Anna Grob: „Ich habe meine echte Stimme entdeckt“

Von den Leftovers ins Feenreich: Mit „CIRCLE OF LIGHT“ erschafft Anna Grob eine eigene musikalische Welt. Die Bassistin verlässt dafür vertraute Indie-Rock-Pfade und erzählt eine fantastische Geschichte zwischen Licht und Schatten, Intuition und Verdrängung. Der erste Akt ihrer Rockoper erscheint am 20. November 2026. Inspiriert von Tolkien, Mythologie und der Welt von „The Legend of Zelda“ verbindet Grob kraftvollen Rock mit barocken Einflüssen, Vaudeville und märchenhafter Erzählkunst. Im Interview spricht sie über den Weg von ersten Bassmelodien zu einem ambitionierten Gesamtkunstwerk, ihre musikalische Selbstfindung und den Wunsch, mit Musik Menschen zusammenzubringen.

1. Vom fünfsaitigen Bass zur eigenen Rockoper: Bisher kennt man dich vor allem als Bassistin der Leftovers. Jetzt schreibst du mit „CIRCLE OF LIGHT“ deine eigene Rockoper. Wann ist in dir der Wunsch entstanden, nicht mehr nur Teil einer Band zu sein, sondern eine komplette musikalische Welt selbst zu erschaffen?

Es hat eigentlich damit begonnen, dass ich Melodien am Bass geschrieben hab, die überhaupt nicht ins Leftovers Repertoire zu passen schienen. Gefühlsmässig war da irgendwie „mehr“ dahinter — als würde sich eine Welt auftun, die ich noch nicht ganz verstand, die etwas Magisches an sich hatte. Stück für Stück, Song für Song, kam dann die Rockoper zu mir.

Es klingt komisch, aber es fühlte sich an, als wäre sie bereits existent und ich müsste sie freisetzen, wie eine Archäologin.

2. Eine Geschichte zwischen Licht und Schatten: „CIRCLE OF LIGHT“ erzählt von einer Stadt, die sich gegen die Finsternis wehrt, einem beratungsresistenten König und einem Verräter in den eigenen Reihen. Was hat dich zu dieser Geschichte inspiriert, und wie viel von unserer realen Welt steckt in dieser fantastischen Erzählung?

Als ich mich umschaute, was für Themen andere (Rock-)Opern behandeln, bemerkte ich, dass Mythologien eine große Rolle spielen: Von Jesus Christ Superstar, das die Christliche Mythologie in ein ganz neues Licht stellt, bis Wagners Ring, der das Nibelungenlied abhandelt. Da merkte ich, ich brauche sowas auch.
Ich habe seit meiner Kindheit extrem viel Tolkien gelesen, merkte dass The Legend of Zelda mich thematisch wie musikalisch wahnsinnig inspirierte und bin als Tochter eines Lateinlehrers viel mit griechischer und römischer Mythologie aufgewachsen. Ich begann die archetypischen Zusammenhänge herauszunehmen und mit ihnen eine Geschichte zu erzählen: Eine Geschichte von der Intuition, die so lange ignoriert wird, bis schließlich alles zusammenbricht.
Genau wie Tarotkarten dazu gemacht sind Situationen archetypisch darzustellen, würde ich sagen, dass Märchenwelten unserer eigenen den Spiegel vorhalten.

3. Eine Rockoper ist kein Spaziergang: Du hast lange an Kompositionen und Texten gearbeitet. Was war die größte Herausforderung dabei, aus einzelnen Songs eine zusammenhängende Geschichte zu entwickeln, bei der Musik, Figuren und Handlung ineinandergreifen?

Tatsächlich war es für mich doch wie ein Spaziergang durchs Feenreich. Die ersten Ideen kamen mir im April 2023 und ich hatte ja keine Deadline für die Fertigstellung, also genoss ich einfach wahnsinnig die Welt musikalisch zu erkunden, die sich mir da eröffnete.

Wenn ich bei einer Szene nicht weiterkam, dann vielleicht ja bei einer anderen. Es passierte nicht oft, aber ein paar Songs wollte ich fertig machen, die ich in einem anderen Kontext einfach wieder verworfen hätte. „Quarry for good fortune!“ zum Beispiel. Der musste einfach drin bleiben, obwohl der Aufbau anfangs extrem hinkte und ich nicht weiterzukommen schien. Er gehört für mich aber einfach zur Story dazu, also musste ich eine Lösung finden. Außerdem foreshadowt der C Teil das Finale vom 3. Akt, eines meiner essentiellsten musikalischen Themen: Die Sehnsucht nach etwas Ungreifbarem, das uns Erfüllung schenkt.

4. Zwischen Indie-Rock und Barock: In „CIRCLE OF LIGHT“ treffen Indie- und klassische Rockmusik auf Vaudeville, dramatische Moritaten und barocke Einflüsse. Wie findet man bei so vielen unterschiedlichen Zutaten einen eigenen Sound, ohne dass das Ganze musikalisch auseinanderfällt?

Da ich mit den Leftovers aus einem klassischen Band Setup komme, war mir wichtig, das hier genauso zu handhaben. Bloß weil es sich um eine Rockoper handelt, muss ich nicht direkt mit einem ganzen Orchester ankommen. Ich wollte bewusst mit dem arbeiten, was ich kenne: Schlagzeug, Bass, Gitarren, und Synth. Neu in den Arrangements sind nur Klarinette und der Kontrabass, den ich jetzt endlich einbringen kann. Abgesehen davon, lasse ich mich beim Schreiben die meiste Zeit von meiner Stimme leiten. Das alles und die Geschichte bringen da den roten Faden rein und ich denke das hört man:)

5. Große Gefühle statt kurzer Häppchen: Eine Rockoper verlangt dem Publikum Zeit und Aufmerksamkeit ab – zwei Dinge, die im Streaming-Zeitalter nicht unbedingt im Überfluss vorhanden sind. Ist „CIRCLE OF LIGHT“ für dich auch ein bewusstes Gegenmodell zur schnelllebigen Musikwelt?

Beim Schreiben habe ich ehrlich gesagt überhaupt nicht darüber nachgedacht. Ich hab einfach begonnen und die Musik und ihre Welt waren ein wunderbarer Zufluchtsort. Mittlerweile würde ich aber definitiv zustimmen! Ich komme selbst überhaupt nicht zurecht mit Streaming Plattformen, auch nicht, als Konsumentin. Ich höre hauptsächlich Alben, schaue Livevideos an oder gehe am liebsten auf Konzerte und nehm die Platte mit nach Hause. Da müssen sich meine Hörer*innen vielleicht an meinen Habitus anpassen, haha, aber ich finde, man kann den Leuten auch zutrauen, sich wieder mehr Zeit für etwas zu nehmen und in diese Welt einzutauchen, in der es viel zu entdecken gibt.

Mein Werk heischt nicht nach Aufmerksamkeit mit TikTok-geeigneten Hooks. Es steht einfach für sich selbst da, und wer will, kann es erforschen.
Das Album von vorn bis hinten anzuhören macht natürlich am meisten Sinn. Man kann die Songs aber auch einzeln genießen, ohne Ahnung von der Story zu haben. Ich würde aber sagen, am besten ist es sowieso live mit Band!

6. Worte aus einer anderen Zeit: Deine Texte bedienen sich einer blumigen, teilweise antiquiert wirkenden Sprache mit deutlichen Fantasy-Anklängen. Warum hast du dich für diese Ausdrucksweise entschieden, und was kann eine solche Sprache erzählen, das im alltäglichen Deutsch vielleicht verloren ginge?

Normalerweise bin ich eine Verfechterin der deutschen Sprache. Ich muss sagen, ich bin überrascht, dass ich mir jetzt selbst widersprechen muss. Für mich haben die Charaktere einfach nicht deutsch gesprochen. Ich habe sehr viel Tolkien gelesen auf Englisch. Er hat mir diese Sprache erst so richtig beigebracht. Ich habe auf deutsch für mich keine gleichwertige Inspiration gefunden und dieser archaische Duktus gefällt mir.

7. „The Messenger“ als erster Wegweiser: Deine erste Solosingle gibt mit ihrer markanten Stimme, den kantigen Akkorden und dem kraftvollen Bass bereits einen Eindruck von der Welt des Albums. Warum hast du gerade diesen Song als ersten Botschafter von „CIRCLE OF LIGHT“ ausgewählt?

Nun ja, die Singleauswahl war nicht einfach. Man reißt die Songs aus ihrem Kontext, manche sind schon sehr eigen, andere gehen über fünf Minuten. „The Messenger“ erschien mir als zugänglichster Einstieg, um die Leute mal reinzueasen. Trotzdem war klar, dass da für Hörer*innen noch viel unverständlich bleibt. Die Single ist ja auch nur ein Fragment einer Geschichte, die noch niemand versteht. Ich freu mich einfach, dass man mit dem Albumrelease endlich erkennen wird, worum es mir geht und was meine Musik ausmacht.

8. Die Stimme als Instrument einer Geschichte: In deiner Musik wechseln sich Entschlossenheit, Härte und beinahe märchenhafte Anmut ab. Hat sich deine Art zu singen durch die Arbeit an der Rockoper verändert, weil du plötzlich nicht nur Gefühle vermitteln, sondern auch Figuren und Charaktere zum Leben erwecken musstest?

Eindeutig ja!
Ich habe mit der Rockoper meine echte Stimme entdeckt und wer ich musikalisch bin. Früher dachte ich immer, ich müsse besonders „hart“ klingen, weil ich in einer Grungeband spiele. Dadurch konnte ich natürlich auch Facetten an mir entdecken, die sonst jetzt nicht da wären. Gleichzeitig bringt es nichts, so sein oder singen zu wollen, wie andere. Die Rockoper vereint Teile von mir, die mir lange gegensätzlich erschienen. Die verschiedenen Charaktere bieten da natürlich die perfekte Bandbreite sich auszuprobieren. Es ist aber trotzdem alles immer noch meine Stimme. Ich habe entdeckt, wie sie in Songs am besten wirkt und wie gut ihr die Songs tun. Ich habe endlich geschaut was sich für mich gut anspürt und plötzlich habe ich meinen eigenen Sound gefunden. Ich fühle mich frei und nichts fühlt sich besser an.

9. Der Kreis als Symbol: Der „CIRCLE OF LIGHT“ steht für Zusammenhalt und Hoffnung inmitten der Dunkelheit. Was bedeutet dieses Symbol für dich persönlich, und glaubst du, dass Musik tatsächlich Menschen zusammenbringen und ihnen in schwierigen Zeiten Orientierung geben kann?

Musik ist eine universelle Sprache, die uns alle vereint. Sie vermittelt Gefühle, die man so vielleicht gar nicht in Worte fassen kann.
Das Symbol drückt meinen Wunsch von einer Welt aus, in der sich die Leute endlich zuhören und ihre Unterschiede überwinden. Das natürlich ist leider illusorisch. Einen Kreis des Lichts kann es nur geben, wenn es irgendwo auch dunkel ist. Trotzdem müssen wir stetig versuchen solche Kreise des Lichts zu erschaffen — Orte die Menschen zusammenbringen und verbinden. Orte, die Widerstand leisten, gegen die Mächte, die uns gegeneinander aufhetzen und so viel Leid in unserer Welt verursachen. Ich hoffe, dass ich mit meiner Musik einen Teil dazu beitragen kann.

10. Der erste Akt ist erst der Anfang: Am 20. November 2026 erscheint der erste Akt deiner Rockoper. Ohne zu viel über den weiteren Verlauf zu verraten: Was wünschst du dir, dass die Menschen nach dem Hören mitnehmen? Und wie stellst du dir vor, diese aufwendige, fantastische Geschichte später live auf die Bühne zu bringen?

Ich glaube, das ist wie bei Tarotkarten. Jede*r kann die Songs unterschiedlich für sich interpretieren. Ich wünsche mir, dass die Leute beim Anhören ihre Emotionen zulassen und merken, dass sie sie selber sein dürfen. Meine Geschichte handelt von der Intuition, die ständig gegen die Wand redet und verdrängt wird. Am Ende können wir alle aber nicht ohne sie. Ich wünsche mir, dass die Leute zuhören. Der Musik, ihrem Gegenüber und dass sie in sich selber hinein hören. Wenn man mit sich selbst ins Reine kommt, dann finden auch Konversationen auf Augenhöhe statt, und das würde schon viel bewegen.

Beim Schreiben hatte ich anfangs immer ein Ensemble im Kopf, das CIRCLE OF LIGHT aufführt. Irgendwann kam ich aber drauf, dass ich die Erzählerin bin und meine eigenen Songs mit Band spielen möchte. Das ist was ich liebe und wofür ich lebe. Wenn dann alle Alben draußen sind und ich an was Neuem arbeite, können sies gerne an den Broadway oder ans Westend bringen. xD

Anna Grob live:

29.10. Berlin, Urban Spree
06.11. Köln, Castell (Support Desolat)
07.11. Mühlheim, AZ (Support Desolat)
09.11. Münster, B-Side (Support Desolat)
10.11. Hamburg, Top Ten Bar (Support Desolat)
11.11. Hannover, Bei Chéz Heinz (Support Desolat)
12.11. Dresden, Katy`s Garage (Support Desolat)
13.11. Wien, Lucia (Support Desolat)
20.11. Wien, Record Release Show, Chelsea

Fragen: Dennis Kresse