Es gibt Künstler, bei denen das Wetter eigentlich keine große Rolle spielt. Bei Nick Cave darf es ruhig ein bisschen grau sein. Und so passt der bewölkte Himmel über dem Bonner Kunstrasen an diesem Abend beinahe schon zum Programm. Regen bleibt aus, die Sonne hält sich vornehm zurück – und auf der Bühne übernimmt einer, der seit Jahrzehnten weiß, wie man aus Dunkelheit große Kunst macht: Nick Cave.
Gemeinsam mit seinen Bad Seeds hat Cave den Kunstrasen nicht einfach nur bespielt. Er hat ihn sich genommen. Mit einer Präsenz, die man nicht lernen kann und die schon gar nicht von irgendwelchen LED-Wänden oder pyrotechnischen Großmanövern abhängig ist. Nick Cave braucht nicht viel. Ein Mikrofon, seine Band und diese Stimme, die irgendwo zwischen Prediger, Crooner, Geschichtenerzähler und dem sympathischsten Teufel der Popgeschichte hin und her wechselt.
Der Einstieg mit „From Her to Eternity“ macht dann auch ziemlich schnell klar, wohin die Reise geht. Keine vorsichtige Annäherung, kein „Guten Abend, Bonn“. Cave ist sofort da. „Train Long-Suffering“, „O Children“ und „Tupelo“ folgen und zeigen, wie breit das musikalische Spektrum inzwischen geworden ist. Zwischen Post-Punk, Gospel, Blues, Rock und den großen, fast sakralen Momenten entsteht dabei kein Konzert, das sich brav an eine musikalische Schublade hält.
Und dann ist da natürlich „Carnage“. Der Song, ursprünglich von Nick Cave und Warren Ellis wurde ein stiller, emotionaler Moment in einem Konzert, das ansonsten durchaus mit Wucht daherkommt.
„Joy“ klingt anschließend fast wie ein Versprechen: Auch in den dunkleren Geschichten steckt bei Cave immer noch etwas, das sich gegen die Schwere stemmt. „Rings of Saturn“ und „Bright Horses“ führen weiter durch diese eigenwillige Welt, in der Schönheit und Abgrund erstaunlich gut miteinander auskommen.
Bei „Henry Lee“ wird es intimer, bevor mit „The Mercy Seat“ einer der großen Klassiker auf dem Programm steht. Und spätestens hier ist klar: Nick Cave muss nichts beweisen. Bei „The Mercy Seat“ wird es dann endgültig ungemütlich – und das nicht nur musikalisch. Der „Mercy Seat“ ist schließlich kein kuscheliger Platz für spirituelle Erholung, sondern Nick Caves Synonym für den elektrischen Stuhl. Was bei anderen Künstlern schnell nach schwerem Pathos klingen könnte, verwandelt Cave in ein fast hypnotisches Inferno aus Schuld, Glauben, Tod und Erlösung. Bonn sitzt also kurz auf dem elektrischen Stuhl – und genießt es offensichtlich.

Mit „Papa Won’t Leave You, Henry“ und natürlich „Red Right Hand“ geht es weiter durch das Cave-Universum. Letzteres dürfte auch jene im Publikum abgeholt haben, die Nick Cave vielleicht nicht täglich hören, den Song aber aus unzähligen Zusammenhängen kennen. Trotzdem wirkt er live nicht wie ein Pflichttermin für die Hit-Sammlung, sondern wie ein ziemlich mächtiges Stück Nick-Cave-Geschichte.
„The Weeping Song“ und „Jubilee Street“ sorgen anschließend für weitere Höhepunkte. Besonders „Jubilee Street“ entwickelt diese typische Cave-Dynamik: erst zurückhaltend, dann immer intensiver, bis sich die Spannung beinahe körperlich entlädt.
Mit „Hollywood“ endet der reguläre Teil. Aber natürlich lässt sich ein Nick-Cave-Publikum nicht einfach nach Hause schicken. Für den ersten Nachschlag gibt es „City of Refuge“, danach „Cinnamon Horses“. Und dann wird es noch einmal ganz ruhig.
„Into My Arms“.
Mehr Schlussakkord geht eigentlich kaum. Nach all der Wucht, all den Geschichten, all dem Blues, Gospel, Rock und den düsteren Bildern steht plötzlich dieses zerbrechliche Stück Musik im Raum. Und genau darin liegt vielleicht die große Kunst dieses Abends: Nick Cave kann den Kunstrasen zum brodelnden Rockclub machen – und wenige Minuten später reicht ein Piano, um tausende Menschen mucksmäuschenstill werden zu lassen.
Bonn bekommt an diesem Abend also keinen gemütlichen Sommerabend mit Schönwettermusik. Dafür einen Nick Cave in großer Form, eine bestens aufgelegte Bad-Seeds-Band und 19 Songs, die zeigen, warum dieser Mann auch nach Jahrzehnten noch eine der faszinierendsten Figuren der Rockmusik ist.
Und vielleicht war der graue Himmel dafür gar nicht die schlechteste Kulisse.
Setlist
From Her to Eternity
Train Long-Suffering
O Children
Tupelo
Carnage
Joy
Rings of Saturn
Bright Horses
Henry Lee
The Mercy Seat
Papa Won’t Leave You, Henry
Red Right Hand
The Weeping Song
Jubilee Street
Hollywood
Zugabe
City of Refuge
Cinnamon Horses
Into My Arms
Text: Dennis Kresse
Credits: Harald Rötter