Markus Kloiber, der bereits das Black Palms Orchestra visuell begleitet hat.
“Für mich schließen sich plötzlich, zunächst ungeplant, viele Kreise. Einerseits gibt es eine Rückbesinnung auf Bands meinerseits aus den Neunziger und Nullerjahren. Härtere Gitarren treffen wieder auf Elektronik. Weil mich Nostalgie als Haltung aber nicht interessiert, nähere ich mich der Figur CHRISTIAN FETISH sowohl klanglich als auch textlich mit neuen Blickwinkeln. Aura Nera symbolisiert für mich eine Dunkelheit, die schon länger fast greifbar in der Luft liegt, vor allem politisch. Es geht aber auch um fiebrige Leidenschaften auf dem Album, meine Schlaflosigkeit, nihilistische Gedankenfetzen, Untergangsängste, vampiristische Roadmovie-Bilder. Dabei habe ich auch heftig meine eigenen Standpunkte aus den 90ern dekonstruiert. Unzählige Begegnungen mit prägenden Frauen, hitzige Gespräche, Konfrontationen mit feministischen Standpunkten veränderten mein Denken.”
Und dann ist da die Liveumsetzung. Noch lange vor dem ersten Fetish 69 Song, sagt FETISH/Fuchs, gehörte er in den 80er Jahren zu den Gründungsmitgliedern der Graz-Wiener Gothic-Szene. “Mich reizt es an Konzerte anzuschließen, die mich damals weggeblasen haben, als dieser Mix aus Industrial, Rock und Electro wirklich gefährlich schien”, formuliert er seine Ambitionen. Poppig, brutal und intensiv ist die Bühnenshow geplant, mit schwarzem Leder und Trockeneis darf gerechnet werden.
17.04.2026 (AT) Wien, Chelsea Wien
18.04.2026 (AT) Graz, Styrian Sounds
07.05.2026 (AT) Innsbruck, PMK Innsbruck
Text: Pressemitteilung
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