ph4nt. zwischen Cyberpunk, Wut und Widerstand!

Mit „Von Angst & Wut, Hoffnung & Tat“ liefert ph4nt. ein Album zwischen dystopischem Cyberpunk, Industrial-Wucht und kompromisslos direkter Gesellschaftskritik. Statt verklausulierter Botschaften gibt es klare Haltung, rohe Emotionen und viel Raum für Selbstzweifel. Wir haben mit ph4nt. über politische Musik, DIY gegen Streaminglogik und Hoffnung in kaputten Zeiten gesprochen.

soundchecker.koeln:
Dein neues Album „Von Angst & Wut, Hoffnung & Tat“ klingt wie ein emotionaler Rundumschlag – war das Schreiben eher Therapie oder gezielte Kampfansage?

ph4nt.:

Eher Therapie für mich, um ehrlich zu sein. Ich lese viel Nachrichten, finde es wichtig für mich, nicht wegzuschauen. Diese Musik ist mein Weg, Wut & Ohnmacht zu verarbeiten. Kampfansage ist das ein Stück weit auch, allerdings bin ich mir darüber im Klaren, dass die Menschen, auf die die Texte oft abzielen, mit meiner Musik niemals in Berührung kommen zu werden. Dafür bin ich zu unbekannt & alle, mich eingeschlossen, zu sehr in ihren Bubbles.

soundchecker.koeln:
ph4nt. positioniert sich sehr klar gegen gesellschaftliche Entwicklungen – hast Du manchmal das Gefühl, dass Musik heute überhaupt noch etwas verändern kann?

ph4nt.:
Ich denke, das ist relativ unverändert: Im Großen eher nein, im Kleinen ja. Ich weiß nicht, ob z. B. Rage Against The Machine oder Joan Baez‘ Songs unmittelbar politische Folgen hatten. Schrei nach Liebe konnte offensichtlich auch nicht verhindern, dass es (zunehmend viele) Nazis gibt. Ich erlebe aber zum Glück immer wieder, dass Leute nach Konzerten zu mir kommen und mir erzählen, dass dieser oder jener Song sie tief bewegt und etwas eröffnet hat, Zugang zu einem Gefühl oder Gedanken, das sie vorher nicht klar greifen konnten, und dass sie sich danach stärker fühlen. Das passiert nicht jedes Konzert, und es sind meist auch nur zwei, drei Menschen, aber es freut mich jedes Mal krass! Und wenn man z. B. Akzeptanz queerer Lebensweisen betrachtet, kann die Sichtbarkeit queerer Musiker*innen durchaus etwas Positives bewirken.

soundchecker.koeln:
Zwischen Wut und Hoffnung: Was war beim Songwriting stärker – der Impuls, rauszuschreien oder der Wunsch, etwas aufzubauen?

ph4nt.:

Tatsächlich bin ich in der Hinsicht eine relativ schlechte Anarchist*in. Die Utopie, das Werkeln am besseren Morgen, fällt mir viel schwerer als Wut rauszulassen und zu kritisieren, was scheiße läuft. Vielleicht weil ich doch eher mit Johnny Rotten, Vorkriegsjugend und Nine Inch Nails aufgewachsen bin… alles nicht so optimistisch würd ich sagen.

soundchecker.koeln:
Du nennst Namen wie Trump, Musk oder Putin ganz direkt – braucht es diese Klarheit, weil subtil längst nicht mehr reicht?

ph4nt.:
Genau! ph4nt. ist als Soloprojekt unter anderem deswegen entstanden, weil ich wenig Lust hatte, meine Beats und Texte subtil zu halten, hinter Meta-Ebenen und Ironie zu verstecken. Meine Texte sind fast immer sehr direkt und ohne Verklausulierungen. Viele Industrial- (aber manchmal auch Punk)-Acts sind da finde ich sehr schwammig in ihrer Kritik. Da frage ich mich oft: „Gegen wen geht das eigentlich? Was meint ihr mit ‚Freiheit‘? Wogegen soll ich aufstehen?“ Ich will das schon präzisieren, dass ich nicht gegen „irgendwen da oben“ oder „das System“ bin, sondern ganz klar: „Ich bin gegen Merz, weil…“, „Ich bin gegen Kapitalismus, weil…“, „Die Polizei agiert rassistisch weil…“ Meine Konzeptalben über eine Welt im fortgeschrittenen Klimawandel von 2022 & 2023 z. B. haben ein Narrativ, sind aber auch keineswegs subtil in ihrer Erzählung.

soundchecker.koeln:

„Cyberpunk und auf die Fresse“ ist eine ziemlich treffende Beschreibung – wie wichtig ist die Ästhetik, um die Botschaft zu transportieren?

ph4nt.:
Ich mag es schon gern, wenn Form & Inhalt zusammenpassen. Einige meiner Lieblingsalben sind z. B. The Downward Spiral von NIN oder Wasteisolation von den Black Dresses, gerade weil da Ästhetik und Botschaft so unglaublich gut zusammenpassen. Die Cyberpunk-Ästhetik wäre dabei denke ich nicht per se nötig, die Songs würden ihre Botschaft auch im „klassischeren“ Punkrock- oder Metal-Gewand mit Schlagzeug & Bass rüberbringen. Aber da meine Hardware-Synthesizer der Backbone meines Musikschaffens sind und ich Spaß an futuristischem Sounddesign habe, wird’s eben cyberpunkig – was zum Glück auch gut zu den Themen passt, über die ich rede. „Auf die Fresse“ ist gewissermaßen die meiste Musik, die ich gerne höre, also verfalle ich auch meistens in das Muster 😀 Ich mach Musik eben auch oft, um Emotionen zu verarbeiten, und diese Emotionen sind ob der aktuellen Weltlage oft von Angst & Wut geprägt – dann wird die Musik schnell laut & heavy.

soundchecker.koeln:

Trotz aller Härte lasst Du Raum für Selbstzweifel – wie schwer ist es, sich selbst zu hinterfragen, während man gleichzeitig laut gegen andere austeilt?

ph4nt.:
Das fällt mir denke ich verhältnismäßig leicht. Ich habe mit elektronischer Musik begonnen, als ich noch alkoholabhängig & depressiv war. Da war thematisch fast alles Selbstzweifel (bzw. Selbsthass). Ich teile gern gegen die Herrschenden aus und singe über Ungerechtigkeit, aber ich will vermeiden, oberlehrerhaft z. B. auf den/die afd-Wählerin zu zeigen. Manchmal gibt es trotzdem einzelne sarkastische, ätzende Songs von mir, aber meist ist das nicht der Tonfall, den ich anschlagen will. Generell finde ich diese Selbstüberhöhung, diese zweifellose Selbstgewissheit in linken Diskursen extrem nervig (siehe Nahostkonflikt). Und ich bin z. B. auch wirklich keine Vollzeit-Aktivist*in, ich handel definitiv nicht „perfekt“. Ich weiß auch nicht, ob ich recht habe, ich bin nicht super-aware in jedem Lebensbereich, nicht mega belesen und habe eine begrenzte Lebenserfahrung. Ich finde da keine Selbstzweifel zuzulassen entweder arrogant oder unehrlich.

soundchecker.koeln:
Deine Musik ist frei zugänglich über Creative Commons – ist das für dich ein politisches Statement gegen die klassische Musikindustrie?

ph4nt.:

Ganz genau! Nicht, dass die Musikindustrie viel dadurch verliert, dass sie meine Musik nicht nach üblicher Marktlogik verwerten kann 😀 Aber das Statement ist mir wichtig und ich persönlich fand Copyright noch nie sinnvoll oder zielführend.

soundchecker.koeln:
DIY-Tapes statt Streaming-Algorithmen: Ist das romantischer Idealismus oder bewusster Widerstand gegen Verwertungslogik?

ph4nt.:
Es ist ein Kompromiss gegen Verwertungslogik. Ich hab meine Musik auch auf Spotify, Apple etc. Das fühlt sich nicht gut an, das tu ich zähneknirschend, weil ich es für notwendig halte, jeder einzelnen Person, die sich für meine Musik interessieren könnte, diese möglichst barrierefrei zugänglich zu machen. Und viele Leute streamen eben nur und sind nicht mit Tapes oder .mp3-Bibliotheken auf dem Rechner aufgewachsen. Ich selber hab aber Spaß an handgemachten Tapes in Kleinauflage, ich mag das Prinzip von Zines und auch das algorithmusfreie Musik-Entdecken auf Bandcamp und auch dafür gibt es eine enthusiastische Community. Deswegen pushe ich in der Kommunikation immer Bandcamp oder Mirlo und erwähne die großen Streamingdienste kaum.

soundchecker.koeln:
Wenn man sich das Album anhört, wirkt 2026 ziemlich dystopisch – woher nimmst du persönlich die Hoffnung, die im Titel mitschwingt?

ph4nt.:

Ich nehme die Hoffnung teils aus der Geschichte, teils aus den kleinen Dingen im Leben, so spießig sich das anhört. Zum Einen dachten die Menschen schon mit dem Y2k-Problem, die Welt würde untergehen. Dann kam 9/11 & der „War on Terror“ und viele (inkl. mir) hatten Angst vor dem dritten Weltkrieg. Die Finanzkrise kam in meinem Umfeld auch nicht so hart an, wie befürchtet wurde, und selbst Corona war nicht der Untergang der Menschheit. Natürlich hatten diese Krisen teils sehr schlimme Folgen, und viele Effekte des Klimawandels kommen ja erst noch. Auch der Peak des Faschismus steht uns, fürchte ich, noch bevor. Trotzdem: Hier in Sachsen-Anhalt steht die afd in Umfragen bei 40 %, und trotzdem begegne ich ständig tollen, bunten Menschen. Nach meinem Releasegig beispielsweise in der Straßenbahn waren grob geschätzt 2/3 der Bahn queere Freundesgruppen, es gibt hier in Halle starke, linke Projekte, eine tolle Subkultur. Menschen, die rassistische Parolen nicht unwidersprochen lassen. Und auch die Leute auf dem Land, die ich bisher getroffen habe, waren nett & offen. Klar gibt es auch offensichtliche Nazis und rechte Sticker oder Graffiti, aber noch fühle ich mich wenig bedroht. Und es gibt solidarische Strukturen, auf die ich – denke ich – zählen kann, sollte es doch mal ernst werden. Darauf kann man aufbauen, selbst wenn hier im Herbst die afd an die Regierung kommt.

In den USA schließen sich so viele Bürgerinnen zusammen, die ICE & deren Razzien nicht einfach so hinnehmen. Die die Morde nicht einfach so hinnehmen. Und auch was Überwachungskapitalismus angeht: Der wirkt erstmal übermächtig mit datenintensiven Monopolkonzernen, KI, Palantir etc. Aber es gibt auch linke Gruppen, Journalistinnen und Hacker*innen, vom Chaos Computer Club über FragDenStaat oder Digitalcourage, die aktiv dagegen arbeiten. Du kannst die Überwachung auf deinem Smartphone minimieren und trotzdem Instagram nutzen. Es gäbe aber auch zu den Tech-Giganten Alternativen, die Leute langsam aber sicher für sich entdecken, wie Mastodon, Bluesky oder eben Bandcamp, Mirlo und Subvert. All das sind kleine Akte des Widerstands, die mir Hoffnung geben.

soundchecker.koeln:
Wenn du eine Sache mit diesem Album erreichen könntest – ganz konkret – welche wäre das?

ph4nt.:
Dass die Leute, die jetzt von Spaltungsrhetorik und gegenseitigem Konkurrenzdenken überzeugt sind, verstehen, dass Faschismus nicht die Antwort ist. Nicht mal die, die ihnen hilft, denn die wenigsten davon gehören der besitzenden Klasse an. Dass weder Arbeitslose noch Queers noch Migrant*innen oder Leute mit anderen Religionen daran schuld sind, dass ihr Leben nicht so ist, wie sie sich das wünschen, und dass ihr Leben nicht besser dadurch wird, diese Sündenböcke zu schlachten.

„Sorry für die langen Antworten, wie man an der Spielzeit meiner Alben merkt, fällt es mir oft schwer, mich kurz zu fassen :D“

Vielen Dank für das interessante Gespräch.

Fragen: Dennis Kresse

Erzählt von uns: Facebooktwitterby feather