Die Post-Punk-Triphop-Grenzgänger SixTurnsNine legen ihre zweites Album vor. „SOUL GLITCHES“ ist da.
Wie klingen Funktionsstörungen der Gefühlswelt? Mit „SOUL GLITCHES“ liefern SixTurnsNine neun fast tanzbare Antworten auf eine Frage, die in einer Zeit nahezu permanenter Reizüberflutung aktueller denn je erscheint. Der neue Longplayer des Minimal-Non-Pop-Trios aus Düsseldorf erzählt nicht nur packende wie aufwühlende Geschichten vom Umgang mit solchen immer wiederkehrenden, flashbackhaften „Glitches“, die von Gedanken, Gefühlen oder Erinnerungen getriggert sind.
Soul Glitches setzt ein intensives und eindringliches Ausrufezeichen im pulsierenden Kosmos des deutschen Experimental-Pop-Undergrounds. Davon kann sich die geneigte Hörerschaft ab dem 14. November über alle einschlägigen Streamingdienste oder die CD beziehungsweise Vinyl 12” im DIY-Direktvertrieb selbst überzeugen.
Wir haben das zum Anlass genommen um mit SixTurnsNine ein paar Fragen zu stellen.
Was bedeutet „SOUL GLITCHES“ für euch – und welche Art von emotionalen Störungen beschreibt ihr darin?
Es geht um die mehr oder weniger verborgenen Triggerpunkte, die sich mit der Zeit in der Seele ansammeln, um irgendwann starke Gefühle auszulösen.Dinge, die Dir den Schlaf rauben, oder Dich gar nicht erst einschlafen lassen, weil sie ein Gedankenkarussell in Fahrt bringen, dass Dich nicht wirklich loslässt oder immer wieder einholt. Dabei crashen solche “Glitches” das seelische Gleichgewicht und beeinflussen letztlich auch Dein Handeln. Was diese flashbackhaften Störungen auslösen kann, ist für jeden von uns unterschiedlich. Es können Erinnerungen, Gedanken oder Gefühle sein – positive wie negative. In einer Zeit der permanenten Reizüberflutung, kennen sicher viele, das Phänomen, das wir für uns Soul Glitches getauft haben.
Welche zentrale Stimmung oder Entwicklung verbindet die neun Songs des Albums?
Eine ganz zentrale Stimmung, die das Album durchzieht, ist Zerrissenheit, oder auch Hin-und-her-gerissen-sein. Musikalisch transportieren die einzelnen Songs für sich diese Zerrissenheit allerdings nicht. Es ist eher eine musikalische Reise, die die Hörer von Song zu Song an verschiedene Punkte mit verschiedenen Blickwinkeln und Stimmungslagen bringt. Dass wir von der Grundstimmung tendenziell eher deep, düster und auch ein bisschen melancholisch daherkommen, ist kein Geheimnis. Unser Sound ist Musik für Menschen, die die Dunkelheit kennen, aber auch das Licht lieben.
Wie gelingt euch der Mix aus Post-Punk-Energie, Triphop-Grooves und eurer Pop-Noir-Atmosphäre?
Wir folgen keinem bestimmten Rezept oder Fahrplan, wenn wir Musik machen. Der Mix, der am Ende herauskommt, spiegelt eher die Schnittmenge dessen wider, was uns alle Drei gleichermaßen begeistert.
Warum bleibt ihr eurem minimalistischen Setup treu – und wie formt es euren Sound?
Bei Musik ist es wie bei gutem Essen oder gutem Sex. Es braucht nicht viele Zutaten, um grandiose Erlebnisse zu schaffen. Obwohl wir uns mit dem Setup vermeintlich limitieren, sind die Songs, die am Ende herauskommen, vielschichtig, vielfältig und mitunter auch voller Wendungen. Tatsächlich schaffen wir zugleich in den einzelnen Songs Räume, in denen die einzelnen Teile des Ganzen mal vortreten, um voll zur Geltung zu kommen, sei es die Stimme, die elektronischen Noises und Atmosphären oder der Bass. Man kann auf Soul Glitches in einer Menge Durchläufen immer wieder neue Details und Nuancen entdecken.
Gab es beim Produzieren „Glitches“ oder Zufallsmomente, die bewusst Teil des Albums wurden?
Es kommt immer wieder mal vor, dass wir unabsichtlich entstandene Soundartefakte von irgendwelchen einzelnen Aufnahmen für einen Loop nutzen. Auf Soul Glitches gibt es eine Beatboxing-Einlage von Anja, die eigentlich nur als Gedankenstütze gedacht war, ein Drum-Programming zu machen. Sie hat es letztlich in den Song Desert Heat als erstes “menschliches Schlagzeug” geschafft.
Welche musikalischen Einflüsse waren diesmal besonders prägend?
Soul Glitches hat unter der Oberfläche einige Rock-Vibes, die wir vorher so nicht hatten. Es gibt da zum Beispiel ein gewisses Krautrock-Aroma in What if. Im Kern von Desert Heat steckt ein Psychadelic-Rock-Vibe der sich mit Industral-Gewitter paart. In Distortion trifft dann diese Slugekante zeitweise auf ein unterschwelliges Dresden-Dolls-Feeling. Triphop bleibt zwar irgendwie allgegenwärtig, tritt dafür aber einen Schritt zurück.
Wie hat sich eure Zusammenarbeit als Trio seit dem ersten Album verändert?
Wir agieren mit einem anderen Selbstverständnis und Selbstbewusstsein als zu Anfang, als wir uns noch kennenlernten. Was beim Schrauben an Musik SixTurnsNine ist und wie was zusammenpassen kann, ist im Zusammenwirken intuitiver als noch vor einigen Jahren.
Welcher Song auf dem Album steht für euch am stärksten für Überreizung und innere Spannung?
Distortion
Gibt es einen Track, der euch persönlich besonders nah geht?
Das ist für jeden von uns unterschiedlich.
Anja: Weird
Lutz: Hills of Heaven
Philip: Distortion
Wie setzt ihr die dunkle, hypnotische Stimmung des Albums live atmosphärisch um?
Wir haben ein eigene, auf die Songs programmierte Lichtshow, beziehungsweise eine Farbpalette, die wir den jeweiligen Lichttechnikern/innen an die Hand geben. Ansonsten sind wir auf der Bühne einfach wir selbst, den Rest besorgt der Sound.
Vielen Dank für das schöne Gespräch, Wer SixTurnsNine live sehen möchte, für den gibt es gute Nachrichten
20.11.2025 Karlsruhe
29.11.2025 Düsseldorf
12.12.2025 Dortmund
31.01.2026 Hamburg
16.05.2026 Wuppertal
und wer nicht in der Nähe wohnt, dem sei das neue Album Soul Glitches ans Herz gelegt, das man hier bestellen kann.
Fragen: Dennis Kresse
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