FiNDiNG CLEO: „Es war höchste Zeit für einen Tapetenwechsel“

Mit FiNDiNG CLEO lässt eine langjährige Jazz-Sängerin alte Gewissheiten hinter sich und öffnet sich konsequent neuen Klangräumen.Zwischen Indie-Pop, Neo-Soul und sehr persönlichen Texten entsteht Musik, die sich nicht festlegen lassen will.

Im Interview spricht sie über Identität, Neuanfänge und die Angst vor der Stille.

1. Mit FiNDiNG CLEO schlägst du ein komplett neues Kapitel auf. Was war der Moment, in dem dir klar wurde: Jetzt ist die Zeit, mich musikalisch neu zu erfinden?

Dieser Stilwechsel war keine bewusste Entscheidung, sondern vielmehr ein allmählicher Prozess, der sich über mehrere Jahre hinweg vollzog. Schon vor der Pandemie spürte ich eine starke Sehnsucht nach musikalischer Veränderung. Seit meiner Jugend stehe ich als „Jazz-Sängerin“ auf der Bühne und habe zwei Jazz-Alben veröffentlicht. Doch die Texte vieler Jazz-Standards empfand ich zunehmend als nicht mehr zeitgemäß – sie spiegelten mich als junge Frau einfach nicht vollständig wider.

Ich wollte über die Themen schreiben, die mich wirklich bewegten, sie in meinen eigenen Worten ausdrücken und mir dadurch selbst in der Musik näherkommen. Gleichzeitig habe ich schon immer viel Popmusik gehört und geliebt. Lange glaubte ich jedoch, mich als Sängerin auf ein einziges Genre festlegen zu müssen – nicht zuletzt aus Marketinggründen. Diese Selbstbeschränkung engte mich in meinem künstlerischen Ausdruck enorm ein. Es war höchste Zeit für einen Tapetenwechsel.

Die pandemiebedingte Konzertpause schenkte mir schließlich Raum und Muße, mich intensiv dem Songwriting zu widmen, zu experimentieren und mich dabei neu zu entdecken. Ich schrieb einfach die Melodien und Harmonien, die aus mir herausfließen wollten – frei von Genre-Schubladen. So ist Musik entstanden, die man wohl am ehesten als Indie-Pop beschreiben kann.

Du kommst aus dem Jazz, hast in New Orleans gelebt und wurdest für deine Virtuosität gefeiert. Wie schwer war es, diese „alte Identität“ loszulassen?

Das war definitiv nicht ganz leicht, zumal mir der Jazz nach wie vor sehr am Herzen liegt. Ich habe mich also nie komplett von ihm verabschiedet und stehe weiterhin auch mit Jazz-Projekten auf der Bühne. Dieses Jahr plane ich sogar wieder eine Reise nach New Orleans. Ich glaube, diese Identität wird mich – mal mehr, mal weniger – immer musikalisch und auch persönlich prägen.

Viele Künstler:innen beschreiben die Pandemie als Zäsur. Wie hat diese Zeit deine musikalische Neuorientierung konkret angestoßen?

Der Kalender war schlichtweg leer. Konzerte waren nicht möglich, Proben nur eingeschränkt. Gleichzeitig war der Input an äußeren Reizen stark reduziert. Ich war weniger abgelenkt und hatte mehr Raum, mich intensiv dem Songwriting zu widmen.

Während der Pandemie habe ich außerdem ein Musiktherapie-Studium begonnen. Vereinfacht gesagt ist das eine Form der Psychotherapie, in der Musik genutzt wird, um emotionale Prozesse zu fördern. Dieses Studium hat viel in mir bewegt, mich sehr inspiriert und mir viele neue Eindrücke mitgegeben – all das habe ich kreativ in Songs verarbeitet.

FiNDiNG CLEO ist eine Band mit starken individuellen Stimmen. Wie entsteht euer Sound – im gemeinsamen Flow oder mit klaren Rollen?

Zu Beginn habe ich die Songs geschrieben und die Band hat sie arrangiert. Das hat sich mit der Zeit verändert. Mittlerweile bringt zum Beispiel Martín, unser Keyboarder, auch eigene Songs mit, die wir gemeinsam weiterentwickeln.

Meistens entsteht ein Songgerüst durch ein oder zwei Bandmitglieder. Danach steuert jede:r Ideen für das eigene Instrument bei: Basslines, Synth-Sounds, Gitarren-Patterns, Grooves. Wenn jemand feststeckt, hat jemand anderes eine Idee. So kommen wir schnell voran. Für unsere EP hatte zudem Produzent Chris Hyson einen entscheidenden Einfluss auf unseren Sound.

Deine neue Musik mischt Indie-Pop, Neo-Soul und Singer-Songwriter-Einflüsse. Was nimmst du bewusst aus deiner Jazzvergangenheit mit?

Vor allem die Experimentierfreude und den Drang nach Abwechslung und Überraschung – auch durch harmonische Strukturen, die sich von klassischen Vier-Akkord-Songs abheben.

In der Single „I Should Be Happy“ geht es um emotionale Schwere und den Druck, glücklich sein zu müssen. Was hat diesen Song ausgelöst?

Das Leben in Zeiten von Leistungsdruck, Selbstoptimierung, Schnelllebigkeit, Perfektionsanspruch und Social Media.

Der Track bewegt sich zwischen elektronischen Texturen und einem schweren 6/8-Groove. Wie viel Experimentierfreude steckt darin?

Sehr viel. Im Studio hatten wir riesigen Spaß daran, unzählige Sounds aufzunehmen und uns kreativ an den Instrumenten auszutoben. Unser Produzent Chris Hyson hat uns dazu ermutigt und all diese Klänge auf seine eigene Weise zusammengeführt. Dadurch haben letztlich alle zum finalen Sound beigetragen.

Deine Texte wirken sehr intim, teilweise auch kryptisch. Wie persönlich ist dein Songwriting heute im Vergleich zu deiner Jazzphase?

In meiner Jazzphase habe ich hauptsächlich Texte und Kompositionen anderer gesungen. Jetzt mit eigenen Songs auf der Bühne zu stehen und meine eigenen Geschichten zu erzählen, ist völlig neu – und deutlich persönlicher.

Deine neue EP heißt „Can’t Stand The Silence“. Wovor fürchtest du dich mehr: vor der Stille im Außen oder der Stille in dir selbst?

Stille in mir selbst kenne ich eigentlich nicht – meine Gedanken kreisen ständig um Themen oder Ideen. Mit der Stille im Außen komme ich deutlich weniger gut klar.

Vielen Dank für das nette Gespräch,

Fragen: Dennis Kresse

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