CATT: „Radikale Zuversicht ist meine Form von Aktivismus“

Mit ihrem neuen Live-Album „Alive“ veröffentlicht CATT weit mehr als nur eine Sammlung von Konzertmitschnitten. Die Aufnahmen aus verschiedenen Städten dokumentieren die besondere Magie ihrer Liveshows – voller Nähe, Spontaneität und emotionaler Offenheit. Im Gespräch mit soundchecker.koeln spricht die mehrfach ausgezeichnete Singer-Songwriterin über die Kraft echter Konzertmomente, musikalische Intuition, die Bedeutung von Gemeinschaft und darüber, warum Live-Musik auch im Jahr 2026 unersetzlich bleibt.

Ein neues Live-Album „Alive“ erscheint in einer Zeit, in der Musik immer häufiger durch Algorithmen, Playlists und KI konsumiert wird. War genau jetzt der richtige Moment, um die Kraft eines echten Konzertmoments festzuhalten?

Was für eine schöne Frage und die Antwort ist ganz klar: Ja! Gerade in den letzten Jahren – einige Krisen und Pandemien mehr auf unserem Erfahrungsradar – hab ich auf den Konzerten eine solche Lebendigkeit gespürt und eine erhöhte Notwendigkeit, dass wir in echten Räumen zusammen kommen. Es berührt mich immer wieder, welch unterschiedliche Menschen zu den Konzerten kommen – nicht selten die ganze Altersrange zwischen 8 bis 80 – und ihre Herzen öffnen. Das ist für mich auch eine Sache von Vertrauen: Dass Menschen sich in den Räumen, die wir erschaffen, so sicher fühlen, dass sie sich erlauben, so viel dort zu fühlen. Genau das, was da in den echten Räumen im Zusammenwirken mit dem Publikum, dem Raum, den Themen des Tages, mir und der Band entsteht, bringe ich jetzt als eine Art Zeitkapsel auch als Album raus. Für die Fans, die da waren, aber auch für die, die sich genau in dem Sumpf des Gleichgeschalteten und künstlich Optimierten für Lebendigkeit öffnen.

Deine Songs verbinden diese warme Zeitlosigkeit der 60er- und 70er-Jahre mit einem modernen Indie-Spirit. Wie bewusst suchst du eigentlich nach dieser Balance zwischen Nostalgie und Gegenwart?

Ich suche nicht bewusst nach einem spezifischen Sound, abgesehen vielleicht davon, dass mir generell Organisches gefällt, also ein Sound, in dem man hört, dass Menschen ihn in dem Moment erzeugen. Ich folge generell immer nur meinen spontanen Ideen und meiner Begeisterung. Das ist mit Sicherheit auch phasenweise inspiriert und begleitet von Musik, die ich gerade liebe, von Begegnungen, die ich habe, von Fragen, die ich gerade ans Leben stelle. Ich habe einen sehr intuitiven Zugang zu Musik und Musikproduktion. Deswegen ist das, wie es am Ende klingt, ein sehr momentanes und pures Ergebnis davon. Aber immer spannend, wie andere das dann anschließend für sich einordnen oder assoziieren. Das ist natürlich alles erlaubt!

Auf der Bühne wirken du und deine Band oft wie eine eingeschworene kleine Gemeinschaft statt wie ein klassisches Konzert-Setup. Wie wichtig ist dieses familiäre Vertrauen für die besondere Dynamik eurer Liveshows?

Wir sind wie eine Familie. Die menschliche und freundschaftliche Entwicklung, die Tiefe und Nähe zueinander nährt auch das Vertrauen im Zusammenspiel und unsere musikalische Entwicklung. Wie in einer Beziehung, in der man sich gut kennt und gute Kommunikation etabliert hat, kann man dann auch in der Musik mutiger sein, humorvoller, risikoreicher, geborgener.

Deswegen für mich: sehr wichtig. Man kann natürlich auch mit Menschen, die man nicht gut kennt, magische Momente auf einer Bühne haben. Aber für meine eigenen Lieder und den sicheren Raum, den ich für alle Anwesenden auf meinen Konzerten schaffen will, ist mir diese Intimität sehr wichtig.

„Alive“ klingt emotional extrem offen, gleichzeitig aber nie kitschig oder pathetisch. Wie schwer ist es eigentlich, Verletzlichkeit musikalisch sichtbar zu machen, ohne sich darin zu verlieren?

Das freut mich. Es ist ein ständiger Tanz, den es immer wieder zu rekalibrieren gilt. Ich seh mich allerdings als emotionale Aktivistin, deswegen seh ich es immer wieder als meine Aufgabe, meine inneren Kapazitäten zu erweitern, um im Außen Räume gestalten, halten und vielleicht auch heilen zu können.

Viele deiner Songs strahlen Hoffnung und Wärme aus, obwohl die Welt gerade immer düsterer und aggressiver wirkt. Ist Musik für dich inzwischen auch eine bewusste Form von Gegenwehr geworden?

Radikale Zuversicht und das Erschaffen von Räumen, in denen man sein Herz öffnen kann, ist definitiv meine Form von Aktivismus, ja!

Du wechselst live ständig zwischen Instrumenten, Atmosphären und Dynamiken. Gibt dir gerade diese musikalische Beweglichkeit das Gefühl von Freiheit – oder entsteht daraus manchmal auch Druck?

Absolute Freiheit! Ich liebe die unterschiedlichen Farben, die ich zur Verfügung habe. Mir wird generell schnell langweilig und ich möchte nie die gleiche Sache zweimal erleben, deswegen kann ich mit meinen ganzen Instrumenten immer wieder experimentieren und auch ins Risiko gehen, wenn mir danach ist. Ich mag es, beweglich zu sein, auf den Moment eingehen zu können und mich auch selbst herauszufordern.

Eure Konzerte wirken oft fast therapeutisch – nicht im esoterischen Sinn, sondern als echte Räume für Verbindung und Emotion. Spürst du auf der Bühne, dass Menschen gerade nach genau solchen Erfahrungen suchen?

Ja. Die unterschiedlichsten Menschen aus den unterschiedlichsten Backrounds kommen zu uns, finden sich in dem Ganzen wieder und lassen sich drauf ein, jeder auf ganz eigene Art und Weise und das ist das absolut Schönste für mich! Jeder nimmt sich das, was er braucht.

Mit inzwischen vier Studioalben, internationaler Aufmerksamkeit und dem Gewinn des Polyton Award gehörst du längst zu den spannendsten Stimmen der deutschen Indie-Szene. Wie schützt man sich davor, bei all dem Erwartungsdruck die eigene Intuition zu verlieren?

Die Musik ist ja die Essenz von all dem und ich hatte glücklicherweise nie ein Problem damit, den Zugang zur Musik pur und intuitiv zu halten. Alles drumherum kann kommen und gehen, aber wenn ich mal unsicher bin über äußere Erwartungen, Umstände oder Industrie-Strukturen, kehre ich in erster Linie immer erstmal zum Song zurück. Von dort aus finden sich meistens auch äußere Wege.

Besonders spannend an „Alive“ ist, dass jede Aufnahme aus einer anderen Stadt stammt. Erzählen Konzerte für dich tatsächlich unterschiedliche Geschichten – abhängig von Ort, Publikum und Stimmung?

Ich bin aus eigener Erfahrung der festen Überzeugung, dass jeder Abend, jeder Ort, geprägt von allem, was jeder einzelne Mensch, der teilnimmt, mitbringt, ein komplett eigenes Potenzial hat. Deswegen weiß man ja bei einem Live-Konzert nie, was passiert und das macht die Magie, vielleicht sogar manchmal auch die Enttäuschung aus! Ich habe gelernt, zu verstehen, dass ich nie genau greifen kann, ob ein Konzert nun gut, transformierend, nicht-ganz-da, tiefgreifend… war, bevor ich nicht am Merchstand auch unterschiedliche Menschen zu Wort kommen lasse, die teils ihre ganz eigenen Erfahrungen machen. Deswegen werte ich mittlerweile viel weniger und vertraue, dass, wenn wir auf der Bühne alles gegeben haben, genau das Richtige passieren kann und wird, was in dem Rahmen möglich ist.

Ich glaube, wenn man sich drauf einlässt, hört man auch auf dem Album unterschiedliche Temperamente in den Städten und in der Musik viele Momente, die uns selbst beim Spielen überraschen.

Hand aufs Herz: Wenn jemand noch nie ein Konzert von CATT erlebt hat – welcher Moment auf „Alive“ erklärt am besten, warum Live-Musik auch 2026 noch durch nichts ersetzbar ist?

Ein Beispiel ist »Sea (live in Hamburg)«. Einer meiner ersten Songs überhaupt, erstmalig rausgebracht 2018. Der hat eine solche Reise hinter sich, sammelt seit Jahren Live-Erfahrungen. Die Aufnahme aus Hamburg ist ein Beispiel dafür, wie die Songs weiter atmen, wachsen, ihre Form verändern genauso wie ein Mensch, der viel reist und ständig in Kontakt mit anderen kommt. Und dann die Freude, die sich live im Mojo entfacht, die Improvisation, der spontane Spannungsbogen. Hört selbst!

Vele Dank für das Gespräch.

Interview: Dennis Kresse

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