„Part Time Punks“ – Endlich bekommt Dan Treacy die Würdigung, die ihm der Pop jahrzehntelang verweigert hat


Es gibt Musiker, deren Einfluss größer ist als ihr Kontostand, deren Nachhall lauter klingt als jede Chartplatzierung. Television Personalities gehören genau in diese Kategorie. Während andere Bands mit kalkuliertem Indie-Charme Stadien eroberten, blieb Dan Treacy immer der Außenseiter mit schief sitzender Krone: ein brillanter Beobachter zwischen Psychedelia, britischem Sozialrealismus, Größenfantasien und emotionalem Totalschaden.

„If I Could Write Poetry“ ist deshalb weit mehr als bloß eine Sammlung von Songtexten. Dieses Buch fühlt sich an wie der längst überfällige Versuch, einem der wichtigsten und gleichzeitig tragisch unterschätztesten Songwriter des Indie-Pop endlich den Platz einzuräumen, der ihm eigentlich schon seit Jahrzehnten zusteht.

Treacys Texte funktionieren auch ohne Musik erstaunlich intensiv. Vielleicht sogar erschreckend gut. Da treffen euphorische Sixties-Referenzen auf Einsamkeit, Depression und britische Vorstadttristesse. Zwischen Syd Barrett, Andy Warhol und kaputten Beziehungen entsteht ein Paralleluniversum, das gleichzeitig bunt, melancholisch, absurd und bitterkomisch ist. Dan Treacy schreibt nie geschniegelt literarisch – eher wie jemand, der nachts um halb vier gleichzeitig einen Nervenzusammenbruch und die beste Idee seines Lebens hat.

Gerade das macht diese Texte bis heute so modern. Viele heutige Indie-Bands wirken im Vergleich fast steril durchoptimiert. Treacy dagegen ließ immer jede Unsicherheit, jede Schrulle und jeden emotionalen Absturz ungefiltert stehen. Vielleicht liebten ihn deshalb Musiker mehr als der Mainstream. Dass Größen wie Kurt Cobain, Pavement oder MGMT sich offen auf ihn bezogen, wirkt nach der Lektüre absolut nachvollziehbar.

Besonders gelungen ist, dass Herausgeber Gregor Kessler das Buch eben nicht steril archiviert, sondern mit Erinnerungen, persönlichen Texten und Würdigungen von Musiker:innen, Wegbegleiter:innen und Fans auflädt. Dadurch entsteht keine akademische Werkschau, sondern etwas deutlich Menschlicheres: ein Liebesbrief an einen Künstler, der sich nie wirklich in diese Welt einfügen wollte.

Dass Kessler seine eigene Begeisterung für die Television Personalities kaum verbergen kann, schadet dem Buch übrigens überhaupt nicht – im Gegenteil. Diese Leidenschaft macht viele Passagen erst glaubwürdig. Denn Neutralität wäre bei Dan Treacy vermutlich ohnehin die falsche Haltung gewesen.

„If I Could Write Poetry“ ist damit nicht nur Pflichtlektüre für Fans der Television Personalities, sondern auch ein faszinierendes Dokument darüber, wie nachhaltig Popkultur von Menschen geprägt wird, die kommerziell oft nie wirklich gewonnen haben.

Oder anders gesagt: Manche Musiker verkaufen Millionen Platten. Andere verändern heimlich die DNA des Indie-Rock. Dan Treacy gehört definitiv zur zweiten Sorte.

Text: Dennis Kresse

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