„ELASTE war Freigeist, Offenheit und DIY“

Michael Reinboth ist eine der prägenden Figuren der deutschen Pop-, Club- und Elektronikgeschichte. Als Mitgründer des legendären ELASTE-Magazins setzte er Anfang der 1980er Jahre neue Maßstäbe für Popjournalismus zwischen Haltung, Grafik und Szene. Später gründete er mit Compost Records eines der einflussreichsten Independent-Labels für elektronische und hybride Musik in Deutschland. Seit über vier Jahrzehnten ist Reinboth zudem als DJ, Kurator und Netzwerker aktiv – stets jenseits klarer Genregrenzen und mit ungebrochener Neugier auf neue kulturelle Verbindungen. Soundchecker.Koeln hat ihn über das neu erschienene Buch ELASTE – 1989 – 1986 und den damaligen Zeitgeist befragt.

Michael Reinboth im Gespräch über Haltung, Hybridmusik und das neue Buch ELASTE – 1980–1986

ELASTE war mehr als ein Magazin – es war Haltung, Netzwerk und Zeitgeist. Was hat euch Anfang der 1980er angetrieben, ein eigenes Medium zu schaffen, statt euch bestehenden Szenen anzuschließen?

1980 herrschte eine ungemeine Aufbruchstimmung. Punk war tot, Disco out, Glam- und Krautrock etabliert – und plötzlich öffneten sich neue Räume: HipHop, Performance-Gruppen, Industrial, New Wave, experimentelle Filmemacher mit Video. Gleichzeitig änderte sich das gesamte Erscheinungsbild radikal: weg von Glamrock und Plateauschuhen, hin zu schmalen, spitzen Schuhen, schwarzen Hosen, Neon-Schmuck.

Das Entscheidende: Keine dieser Szenen war klar abgegrenzt. Abgeschottete Szenen waren out. Alles vermischte sich – getragen von Freigeist, Offenheit und DIY. Andy Warhols Prophezeiung, dass jeder Popstar werden könne, schien greifbar, MTV tat sein Übriges.

Ähnliche Magazine gab es kaum. Andy Warhol’s Interview, fast zeitgleich i-D, dazu ein paar fotokopierte Fanzines. Genau diese Mischung wollten wir: alle kulturellen Bereiche, nicht nur Musik, plus Szeneklatsch aus westdeutschen Metropolen. Die Haltung war frech, der Popjournalismus kompromisslos: Klatsch statt Kommentar, Rankings statt Analysen, Mode statt Diskurs. Schreiben wurde Literatur – mit Leuten wie Rainald Goetz, Diedrich Diederichsen, Thomas Meinecke oder Max Goldt. ELASTE war bewusst nicht Teil einer Szene, sondern offen für alles, was diese elektrischen kulturellen Hybride hervorbrachte.

Rückblickend: War ELASTE eher Dokumentation einer Szene – oder ihr Motor?

Wir wollten nichts dokumentieren. Heute, mit dem Buch, natürlich schon – aber damals wollten wir mitmischen und mitgestalten. Das zeigte sich besonders in der Grafik von Thomas Elsner. ELASTE war ein aktiver Eingriff, kein Archiv.

Was machte die frühe Elektronik-Ära radikaler als spätere Wellen?

Neue Technik eröffnete neue Spielräume: Drummachines, Sequencer, Sampler. Bands wie OMD, Depeche Mode oder Our Daughter’s Wedding klangen plötzlich völlig neu. Gleichzeitig herrschte Endzeitstimmung – Nato-Doppelbeschluss, Atomkraft, No Future. Man tanzte Mussolini, pogo-te zu Clock DVA oder Nitzer Ebb, während andere in Lumpen auftraten wie Culture Club.

Diese Mischung aus Hedonismus, Angst und radikaler Offenheit war einzigartig. Spätere Elektronik-Wellen waren nie wieder so perspektivlos und gleichzeitig so explosiv.

Clubkultur als politischer Raum – würdest du das unterschreiben?

Nur bedingt. Clubs waren vor allem hedonistisch. Politische Kunst war eher Nische. Was anders war: die Vielfalt. Musik, Performance, Theater, Gesten – alles vermischte sich. In London war das Nachtleben bunt und altersdurchmischt, aber politisch eher harmlos. Die großen politischen Aufladungen der 70er waren da schon abgeebbt.

Was aus der ELASTE-Zeit lebt in Compost Records bis heute weiter?

Vor allem das Denken in Kreuzungen. Hybridmusik. Talking Heads, Liquid Liquid, Material oder A Certain Ratio ließen sich nie klar zuordnen – genau das interessiert mich bis heute. Diese Mischung hält offen, musikalisch wie menschlich.

Du warst immer DJ, Kurator und Netzwerker zugleich. Warum ist dieser Rollenwechsel wichtig?

Weil Offenheit ein Muss ist. Vielleicht wäre ich erfolgreicher gewesen, hätte ich mich auf eine Rolle konzentriert – aber so funktioniere ich nicht. Ich arbeite gern im Team und aus verschiedenen Perspektiven.

Warum war jetzt der richtige Zeitpunkt für das Buch ELASTE – 1980–1986?

Das 80er-Recycling läuft längst. Thomas Elsners Best-of-Dummy vor fünf Jahren war die Initialzündung. Unser Content ist rar und wertvoll – es war Zeit, ihn sichtbar zu machen.

DIY erlebt heute ein Comeback. Echte Parallelen oder nur Zitate?

Beides. DIY ist wieder subversiv, aber die Bedingungen sind brutal. Gegen den Müll der sozialen Medien anzukommen, erfordert Mut und langen Atem. Trotzdem entstehen neue Plattformen – das macht Hoffnung.

Was ist für dich beim DJing unverzichtbar geblieben?

Variety. Eine Reise. Crossover statt Einheitsbrei. Reine Genre-Sets langweilen. Gute DJs überraschen – damals wie heute.

Wenn du ELASTE heute neu gründen würdest?

Ein analoges Magazin. Dazu ein Podcast. Vielleicht eine TV-Show wie Bio’s Bahnhof. Wenn es jemand bezahlt.

Vielen Dank für das spannende Gespräch

Fragen: Dennis Kresse/Soundchecker.Koeln
Credits: Ena Oppenheimer

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