10 Fragen an Daily Thompson über „Glue“, die 90er, siebenminütige Songs und die Sache mit Spotify
Die 90er sind wieder da. Mal wieder. Während sich andere noch darüber streiten, ob das jetzt Grunge, Alternative, Noise oder einfach nur eine besonders gelungene Zeit für Gitarrenmusik war, machen Daily Thompson lieber Musik. Ihr neues Album „Glue“ klingt dabei tatsächlich nach einer ziemlich gelungenen Wiederverwertung dieser Dekade – allerdings ohne den unangenehmen Geruch von Nostalgie.
Dreckige Gitarren treffen auf Melodien, Noise auf Pop-Gefühl und ausufernde Songs auf die Erkenntnis, dass ein guter Song nicht nach der Stoppuhr funktionieren muss. Warum „BTK“ sieben Minuten dauern darf, weshalb bei Daily Thompson nichts am Reißbrett entsteht und warum ein Instrument manchmal die bessere Antwort auf TikTok, Twitch und Spotify ist, erzählt Mephi im Soundchecker-Interview.
1. „Glue“ klingt nach einer ziemlich gelungenen Wiederverwertung der 90er, ohne einfach nur nach Nostalgie zu klingen. Was verbindet euch persönlich noch mit dieser Zeit – und was wolltet ihr bewusst anders machen?
Danny hat die Zeit ja komplett miterlebt, vom ersten Nirvana-Video auf MTV bis hin zu Dynamo Festival, Bizarre und so weiter. Babblz war eher im Punkrock unterwegs, hat natürlich aber auch Bands wie The Smashing Pumpkins und andere gehört. Und ich bin eben in meinen Teenagerzeiten, also Anfang der 2000er, darauf gekommen.
Es ist eben der Sound, die Bands, die ganze Bewegung. Es ging um Musik ohne große „Schau“. Ich glaube, gerade dieser authentische Charakter ist es an diesem Jahrzehnt, den wir beziehungsweise jeder von uns auf seine Art feiert.
Bewusst haben wir gar nichts gemacht. Wir haben einfach abgehangen, Songideen ausprobiert und dann hat sich das alles ganz natürlich entwickelt.
2. Alternative, Grunge, Noise, Indie, dazu eine Prise New York und Seattle: Habt ihr beim Schreiben überhaupt noch über Genres nachgedacht oder passiert das bei euch eher aus dem Bauch heraus?
Wie oben schon angeteasert: Wir nehmen uns jetzt nicht vor: „Oh, lass mal einen Dinosaur-Jr.-Song machen“ oder so was. Wir haben einfach Bock auf Melodien, haben verschiedene Stimmungen ausprobiert und dann ist alles so gekommen, wie es jetzt ist.
Es war uns aber irgendwie schon klar, dass das Album anders wird und wir das musikalisch jetzt eben so umsetzen können. Mit Babblz am Schlagzeug hat sich das in den letzten vier Jahren so verändert, dass wir einfach superproduktiv sein können, viel ausprobieren und vor allem unseren Lieblingssound machen können. Und dieser Sound ist halt genau in den Genres vorhanden, die du oben nennst.
3. Der Albumtitel „Glue“ passt ziemlich gut, weil ihr unterschiedliche Einflüsse zu einem eigenen Sound zusammenklebt. Wann merkt ihr bei einem Song: Jetzt hält es – das ist Daily Thompson?
Da habe ich noch nie drüber nachgedacht. Für uns ist das irgendwie ein natürlicher Ablauf. Ich glaube, irgendwann merken wir einfach: Jetzt passt alles, jetzt ist es im Flow. Vor allem, wenn man anfangen kann, den Song einfach nur zu spielen und nicht mehr so viel nachdenken muss.
Trotzdem ist ein Song auch nie ganz fertig. Hier und da kommt entweder im Studio oder live auch immer mal noch was hinzu oder weg.
4. „BTK“ ist mit seinen rund sieben Minuten ein ziemlich geduldiger Song. Warum braucht dieser Track so viel Zeit, und was kann ein siebenminütiger Song heute noch erzählen, was ein dreieinhalbminütiger nicht schafft?
Witzig, ich wollte den Song eigentlich nur halb so lang machen. Aber Danny und Babblz meinten: Nee, der muss sich aufbauen. Die Gitarren sind so gut, es ist eine Kurve, der Song ist dann dynamischer …
Eigentlich ist es uns auch egal. Wir machen den Song so, dass wir die Umsetzung für songdienlich halten, und denken nicht: „Oh nein, der ist zu lang, zu kurz oder sonst was.“
Also ist die Antwort eigentlich: Es kommt auf den Song drauf an und nicht auf die Länge.
5. Bei euch wechseln sich zwei Leadvocals ab. Was verändert dieser Wechsel für die Dynamik der Band und für die Songs?
Es ist auf jeden Fall abwechslungsreicher und wir lieben halt auch gerade so was bei Bands wie den Pixies oder Sonic Youth. Aber auch hier gilt immer, dass nichts geplant ist, sondern es sich ergibt.
Babblz macht ja auch noch Backings und wir achten schon darauf, dass nicht in jedem Song der gleiche Backing-Gesang ist. Dann ist es nichts Besonderes mehr.
6. Die 90er erleben gerade ihr gefühlt hundertstes Comeback. Was glaubt ihr: Warum hängen wir musikalisch so hartnäckig an dieser Dekade fest?
Wie oben schon erwähnt: Die Bands hatten wunderbare Songs. Dazu kommt dieser authentische, roughe Vibe.
Wir haben eben noch ein Weezer-Konzert vom Bizarre Festival 1996 gesehen – wo Danny live dabei war. Ich bin echt neidisch.
Es ist eben auch dieses Gefühl, was vermittelt wird: Alle tanzen vor der Bühne, keine Handys und vor allem gab es ein „Wir“-Gefühl. Irgendwie war es lebendiger als heute.
7. Damals hatte alternative Gitarrenmusik tatsächlich noch etwas Aufbruchhaftes. Gibt es dieses Gefühl, mit Musik Grenzen einzureißen, heute überhaupt noch – oder muss man dafür andere Wege finden?
Für uns gibt es nur das.
Heute, mit all dem TikTok, Twitch und dem restlichen Streaming-Getöse, ist das alles so eine Reizüberflutung, dass das für uns auf jeden Fall die einzige Option ist.
Vor allem die Leute, die fragen: „Was gibt es denn für eine Alternative zu Spotify, um Musik umsonst zu hören?“ Alleine, dass schon davon ausgegangen wird, dass es so sein sollte, zeigt halt, wie heute die Sicht auf Musik ist und welches Verständnis die Leute haben.
Da hilft nur, das Instrument in die Hand zu nehmen und zu zocken.
8. „Glue“ kann dreckig und laut sein, aber genauso melodisch und beinahe verträumt. Wie wichtig ist euch dieser Kontrast zwischen Krach und Schönheit?
Es hängt eher mit der Stimmung zusammen. Es ist schon wichtig für uns, dass sich jetzt nicht acht gleiche Songs auf dem Album befinden.
Dadurch, dass wir eben auch viel Verschiedenes hören, kommen auch verschiedene Einflüsse rein.
9. Ihr macht Musik, die eindeutig Gitarrenmusik ist, aber nicht nach einer Zeitreise klingt. Was darf bei Daily Thompson niemals fehlen, damit es am Ende wirklich nach euch klingt?
Danny, Mephi und Babblz. 😉
10. Wenn „Glue“ der Klebstoff ist: Was soll nach dem Album bitte an Daily Thompson hängen bleiben – bei den Leuten im Publikum und bei denen, die euch vielleicht gerade erst entdecken?
Wir hoffen und merken auch gerade, dass das Album und unser Sound echt gut ankommen. Ich denke, das liegt einfach daran: Wenn man das macht, was man auch wirklich will, musst du halt dafür brennen.
Es wäre schön, wenn die Leute das auch so sehen, auf unsere Konzerte kommen, mit uns feiern und nachher am Merch noch wat schnacken.
Vielen Dank für das Interview.
Fragen: Dennis Kresse
Erzählt von uns: