Interview: Ansa Sauermann – „Gehts noch“
Mit seinem neuen Album „Gehts noch“ legt Ansa Sauermann eine Platte vor, die sich mit gesellschaftlicher Dauerempörung, Grauzonen politischer Debatten und der Frage beschäftigt, wie man in all dem noch miteinander reden kann. Im Gespräch erzählt er, wie das Album entstanden ist, warum Rock’n’Roll für ihn das passende Ausdrucksmittel bleibt – und warum Hoffnung manchmal auch eine Überlebensstrategie ist.
„Am Anfang war das Schreiben einfach ein Ventil“
soundchecker.koeln: „Gehts noch“ erscheint in einer Zeit, in der viele Debatten sofort eskalieren. War das Album von Anfang an als bewusste Gegenbewegung zur Dauerempörung gedacht – oder hat sich diese Haltung erst im Schreiben ergeben?
Ansa Sauermann:
Das hat sich tatsächlich erst im Laufe des Prozesses ergeben. Am Anfang war das Schreiben einfach ein Ventil und sicherlich auch eine Art Selbsttherapie. Je tiefer ich eingetaucht bin und versucht habe, den anfangs noch ziemlich grundlegenden Gedanken nachzugehen, desto klarer wurde mir diese Dauerempörung – und die Tatsache, dass eigentlich alle damit unglücklich sind.
„Es hat sich über Jahre etwas angestaut“
soundchecker.koeln: Du beschreibst das Private momentan als sehr politisch. Gab es einen konkreten Moment oder ein Erlebnis im eigenen Umfeld, das diesen Perspektivwechsel ausgelöst hat?
Ansa Sauermann:
Es gab viele sehr konkrete Momente, Diskussionen und auch Eskalationen. Über die letzten Jahre hat sich bei mir einfach sehr viel angestaut. Dieses Album war der Moment, in dem sich das alles Bahn gebrochen hat. Hätte ich das nicht rausgelassen, wäre ich wahrscheinlich implodiert. Oder explodiert – oder weiß der Teufel.
„Protest ja, Belehrung nein“
soundchecker.koeln: Deine Songs beziehen klar Haltung, vermeiden aber moralische Belehrung. Ist das eine bewusste Entscheidung – oder eher Instinkt?
Ansa Sauermann:
Freut mich, dass du das so empfindest. Ich versuche schon bewusst, diesen deutschen Zeigefinger zu vermeiden. Den will niemand in Songs hören. Protest ja – Belehrung nein.
„Diese Superlativ-Debatten sind eine Krankheit“
soundchecker.koeln: In aktuellen Kulturkämpfen scheint oft nur Schwarz oder Weiß zu existieren. Was reizt dich daran, genau diese Grauzonen zu besingen?
Ansa Sauermann:
Der Song „Schlaf gut“ spielt mit diesen Grauzonen ganz gut. Dieses Bild vom naiven Mitläufer findet sich eigentlich in allen Lagern. Die Argumentationsstrategien ähneln sich da sehr. Dass diese Lager nur noch in Superlativen denken und kommunizieren und ständig von allem vollkommen überzeugt sind, ist eine ernstzunehmende Krankheit unserer Gesellschaft.
Innerhalb klarer Grenzen sollten Menschen mit unterschiedlichen Ansichten weiterhin miteinander sprechen können – sie müssen es sogar. Wer diese Brücken einreißen will, ist Teil des Problems.
„Rock’n’Roll war für mich einfach das richtige Werkzeug“
soundchecker.koeln: Musikalisch ist „Gehts noch“ laut, stürmisch und sehr körperlich. Warum braucht diese Gesellschaftsdiagnose Rock’n’Roll?
Ansa Sauermann:
Das kann ich dir gar nicht so genau beantworten. Folk kommt ja mit viel weniger aus. Für mich war Rock’n’Roll als treibende und verbindende Kraft einfach das richtige Mittel.
„Die Nacht hat etwas Geheimnisvolles“
soundchecker.koeln: Du wirst oft als Straßenromantiker und Flaneur beschrieben. Welche Rolle spielen Nacht, Stadt und Bewegung beim Schreiben deiner Songs?
Ansa Sauermann:
Nachts müssen Menschen nicht so funktionieren wie zum Beispiel im Job. Das verändert etwas. Da entstehen oft skurrile Momente und sonderbare Gespräche. Die Nacht hat etwas Geheimnisvolles, etwas Romantisches. Viele Straßen haben im Laternenschein eine ganz andere Aura als am Tag. Dieses Flanieren und Beobachten – egal zu welcher Tageszeit – ist definitiv Teil meiner Inspiration.
„Online wird sofort zurückgeschossen“
soundchecker.koeln: Viele deiner Songs holen politische Themen auf eine sehr menschliche Ebene zurück. Ist das auch ein Kommentar zur digitalen Debattenkultur?
Ansa Sauermann:
Viele Kämpfe werden inzwischen online ausgetragen. Gleichzeitig nimmt sich dort kaum jemand Zeit. Es wird sofort zurückgeschossen – quid pro quo. Reflektieren, sich beruhigen, vielleicht auch mal etwas nachlesen – Fehlanzeige.
Es ist völlig okay, eine eigene Meinung zu haben. Aber es ist nicht immer nötig, sie sofort ins Handy zu hacken und in den Äther zu schicken.
„Rock ist nicht rückwärtsgewandt – er ist zeitlos“
soundchecker.koeln: Rockmusik gilt heute oft als nostalgisch. Was macht Rock für dich noch radikal?
Ansa Sauermann:
Wer sagt denn, dass Rock rückwärtsgewandt ist? Rockmusik war immer verbindend und auch politisch. Das ist nicht nostalgisch, das ist zeitlos.
Dass heute viele Songs nur noch ein oder zwei Minuten lang sind, weil Streaming damit mehr Klicks bringt, zeigt eher, wie stark die Musikindustrie kommerzialisiert ist. Aber daraus wird früher oder später eine Gegenbewegung entstehen. Es gibt genug Künstlerinnen und Künstler, die Musik noch als Ausdrucksmittel verstehen.
„Hoffnung ist notwendig“
soundchecker.koeln: Trotz aller Wut steckt in deinen Songs viel Wärme. Ist Hoffnung für dich politisch oder einfach Überlebensstrategie?
Ansa Sauermann:
Beides. Hoffnung ist notwendig. Es muss etwas geben, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Bei all dem Elend und all der Ungerechtigkeit darf man auch nicht vergessen: Das Leben ist schön und uns geht es eigentlich ziemlich gut. Deshalb auch: Schluss mit der Dauerempörung in Superlativen.
„Gehts noch kann Frage oder Antwort sein“
soundchecker.koeln: Wenn „Gehts noch“ als Frage verstanden wird – an wen richtet sie sich eigentlich?
Ansa Sauermann:
„Gehts noch“ ist nicht zwingend eine Frage. Es kann genauso eine Aussage oder ein Ausruf sein. Und wenn es doch eine Frage ist, könnte die Antwort lauten: zusammen – ja.
Vielen Dank für das Gespräch.
Fragen; Dennis Kresse
Erzählt von uns: