20 Jahre Amphi Festival: Schwarz war selten so bunt!

Wer behauptet, Schwarz sei keine Farbe, war vermutlich noch nie am letzten Juliwochenende im Kölner Tanzbrunnen. Zum 20. Geburtstag zeigte das Amphi Festival einmal mehr, warum es für viele Besucher kein gewöhnliches Festival, sondern ein jährliches Familientreffen ist. Dass die Veranstaltung schon Wochen vorher restlos ausverkauft war, überraschte vor Ort niemanden.

Zwar mussten VNV Nation ihren mit Spannung erwarteten Auftritt kurzfristig absagen, doch statt enttäuschter Gesichter überwog das, was die schwarze Szene seit jeher auszeichnet: Zusammenhalt. Das Line-up war stark genug, um diese Lücke mehr als ordentlich aufzufangen.

Covenant brauchten als Headliner keine Explosionen oder überdimensionierten Videowände. Ihre Songs erledigten den Rest. Mit eleganter Selbstverständlichkeit verbanden die Schweden kühle Elektronik mit großen Melodien und bewiesen einmal mehr, warum sie seit Jahrzehnten zu den wichtigsten Namen des Futurepop gehören. Manchmal ist weniger Show eben genau die bessere Show.

Zu den unbestrittenen Höhepunkten gehörten Eisbrecher. Alex Wesselsky zeigte eindrucksvoll, warum er seit Jahren zu den charismatischsten Frontmännern der Republik zählt. Zwischen brachialen Gitarren, elektronischen Beats und seinem trockenen Humor verwandelte sich der Tanzbrunnen in eine gigantische Stahlfabrik mit Tanzpflicht. Härte und Augenzwinkern schließen sich eben nicht aus.

Einen ganz anderen Akzent setzte Joachim Witt. Der Mann, der seit Jahrzehnten Generationen von Musikfans begleitet, braucht keine übertriebene Show. Seine Präsenz genügt. Als Klassiker wie Goldener Reiter erklangen, wurde aus einem Konzert ein gemeinsamer Rückblick auf mehrere Jahrzehnte deutscher Musikgeschichte – bewegend, würdevoll und erstaunlich zeitlos.

Auch Mono Inc. lieferten genau das, was ihre Fans erwarten: große Melodien, düstere Romantik und jede Menge Gänsehautmomente. Die Band versteht es wie kaum eine andere, Melancholie in etwas Hoffnungsvolles zu verwandeln. Das Publikum dankte es mit textsicherem Chorgesang.

Wer elektronische Klänge bevorzugte, kam bei Solar Fake voll auf seine Kosten. Sven Friedrich präsentierte seine Songs mit einer Intensität, die eindrucksvoll zeigte, warum die Band seit Jahren zu den wichtigsten Vertretern des modernen Futurepop gehört. Tanzbar, emotional und ohne überflüssigen Schnickschnack.

Deutlich reduzierter, aber nicht minder faszinierend traten Lebanon Hanover auf. Kühler Post-Punk, minimalistische Arrangements und eine fast hypnotische Bühnenwirkung machten ihren Auftritt zu einem der atmosphärisch dichtesten des Wochenendes.

Doch das Amphi lebt nicht nur von seinen großen Namen. Diary of Dreams, Das Ich, Welle: Erdball, Clan of Xymox, Pink Turns Blue, Solitary Experiments, Heldmaschine, Empathy Test, Schattenmann, Chrom und viele weitere sorgten dafür, dass nahezu jede Facette der schwarzen Szene ihren Platz fand. Genau diese stilistische Vielfalt macht den besonderen Reiz des Festivals aus.

Mindestens genauso wichtig wie die Musik bleibt allerdings die Atmosphäre. Zwischen viktorianischen Gewändern, Cyber-Goggles, Lack, Leder und schwarzer Spitze begegnet man einer Gemeinschaft, in der Individualität selbstverständlich ist. Hier wird niemand schief angeschaut – höchstens gefragt, woher die großartige Jacke stammt.

Der Kölner Tanzbrunnen erweist sich dabei erneut als perfekte Kulisse. Während auf den Bühnen Industrial, Gothic Rock, Dark Wave und Synthpop erklingen, ziehen auf dem Rhein gemächlich die Schiffe vorbei. Es ist genau dieser Kontrast, der das Amphi so unverwechselbar macht.

Zwanzig Jahre Amphi Festival zeigen vor allem eines: Trends kommen und gehen, Musikstile entwickeln sich weiter, doch manche Veranstaltungen schaffen es, sich treu zu bleiben. Das Amphi gehört dazu. Es ist längst mehr als ein Festival – es ist ein Ort, an dem sich eine Szene jedes Jahr aufs Neue selbst feiert.

Schwarz war an diesem Wochenende wieder einmal die bunteste Farbe Kölns und setzt an diesem Wochenende ein besonderes Zeichen für Demokratie.

Text: Dennis Kresse

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