The Who By Numbers – Wenn Rockstars mit ihren Dämonen abrechnen!

Es gibt Alben, die entstehen aus purer Lust am Erfolg. Und es gibt Platten, bei denen selbst die größten Rockstars plötzlich ziemlich menschlich werden. „The Who By Numbers“ gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. Als The Who ihr siebtes Studioalbum im Oktober 1975 veröffentlichten, war die Band längst eine Institution. Doch hinter der großen Rockfassade bröckelte es gewaltig. Pete Townshend befand sich in einer persönlichen Krise, und genau diese Unsicherheit hört man den Songs an. Jetzt, 50 Jahre später, erscheint das Werk als opulente Super-Deluxe-Edition. Ein guter Anlass, sich daran zu erinnern, dass auch Rocklegenden gelegentlich mit sich selbst zu kämpfen haben.

Schon das von John Entwistle gestaltete Cover deutet an, dass hier nicht unbedingt die große Selbstbeweihräucherung angesagt ist. Musikalisch geht es deutlich introspektiver zu als auf den vorherigen Veröffentlichungen. Townshend blickt auf Zweifel, Ängste und die eigene Vergänglichkeit. Dass ausgerechnet „Squeeze Box“ zum internationalen Hit wurde, ist dabei eine durchaus amüsante Randnotiz. Zwischen all den nachdenklichen Momenten entwickelte sich der Song zum Publikumsliebling und bewies, dass The Who auch mit einem Augenzwinkern die Charts erobern konnten.

Produziert von Glyn Johns, der bereits bei „Who’s Next“ seine Finger im Spiel hatte, zeigt „The Who By Numbers“ eine Band, die musikalisch längst alles erreicht hatte, aber keineswegs satt war. Townshend wollte weiterhin Songs schreiben, die beim Publikum etwas auslösen. Seine spätere Einschätzung, dass die großen Bands zunehmend selbstgefällig wurden und eine neue rebellische Bewegung nur eine Frage der Zeit sei, klingt angesichts des wenige Jahre später aufkommenden Punk erstaunlich hellsichtig.

Besonders reizvoll sind die historischen Live-Aufnahmen. Das Konzert im Metropolitan Stadium in Pontiac von 1975, bei dem unglaubliche 76.896 Menschen einen damaligen Zuschauerrekord aufstellten, ist ebenso vertreten wie die umfassend aufbereitete Show aus Swansea vom Juni 1976. Letztere dokumentiert Keith Moon bei einem seiner letzten großen Auftritte vor britischem Publikum. Für Who-Fans ist das weit mehr als eine nette Zugabe.

Natürlich ist diese Box kein Schnäppchen für nebenbei. Aber wer sich auf die musikalische und persönliche Geschichte von The Who einlassen möchte, bekommt hier ein beeindruckendes Zeitdokument. „The Who By Numbers“ ist vielleicht nicht das lauteste Album der Bandgeschichte, aber eines ihrer ehrlichsten. Und manchmal sagt ein Rockstar eben mehr, wenn er nicht gerade alles kurz und klein schlägt.

Text: Dennis Kresse