Es ist gerade wieder viel Jackson in der Luft: Das Biopic Michael läuft in den Kinos, das Musical MJ – Das Michael Jackson Musical füllt die Säle – und mittendrin erscheint mit Black Or White eine aktualisierte Neuauflage, die genau das macht, was viele der aktuellen Huldigungen vermeiden: Sie erzählt die ganze Geschichte.
Autor Hanspeter Künzler wählt dafür einen bewusst zweigleisigen Ansatz. Auf der einen Seite steht die beispiellose Karriere eines Ausnahmekünstlers: vom Kinderstar zum globalen Phänomen, vom Moonwalk zur Pop-Religion. Meilensteine wie das Album Thriller werden nicht einfach abgefeiert, sondern in ihrer kulturellen Sprengkraft eingeordnet – als Momente, in denen Popmusik plötzlich größer wurde als sie selbst.
Doch Künzler bleibt nicht stehen, wo es glänzt. Parallel dazu entfaltet sich die andere Seite: eine Biografie voller Brüche, Exzesse und Abgründe. Finanzielle Probleme, körperliche Selbstoptimierung bis zur Entfremdung, Beziehungen unter Dauerbeobachtung – und vor allem die schwerwiegenden Missbrauchsvorwürfe, die bis heute wie ein dunkler Schatten über Jacksons Vermächtnis liegen. Das Buch spart diese Themen nicht aus, sondern konfrontiert sie nüchtern und ohne Sensationslust.
Gerade diese Doppelperspektive macht Black Or White so lesenswert. Es ist keine Abrechnung, aber auch keine Verklärung. Vielmehr entsteht das Bild eines Künstlers, der sich selbst zur Projektionsfläche gemacht hat – für Träume, Erwartungen und letztlich auch für den eigenen Absturz.
Sprachlich bleibt Künzler angenehm unaufgeregt. Kein Pathos, keine Effekthascherei – stattdessen eine klare, journalistische Erzählweise, die dem Stoff gut tut. Denn die Geschichte von Michael Jackson braucht keine zusätzliche Dramatisierung. Sie ist dramatisch genug.
Natürlich stellt sich bei einer solchen Biografie immer die gleiche Frage: Kann man Werk und Künstler trennen? Das Buch gibt darauf keine einfachen Antworten – und genau das ist seine Stärke. Es zwingt die Leser*innen, sich selbst zu positionieren.
16 Jahre nach seinem Tod bleibt Michael Jackson eine Figur voller Widersprüche. Black Or White zeigt, warum das so ist – und warum sich daran so schnell nichts ändern wird.
Fazit:
Eine kluge, unbequeme und gerade deshalb notwendige Lektüre. Wer nur den Mythos sucht, wird hier irritiert. Wer verstehen will, bekommt ein schonungslos ehrliches Gesamtbild.
Text: Dennis Kresse
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