„Ich bin damit nicht allein“ – YOSU über Ehrlichkeit, Eskapismus und Pop zwischen Melancholie und Dancefloor

Mit seiner neuen Single „nightjet 457“ liefert YOSU einen Soundtrack für schlaflose Nächte, lange Zugfahrten und all die Gedanken, die zwischen Ankommen und Aufbrechen entstehen. Seine Musik verbindet Popglamour mit HipHop-Attitüde und sehr persönlichen Texten – ehrlich, verletzlich und gleichzeitig euphorisch. Im Interview mit soundchecker.koeln spricht YOSU über das Schreiben zwischen Moment und Gedankenkarussell, den Spagat zwischen Melancholie und Dancefloor und darüber, warum echte Gefühle in seiner Musik immer wichtiger sind als Perfektion.

Deine Musik klingt oft wie ein Gespräch um halb drei morgens – ehrlich, verletzlich und trotzdem irgendwie euphorisch. Schreibst du Songs eher aus konkreten Momenten heraus oder aus diesem berühmten Gedankenkarussell danach?

Beides, aber meistens kommt erst der Moment – und dann das Karussell. Der konkrete Moment gibt mir das Bild, das Karussell gibt mir die Ehrlichkeit. Wenn ich nur aus dem Karussell schreibe, wird’s schnell navel-gazing. Wenn ich nur den Moment beschreibe, fehlt die Tiefe. Die Kombination ist das, was sich dann echt anfühlt.

In deinen Tracks treffen Popglamour, HipHop-Attitüde und sehr persönliche Texte aufeinander. Wie schwer ist es eigentlich, echte Verletzlichkeit in einem oft perfekt inszenierten Popkosmos sichtbar zu machen?

Es ist weniger schwer als man denkt – weil beides einfach zu mir gehört. Der Look ist keine Verkleidung, das ich ablege, wenn’s persönlich wird. Und ehrlich gesagt trifft Verletzlichkeit viel härter, wenn man sie nicht erwartet.

Deine Songs handeln von Beziehungen, Freundschaft, Leistungsdruck oder digitaler Einsamkeit – also genau den Themen, die viele Menschen beschäftigen, über die aber oft nur ironisch gesprochen wird. War dir wichtig, Gefühle wieder direkter auszusprechen?

100%. Ich merk immer wieder, dass viele Leute Dinge fühlen, für die sie keine Worte haben. Wenn ich genau diese Worte finde und sie dann auch noch ausspreche – das ist eigentlich der Grund, warum ich Songs schreibe.

Mit deiner neuen Single „nightjet 457“ klingt vieles gleichzeitig größer, tanzbarer und emotional offener. Hattest du beim Schreiben das Gefühl, musikalisch noch stärker bei dir selbst angekommen zu sein?

Ich war immer ich – aber ich bin auch nicht stehen geblieben. Die Frage war die gleiche: Fühlt sich das gerade echt an? Der Zug, die Nacht, dieses Dazwischen-Gefühl wenn man weiß, dass man gleich ankommt aber noch nicht da ist – das bin ich.

Du bist in Portugal aufgewachsen, hast früh auf Bühnen gestanden und schon als Teenager Songs geschrieben. Gibt es rückblickend einen Moment, an dem du gemerkt hast: „Okay, Musik wird hier nicht nur Hobby bleiben“?

Einen einzelnen großen Moment gab es nicht wirklich. Es hat sich entwickelt – von den ersten Auftritten für die Familie, über Straßenmusik, bis zu Dein Song. Als da plötzlich Menschen mitgesungen haben, die ich gar nicht kannte – war irgendwie klar: okay, hier will ich bleiben.

Von Dein Song über The Voice of Germany bis zu deinen eigenen Releases: Wie sehr prägen solche Formate einen jungen Künstler – und wie schwer ist es danach, seine eigene Identität zu behalten?

Ich war neugierig und hatte Bock das zu erleben. Und mit dem als einzige Erwartung konnte ich total viel mitnehmen, ohne meine eigene Identität aufs Spiel zu setzen.

Deine Musik funktioniert sowohl im Kopfhörer nachts allein als auch auf dem Dancefloor. Ist genau dieser Spagat zwischen Melancholie und Eskapismus das, was modernen Pop heute spannend macht?

Ich glaub nicht, dass das ein Spagat ist – ich glaub, das ist dasselbe Gefühl. Du tanzt, weil du nicht still sein kannst mit dem, was dich bewegt. Melancholie und Dancefloor schließen sich nicht aus. Die besten Momente passieren genau da, wo beides gleichzeitig wahr ist.

Auffällig ist auch deine gesamte Ästhetik – von Cover-Artworks bis zu Outfits und Liveshows wirkt alles sehr durchdacht. Wie wichtig ist dir diese visuelle Ebene, um deine Songs komplett zu erzählen?

Sehr. Ich sehe meine Musik als Gesamtkonzept – der Song, das Cover, das Video, die Live Show. Alles ist dieselbe Welt. Das liebe ich auch bei anderen Artist: wenn man komplett eintauchen kann.

Viele deiner Texte wirken extrem relatable, fast wie intime Chats oder Tagebucheinträge. Gibt es trotzdem Themen oder Gefühle, bei denen du dich bewusst zurückhältst?

Es gibt immer Gefühle, die ich selbst noch nicht genug verstehe, um sie aufzuschreiben. Schreiben ist für mich immer auch ein Prozess des Verstehens – da ist es wichtig, den richtigen Moment für den Song zu finden.

Wenn jemand deine Musik zum ersten Mal hört – was soll im besten Fall hängen bleiben: der Ohrwurm, die Emotion oder das Gefühl, mit seinen eigenen Gedanken vielleicht doch nicht ganz allein zu sein?

Das Gefühl, dass jemand genau das singt, was du nie in Worte fassen konntest. Der Ohrwurm ist schön, die Emotion ist gut – aber wenn jemand denkt: „Ich bin damit nicht allein“ – dann ist meine Musik angekommen.

Vielen Dank für das nette Gespräch

Fragen: Dennis Kresse
Credits: YOSU

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