Was eine Epoche bewegt, zeigt sich selten in Schlagzeilen. Es zeigt sich in Arbeiten von Artists wie Angela Aux: Digitalisierung, die Erschöpfung des Optimierungsgedankens, das Verschwimmen von Mensch und Maschine. Aus diesen Themen kreiert der Münchner Musiker „Das Nichts macht Kopien von sich selbst”. Es ist sein erstes Album in deutscher Sprache und die erste Kollaboration mit dem Hamburger Label Clouds Hill.
Der Titel stammt aus dem Eröffnungssong „Das Leben ist ein seltsames Klavier” und fasst die Stimmung der ganzen Platte zusammen. Wenn Aux singt: „Oh ich glaub sie haben den Code geknackt / und spielen auf der DNA”, dann klingt das weniger nach Science-Fiction-Warnung als nach einem Gedanken, der einem morgens beim Kaffee einfällt und den man den restlichen Tag nicht mehr los wird. Genau darin liegt die eigentliche Stärke der 11 Songs: Bilder und Formulierungen schleichen sich mit einer fast beunruhigenden Sanftheit ins Bewusstsein und hinterlassen kleine Unruhen. Im besten Fall, so hofft Aux, beginnt man sich tiefer für diese Themen zu interessieren, weiterzudenken, nachzulesen, die Dinge selbst zu verknüpfen.
In „Schöne Replikantin” fragt Aux: „Woher weißt du so gut, was ich mag?” Gemeint ist damit mehr als eine KI-Beziehung; es geht um jenes Unbehagen, das entsteht, wenn Nähe plötzlich maschinell replizierbar wird. Ein Popsong über die Machtfrage in der Beziehung zwischen Mensch und Maschine, vorgetragen mit einer Leichtigkeit, die zunächst fast wie ein Witz wirkt und gerade dadurch trifft. „Hab Supplements bestellt” beginnt als Biohacking-Protokoll und endet mit Xenobots, jenen winzigen lebenden Robotern aus synthetischen Zellen, die Kreier sich in der letzten Strophe schnell injiziert, beiläufig, fast ungeduldig: „Und ich injizier sie schnell.” „Sie wissen Alles” dreht die Perspektive noch einmal: Überwachung, vollständige Lesbarkeit, das diffuse Gefühl, längst restlos entschlüsselbar geworden zu sein. Der einzige Ausweg, den der Song anbietet, lautet: „Komm wir tauschen Handys / dann checken sie nichts mehr.” Kleiner Widerstand, große Geste.
Klanglich greift Aux diesmal in andere Regale. Die Gitarren tragen 90er-Grunge in sich, über allem liegt die Lakonie der Hamburger Schule wie ein leises Grundrauschen, und die Produktionslogik kommt aus Lo-Fi-HipHop und Bedroom-Pop. Angela Aux – bürgerlich Florian Kreier – ist seit jeher in vielen Genres und Subkulturen unterwegs. Die Liste der Kollaborateur*innen hält darum kleine Überraschungen bereit: Aloa-Input-Mitstreiter Cico Beck (The Notwist) liefert Synthesizer-Texturen, Max Wörle Drums und Vibraphon, Henny Herz aus Leipzig Harmonien. „Im Wald ist Licht” mit Roger Rekless (Deichkind), produziert von Bustla (Moop Mama), ist der direkteste und zugleich merkwürdigste Track des Albums. Das Thema Ausgrenzung wird auf die Beziehung zwischen Mensch und Alien übertragen und öffnet einen Gedankengang, der lange nachhallt: Sind wir als Menschheit überhaupt einen Besuch wert? Müsste eine intelligente Spezies nicht eher Angst vor uns haben als wir vor ihr? Und wäre es vielleicht höchste Zeit, dass jemand von außen kommt, um die ganze Sache hier einmal neu zu sortieren?
„Die Leute wollen gute Musik hören” fällt als fast klassischer Indie-Hit aus dem Raster und passt gerade deshalb so gut hinein. Aux traut den Menschen etwas zu. Er attestiert der Allgemeinheit ein gutes Bauchgefühl, vielleicht in musikalischen Fragen, vielleicht auch weit darüber hinaus. Simon Frontzek, ein alter Weggefährte des Münchner Songwriters und Produzent unter anderem von Ami Warning und Madsen, hat hier die Finger im Spiel. „Avocado” beschreibt einen ganz normalen Freitag zuhause mit NMN, Workout, Sauna und Kickflips mit einer so vollständigen Ernsthaftigkeit, dass der Witz erst im zweiten Hören sichtbar wird. Fast prophetisch wirkt die Warnung im elektronischen Mittelteil: „Die Zeit macht alle gleich.” „Endorphine” schließt daran an: „Ich lauf wie ne Maschine auf Zeit und Gefühlen / vielleicht ist alles nur geklaut.” Selten wurde das alte Prinzip von Grunge so stimmig in eine Gegenwart übersetzt, in der Erschöpfung, Selbstoptimierung und ironisches Selbstgespräch längst denselben Raum teilen.
Das abschließende „Ticket ins Futur” fasst in drei Versen zusammen, was das Album die ganze Zeit umkreist: Mensch-Maschine, Büroalltag, Zoobesuch, Zukunft. „Komm wir gehen in den Zoo / Die Mensch-Maschine, sie ist groß.” Das ist der Ton dieses Albums. Aux urteilt wenig, beobachtet viel, und er lässt den Hörer*innen den Raum, selbst zu entscheiden, wo sie stehen. Angela Aux betreibt, wie er selbst sagt, seriösen Dadaismus. Auf diesem Album bedeutet das: Die dringlichsten Fragen unserer Zeit – was bleibt vom Menschen, wenn er sich selbst zu optimieren beginnt, wer besitzt unsere Daten, unsere Körper, unsere Gefühle – kommen als leicht entrückte Popsongs. Sanft, präzise, kunstvoll aus dem Ärmel geschüttelt von jemandem, dessen Leichtigkeit und Kreativität vor allem unter Songwriterinnen geschätzt wird. Antworten gibt das Album natürlich keine. Aber es schafft eine schillernde Modulation von Wirklichkeit, in der Hörerinnen selbst gedanklich durch die Themen wandeln können und bemerken, wie schnell der Glanz des Science-Fiction-Mythos abperlt, je näher man dem einzelnen Thema kommt. Nur um dann festzustellen, dass jeder Lebensbereich längst völlig davon durchdrungen ist. „Das Album ist auch eine Einladung zum Selbstgespräch”, meint Aux selbst, „denn Technologie geht dahin, wo die Wünsche der Menschen liegen. Wir sollten uns also genau überlegen, was wir uns wünschen.”
Live Dates:
23.10.2026 Salzburg – Arge / AT
24.10.2026 Regensburg – Ostentor Kino / DE
25.10.2026 Regensburg – Keynote „KI & Musik“ Popfest / DE
25.11.2026 Nürnberg – MUZ / DE
26.11.2026 Köln – Wohngemeinschaft / DE
27.11.2026 Luxemburg – De Gudde Wëllen / LUX
28.11.2026 Stuttgart – Merlin / DE
09.12.2026 Berlin – Schokoladen / DE
10.12.2026 Hamburg – Aalhaus / DE
11.12.2026 Erfurt – Franz Mehlhose / DE
12.12.2026 Fulda – Kino35 / DE
13.12.2026 München – Volkstheater / DE
Text: Pressemitteilung
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