Mutter sein ist kein Instagram-Filter!

Mit Hätt ich ein Kind legt Lea Streisand keinen Roman über niedliche Babyfüße vor. Sondern einen über Zweifel. Über Widersprüche. Über das permanente Abwägen zwischen Sehnsucht und Selbstbehauptung.

Streisand schreibt über Kinderwunsch, Adoption und Mutterschaft, ohne ins Ratgeberhafte abzurutschen. Ihr Ton ist klar, manchmal trocken, oft trotzig – und gerade deshalb so wirkungsvoll. Die Erzählerin denkt laut, zweifelt öffentlich und verweigert sich konsequent den einfachen Antworten. Mutterschaft erscheint hier weder als romantische Erfüllung noch als abschreckendes Schreckgespenst, sondern als gesellschaftlich aufgeladene Projektionsfläche.

Bemerkenswert ist, wie politisch dieser Text ist, ohne Parolen zu brauchen. Fragen nach Rollenerwartungen, Ableismus und weiblicher Selbstbestimmung laufen unterschwellig mit. Streisand schreibt aus einer Perspektive, die Verletzlichkeit zulässt und gleichzeitig Widerstand formuliert. Das macht das Buch relevant – gerade in einem Klima, in dem alte Familienbilder wieder erstaunlich laut werden.

Die Taschenbuchausgabe ist mehr als eine Neuauflage. Streisand hat behutsam nachgeschärft, ohne den ursprünglichen Impuls zu verlieren. Der Roman wirkt konzentrierter, noch präziser in seiner Beobachtung.

Hätt ich ein Kind ist kein Wohlfühltext. Es ist ein Denkraum. Einer, der fordert, manchmal irritiert – und genau deshalb hängen bleibt.

Kein Urteil über Mutterschaft. Sondern eine ehrliche Bestandsaufnahme und deshalb so ungeheuer wichtig.

Text: Dennis Kresse

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