Es gibt Konzerte, bei denen man nach den ersten paar Takten merkt: Hier geht es um mehr als darum, ein paar alte Songs noch einmal zu spielen. Bei den Dresden Dolls im Berliner Huxleys ist genau das passiert.
„Sex Changes“, „Backstabber“ und „Modern Moonlight“ eröffnen den Abend mit voller Wucht. Amanda Palmer am Piano, Brian Viglione am Schlagzeug – mehr brauchte es auch früher schon nicht. Und doch entsteht zwischen diesen beiden eine Energie, die erstaunlich zeitlos wirkt. Laut, wild, manchmal völlig überdreht und gleichzeitig erstaunlich verletzlich.
Gerade die Songs von Yes, Virginia… haben nach zwanzig Jahren nichts von ihrer emotionalen Wucht verloren. „My Alcoholic Friends“, „Delilah“, „First Orgasm“ oder „Coin-Operated Boy“ sind noch immer keine Museumsstücke. Sie erzählen immer noch von Einsamkeit, Sehnsucht, Abhängigkeit, Beziehungen und diesem ganzen wunderbaren menschlichen Chaos, das jedem Menschen schon passiert ist.
Palmer macht dabei nie den Eindruck, als würde sie einfach eine Rolle spielen. Zwischen großer Geste, schwarzem Humor und purer Verletzlichkeit bleibt immer das Gefühl, dass hier jemand wirklich etwas zu erzählen hat. Viglione ist dazu der perfekte Partner: ein Schlagzeuger, der nicht begleitet, sondern mit Palmer regelrecht kommuniziert.
Besonders schön ist, dass der Abend nicht bei Yes, Virginia… stehen bleibt. „Pirate Jenny“, „Eisbär“ und „Amsterdam“ holen ganz unterschiedliche musikalische Welten auf die Bühne. „Mandy Goes to Med School“ treibt die Energie noch einmal nach oben.
Aber dann kommt „Sing“ – und plötzlich wird aus einem ohnehin starken Konzert ein besonderer Abend. Das ist der Moment, in dem alles zusammenläuft: die Wucht, die Verletzlichkeit, die Absurdität und diese eigentümliche Nähe, die die Dresden Dolls seit jeher auszeichnet. „Sing“ ist nicht einfach ein weiterer Höhepunkt in der Setlist. Es ist der emotionale Mittelpunkt des Abends.
Danach noch „Half Jack“ und „Girl Anachronism“ als Zugabe – und trotzdem fühlt es sich an, als hätte „Sing“ bereits das Wichtigste gesagt.
Zwanzig Jahre später spielen die Dresden Dolls ihre Vergangenheit nicht nach. Sie tragen sie mit sich herum und das gelingt vorzüglich. Und manchmal klingt Vergangenheit eben nicht nach gestern, sondern verdammt genau nach heute.
„Sing“ war der Höhepunkt. Und für einen Moment hatte man das Gefühl, dass der ganze Saal verstanden hat, warum diese Band nie wirklich verschwunden ist. Danke an die Dresden Dolls für einen hinreißenden Abend.
Setlist – The Dresden Dolls, Huxleys Neue Welt, Berlin (05.09.2026)
Sex Changes
Backstabber
Modern Moonlight
Shores of California
My Alcoholic Friends
Delilah
Dirty Business
First Orgasm
Coin-Operated Boy
Mrs. O
Pirate Jenny
Necessary Evil
Me & The Minibar
Eisbär
Houdini
Amsterdam
Mandy Goes to Med School
Sing
Zugabe:
19. Half Jack
20. Girl Anachronism
Text: Dennis Kresse
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