Lucy Krüger über Pale Bloom – Zwischen Erinnerung, Intuition und Neubeginn

Über Pale Bloom – Zwischen Erinnerung, Intuition und Neubeginn

Mit Pale Bloom legen Lucy Kruger & The Lost Boys ihr bislang wohl introspektivstes und vielschichtigstes Album vor. Über einen langen Entstehungszeitraum hinweg gewachsen, verbindet die Platte persönliche Erinnerungen, religiöse Prägungen, intuitive Songwriting-Prozesse und eine bewusst entschleunigte, dichte Klangästhetik. Im Gespräch mit soundchecker.koeln spricht Lucy Kruger über fragile und kämpferische Momente, das Bild des Gartens als Metapher, den Einfluss ihrer Kindheit und darüber, warum Pale Bloom für die Band weniger ein Abschluss als vielmehr ein möglicher Neubeginn ist.

1) Pale Bloom entstand über einen deutlich längeren Zeitraum als deine vorherigen Alben. Wie hat das deinen Schreibprozess verändert – emotional und strukturell?

Das Album entstand zwischen anderen Veröffentlichungen, aber das Material fühlt sich trotzdem an, als käme es aus derselben Quelle. Früher waren meine Alben oft direkte emotionale Reaktionen auf das, was ich gerade erlebt habe. Dieses hier speist sich stärker aus früheren Erfahrungen, die mich geprägt haben – und vielleicht auch aus dem Wunsch, sie neu zu formen.

2) Du sprichst von einem „Creation Myth in Amber“. Wie bewusst narrativ war dieser Ansatz?

Intuition stößt das Schreiben an. Erst später erkenne ich Muster oder Themen. Dann halte ich ein loses Konzept im Kopf, während ich weiterschreibe. Themen wie Religion und das Bild eines kargen Gartens tauchten nach und nach auf. Ich habe das nicht forciert, sondern zugelassen. Ich wollte, dass das Album fragil und kämpferisch zugleich ist – schön und brutal.

3) Wie wirkt eine religiöse Kindheit heute noch auf deine Kunst?

Sehr stark – auch wenn das schwer zu messen ist. Viele sind von solchen Strukturen geprägt. Es gibt diesen allwissenden, männlichen Blick, den man nicht so leicht abschüttelt. Gleichzeitig haben diese Muster auch musikalische Seiten: Hymnen, Sonntage, Ruhe. Man arbeitet immer mit und gegen das, was man kennt.

4) Was bedeutet das Bild vom Gärtnern heute für dich?

Ich wünschte, ich hätte mich weniger um Außenwirkung gekümmert und mehr um den Prozess. Scheitern ist wichtig. Musikalisch bin ich Autodidakt – das ist frustrierend, aber auch ein Geschenk. Ich bleibe dadurch in einem kindlichen, spielerischen Raum.

5) Gab es Erinnerungen, die dich überrascht haben?

Eine Zeile in „Woolf“ tauchte auf und überraschte mich. Sie verweist nicht auf eine konkrete Erinnerung, sondern auf Gefühle aus der Schulzeit – Machtverhältnisse, das Wahrnehmen und Wahrgenommen-Werden.

6) Deine Stimme transportiert Sehnsucht, Traurigkeit und Begehren zugleich. Wie bewusst steuerst du das?

Ich arbeite von innen nach außen. In Gesang steckt immer Sehnsucht. Traurige Musik ist für mich nicht nur traurig – sie ist auch lebensbejahend.

7) Das Album klingt dichter und dunkler. Wie entwickelte sich die Zusammenarbeit?

Ich begann mit Skizzen, dann arbeiteten wir uns Schicht für Schicht vor. Es war ein langsamer Prozess mit viel Feingefühl und einem übergreifenden Konzept.

8) Das Album wirkt meditativer. War das Absicht?

Ja. Ich wollte längere Momente, mehr Raum für die Band. Die Songs sollen tragen und einen mitnehmen.

9) Wie wichtig ist dir Interpretationsfreiheit?

Sehr. Ich weiß selbst nicht immer genau, was ich meine. Ich möchte, dass Hörer*innen Platz für ihre eigenen Geschichten haben.

10) Was bedeutet Pale Bloom in deinem Gesamtwerk?

Es fühlt sich wie ein Zusammenweben dessen an, was wir bisher gemacht haben – hoffentlich kein Abschluss, sondern eher ein Anfang.

Vielen Dank für das nette Gespräch.

Fragen: Dennis Kresse

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