**45 Jahre nach „Karl der Käfer“: Gänsehaut sind zurück – und haben noch längst nicht alles gesagt**

Manche Songs werden zu Hits. Andere werden zu Zeitzeugen. **„Karl der Käfer“** gehört zweifellos zur zweiten Kategorie. 45 Jahre nach dem Überraschungserfolg kehrt Gänsehaut mit dem Album *Morgendämmerung* zurück – und beweist, dass die Band weit mehr zu erzählen hat als die Geschichte eines kleinen Käfers. Im Gespräch mit Soundchecker.koeln sprechen Gerald und Nikolai über eine viel zu lange Pause, moderne Studiotechnik, die Schattenseiten des Streamings und darüber, warum Umweltschutz leider nichts von seiner Aktualität verloren hat.

**1. Hand aufs Herz: Wie oft wurdet ihr in den vergangenen Jahrzehnten gefragt: „Wann macht ihr eigentlich wieder was?“ – und wann wurde aus einem lockeren Gedanken plötzlich ein echtes Album?

**Nikolai:** Ich habe Gerald jahrelang in den Ohren gelegen, er solle doch mal wieder Musik machen. Er wurde also oft gefragt! Dabei habe ich aber gar nicht daran gedacht, mitzumachen, sondern war einfach nur der Meinung, dass Gerald viel zu gute Songs schreibt, als dass er die nur im Wohnzimmer auf seinem Klavier vor sich hin spielen darf. Nach den ersten beiden Songs 2022 haben wir dann einfach in Ruhe weitergemacht, und als es immer mehr Songs wurden, kam das Album wie von selbst.

**Gerald:** Das stimmt. Aus jetziger Sicht war die Pause viel zu lang. Wir sind noch lange nicht fertig.

**2. „Karl der Käfer“ begleitet euch seit 45 Jahren. Ist das manchmal Fluch und Segen zugleich oder freut ihr euch einfach, dass ein Song Generationen überdauert hat?

**Gerald:** Eigentlich ist es erschreckend, dass der Song eine so lange Zeit überdauert hat. Das bedeutet leider, dass die Probleme des kleinen „Karls“ bis heute nicht gelöst sind. Sie haben sich vielleicht verändert, aber sie sind noch da. Andererseits macht es natürlich auch stolz, wenn ein Song so lange Bestand hat. Für die Band ist das mitnichten ein Fluch, ganz im Gegenteil.

**Nikolai:** Mich begleitet der Song sicher ganz anders als Gerald. Der Synthesizer-Sound am Anfang des Songs war einer der Gründe, warum ich als Jugendlicher auch unbedingt Synthesizer spielen wollte. Und klar habe ich mich gefreut, dass ich diesen Song mit Gerald neu interpretieren durfte. Ich weiß aber nicht, ob ich mich freuen soll, dass der Song von seiner Relevanz nach wie vor nichts verloren hat. Mehr Lebensraum für Karl wäre mir lieber.

**3. Ihr habt euch entschieden, „Karl der Käfer“ noch einmal neu aufzunehmen. Hattet ihr dabei Ehrfurcht vor dem Original oder eher Lust, den Song endlich so klingen zu lassen, wie ihr ihn heute hört?

**Nikolai:** Gerald und ich haben für die ersten neuen Songs ganz bewusst „Karl der Käfer“ erst mal gar nicht angefasst. Da war bei mir sicher auch ein bisschen Ehrfurcht mit dabei, aber wir mussten ja erst mal den neuen Gänsehaut-Sound finden, bevor wir so einen Klassiker in ein neues Gewand packen konnten.

**Gerald:** Man kommt wahrscheinlich bei einer neuen Aufnahme immer wieder zurück auf den Originalsong. Davon wollten wir uns eigentlich lösen. Wir wollten dem Song eine neue Facette geben. Mit den verschiedenen Versionen ist uns das, finde ich, ganz gut gelungen.

**4. Der Tod eures ursprünglichen Sängers war ein tiefer Einschnitt. Wie schwer war die Entscheidung, Gänsehaut mit einer neuen Stimme wieder aufleben zu lassen?

**Gerald:** Wolfgang Hieronymi war nicht nur „unser“ Sänger, sondern auch gleichzeitig mein bester Freund. Wir haben mit unseren Freundinnen sogar zu viert zusammengewohnt. Das machte die Sache nicht einfacher. Das war ohne Zweifel ein Grund dafür, so viel Zeit verstreichen zu lassen. Auch haben wir uns bewusst für eine Stimme entschieden, die wirklich anders klingt.

**5. Zwischen eurem Debüt und *Morgendämmerung* liegen mehr als drei Jahrzehnte. Was hat sich in euch als Musiker verändert – und was ist erstaunlich gleich geblieben?

**Nikolai:** Ich habe meine erste Maxi-Single 1991 produziert, da war die Musikwelt noch fest in Tonträger-Hand. Heute gelangt man dank moderner Computertechnik mit der entsprechenden Erfahrung deutlich einfacher ans Ziel und kann Produktionen wesentlich günstiger realisieren. Gleich geblieben ist die Art zu komponieren – und der Anspruch, für jeden Song den bestmöglichen Sound zu finden.

**Gerald:** Die Produktionsweise hat sich komplett verändert. Unser erstes Album entstand noch auf einer 24-Spur-Analogmaschine, *Morgendämmerung* komplett am Computer. Gastmusiker haben ihre Spuren zu Hause aufgenommen und per Mail zurückgeschickt. Das macht vieles einfacher. Was sich nicht verändert hat, ist das Songwriting. Und von KI-generierter Musik lassen wir lieber die Finger.

**6. Die Musikbranche von 1981 und 2026 trennt gefühlt ein ganzes Universum. Was hat euch mehr überrascht: Streaming, Social Media oder die Tatsache, dass Schallplatten plötzlich wieder cool sind?

**Nikolai:** Streaming war angesichts des Internets eigentlich absehbar. Umso mehr freue ich mich, dass mein Lieblingsmedium Schallplatte einfach nicht totzukriegen ist. Für mich klingt Vinyl immer noch am besten.

**Gerald:** Viele Menschen hören Musik heute auf dem Handy – das geht leider zulasten der Klangqualität. Am meisten überrascht und geärgert hat mich aber, wie wenig bei den Musikern hängen bleibt, während Streamingdienste gutes Geld verdienen.

**7. Euer neues Album trägt den Titel *Morgendämmerung*. Steht dieser Titel für einen Neuanfang oder eher für die Erkenntnis, dass manche Geschichten einfach eine zweite Chance verdienen?

**Gerald:** Eigentlich für beides. Der Weg der Band ist noch nicht zu Ende, es beginnt eben ein neuer Tag. Und jeder neue Tag bringt etwas Neues hervor. Deshalb haben wir den Titel ganz bewusst gewählt.

**Nikolai:** Für mich steht *Morgendämmerung* für den Aufbruch zu einer Reise, bei der ich erst später eingestiegen bin. Gleichzeitig wollten wir unsere Geschichte nicht vergessen. Deshalb haben wir auch Songs wie „Der Clown“ oder „Karl der Käfer“ neu interpretiert.

**8. Wenn jemand Gänsehaut bisher ausschließlich über „Karl der Käfer“ kennt – welcher neue Song von *Morgendämmerung* würde diese Person am meisten überraschen?

**Nikolai:** Wahrscheinlich „Tick Tack“. Der Song tanzt mit seinem clubartigen Sound ziemlich aus der Reihe. Er ist sozialkritisch, klingt aber völlig anders – und es kommen ausnahmsweise keine Tiere darin vor.

**Gerald:** Schon auf unserem zweiten Album gab es andere Themen als Tiere. Trotzdem ist „Tick Tack“ sicher einer der ungewöhnlichsten Songs auf der neuen Platte.

**9. Ihr feiert 45 Jahre Bandgeschichte. Wenn ihr eurem jüngeren Ich aus dem Jahr 1981 eine Nachricht schicken könntet – welcher Satz stünde darauf?

**Nikolai:** 1981 war ich elf Jahre alt. Vielleicht sollte ich ihm gar nichts verraten. Manche Begegnungen und musikalischen Aha-Momente erlebt man schließlich nur einmal.

**Gerald:** Hey, younger You: Warum hast du nur so lange gewartet, bis du wieder Musik gemacht, geschrieben und getextet hast? Es gibt nichts Geileres.

**10. Angenommen, Karl der Käfer würde heute durch deutsche Wälder krabbeln – worüber würde er sich 2026 vermutlich am meisten beschweren?

**Nikolai:** Dass er immer weniger Platz zum Krabbeln hat. Daran hat sich leider nichts geändert.

**Gerald:** Darüber, dass manche Menschen den Wald noch immer wie eine Müllhalde behandeln. Umwelt- und Tierschutz fängt bei jedem Einzelnen an. Außerdem würde Karl sich wahrscheinlich darüber wundern, dass Tiere im deutschen Recht noch immer als „Sachen“ gelten. Da sind andere Länder längst weiter.

Vielen Dank für das nette Gespräch.

Fragen: Dennis Kresse (Soundchecker.Koeln)

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