12 Saiten für ein Halleluja – Satriani und Vai lassen die Gitarren sprechen!

Manche Freundschaften halten ein Leben lang, andere bringen irgendwann ein gemeinsames Album hervor. Bei Joe Satriani und Steve Vai hat es zwar mehr als fünf Jahrzehnte gedauert, aber gut Ding will eben Weile haben. Mit „The Sea of Emotion“ veröffentlichen die beiden Ausnahmegitarristen unter dem Namen SatchVai endlich ihr erstes gemeinsames Studioalbum. Und wer jetzt befürchtet, dass hier zwei Virtuosen um den längsten Gitarrenzwischenruf konkurrieren, darf erst einmal tief durchatmen. Natürlich wird gefrickelt, was das Griffbrett hergibt. Aber es steckt deutlich mehr dahinter.

Die Geschichte dieser musikalischen Männerfreundschaft begann 1973. Damals war der 13-jährige Steve Vai Gitarrenschüler bei seinem gerade einmal 17-jährigen Lehrer Joe Satriani. Dass aus dieser Begegnung einmal zwei der prägendsten Gitarristen ihrer Generation werden sollten, konnte damals niemand ahnen. Nach Solokarrieren, zahllosen gemeinsamen Bühnenmomenten und den legendären G3-Tourneen wird nun endlich das gemeinsame Versprechen eingelöst. „Wir planen das schon seit 1973“, scherzt Vai. Nur eben unbewusst.

Musikalisch ist „The Sea of Emotion“ erfreulich abwechslungsreich geraten. Vom explosiven Rock’n’Roll von „Mayhem“ und „Bronco Freight Train“ über das düstere „Old Sins Have Long Shadows“ bis zum lässig swingenden „Zoot Suit Riot“ zeigen die beiden, dass sie sich keineswegs auf ihre technischen Fähigkeiten reduzieren lassen wollen. Mit „I Wanna Play My Guitar“ und Gastsänger Glenn Hughes gibt es obendrein eine ordentliche Portion Stadionrock. Da darf die Luftgitarre schon einmal aus dem Schrank geholt werden.

Das Herzstück bildet die dreiteilige Suite „The Sea of Emotion“. Besonders reizvoll ist dabei der Rückgriff auf eine alte Tonbandaufnahme aus einer frühen Gitarrenstunde zwischen Vai und Satriani. Zwei junge Musiker, die noch auf der Suche nach ihrem eigenen Sound sind, treffen auf ihre heutigen Ichs. Ein schöner musikalischer Kreis, der sich hier schließt. Und vermutlich eine der ungewöhnlichsten Lehrer-Schüler-Geschichten der Rockmusik.

Dass beide beim Komponieren ganz unterschiedlich vorgehen, erweist sich als Glücksfall. Statt musikalischer Eitelkeiten gibt es gegenseitige Inspiration und überraschende Wendungen. Unterstützt von einer ganzen Riege hochkarätiger Musiker entsteht ein Album, das den individuellen Stil beider Gitarristen bewahrt und trotzdem als gemeinsames Werk funktioniert.

„The Sea of Emotion“ ist mehr als ein verspätetes Klassentreffen zweier Gitarrenhelden. Satriani und Vai zeigen, dass technische Brillanz und musikalische Spielfreude durchaus Hand in Hand gehen können. Hier wird nicht um die Wette gefiedelt, sondern mit Leidenschaft musiziert. 53 Jahre nach der ersten Gitarrenstunde gibt es endlich die gemeinsame Abschlussprüfung. Und die beiden haben ihre Hausaufgaben gemacht.

Text: Dennis Kresse