Die deutsche Indie-Institution THE GREEN APPLE SEA veröffentlicht am 20. Februar ihr neues, sehr persönliches Album „Dark Kid“ über KF Records. Worum es im Fokustrack „Big Heart“ sowie im Album geht und wo die Band live zu sehen
„Big Heart“ ist ein Lied für und über Menschen, die lieber gar nichts sagen, bevor sie etwas falsches sagen. Für die, die heimlich von der Party verschwinden, ohne sich zu verabschieden. Die nicht ans Telefon gehen, wenn es klingelt, weil sie Angst vor einer unangenehmen Situation haben. Für Menschen, die wichtige Dinge später oder gar nicht erledigen, aus Angst, dass sie am Ende alles falsch machen. Die, die an der falschen Stelle zu laut lachen. Für die, die anderen nicht in die Augen schauen, wenn sie sich unterhalten. Für die, die gerne das Wort „man“ nehmen, wenn sie „ich“ meinen. Für die, die den Kopf senken, wenn sie angesprochen werden. Für die, die wochenlang nicht auf eine Nachricht antworten, weil sie Angst haben etwas falsches zu antworten. Für die, die doch eigentlich ziemlich lustig sind, aber auch sehr seltsam. Für die, die fühlen, dass sie nicht reinpassen. Für die, die wissen, dass sie das auch nicht können. Für die, die viel zu ehrlich sind, als dass sie jemand ernst nimmt. Für die, die selten antworten „Sehr gut. Danke. Und dir?“.
Für die, die allein am besten zurechtkommen. Für die, die selten weiter planen, als ein paar Wochen, weil wer weiß, was dann ist. Für die, die viel zu laut mit sich selbst sprechen, wenn andere in der Nähe sind. Für die, die sich nicht einfach freuen können, wenn etwas Gutes passiert, weil das eigentlich gar nicht sein kann und bestimmt noch Scheisse wird. Für die, die sich jederzeit auf alle möglichen Arten zu sterben vorbereiten. Für die, deren Lebensphilosophie sich mehr oder weniger auf den Satz „I‘d rather not“ reduziert.
Das Thema, das sich durch die Episoden auf dem Album „Dark Kid“ zieht, ist diesmal die nicht immer ganz leichte Kindheit und Jugend von Stefan Prange. Dass sein Stiefvater den Spitznamen „Satan“ für seinen Vater verwendete, wird erst im Rückblick zu einer etwas seltsamen Begebenheit. Dass er von seinen Stiefbrüdern mit dem Fahrradschloss an ein Treppengeländer gekettet wurde, wenn keiner Lust hatte, auf ihn aufzupassen, ist im Nachhinein betrachtet vielleicht etwas grausam. Für den 10-jährigen Prange war das nichts Ungewöhnliches. Wenn er diese Geschichten erzählt und Sätze singt wie „I wasn’t afraid to die, I was just waiting to die“ ist es vom Ansatz her mit der gleichen pragmatischen Naivität gemeint, mit der der Protagonist, „Dark Kid“, seine Umwelt annimmt.
Es geht auf „Dark Kid“ eben gerade nicht darum, das Publikum Kindheitstraumata oder Depression spüren zu lassen. Es geht darum, Traurigkeit in Melancholie zu verwandeln, Bitterkeit in Achselzucken, Wut in eine ausgestreckte Hand.
Die Folksongs, die dabei entstehen, sind so rund und weich, so völlig ohne Zeit. „Indie“ schreibt man eigentlich nur deshalb davor, weil The Green Apple Sea immer schon in kleinen Clubs gespielt haben, stoisch einfach immer weiter gemacht haben. Sie waren eine der ersten Bands, die diese ziemlich amerikanische Musik hier in Deutschland gemacht hat. Weit vor dem Hype und auch noch weit danach.
Das Album mit dem Titel „Dark Kid“ will sich nicht aufdrängen, aber die darauf enthaltenen Lieder kann Prange viele hundert Mal singen, ohne ihrer überdrüssig zu werden. Die darin verborgenen Geschichten können ebenso oft erzählt werden. Auch als Hörer kann man die Songs hundert Mal hören, kleine liebevolle Details entdecken und in einzelnen Songzeilen immer neue Bedeutung finden. (Wir wissen das, denn wir haben es bereits getan.) Die Titel auf „Dark Kid“ sind episodisch angelegt, wie die neue Staffel einer Serie. Aber wenn „Dark Kid“, eine Staffel in der Serie „The Green Apple Sea“ ist, dann ist die Serie eher eine altmodische. Eine, in der die Heldin in jeder einzelnen Folge einen Dämon zurück in die Hölle schickt. In der sie am Ende eine Hand festhält oder in einem Sonnenuntergang spaziert, oder – am allerbesten – mit ihren Freunden lacht. The Green Apple Sea brechen alle Geschichten der Platte im letzten Song auf einen Satz herunter. Es ist ein Zitat von Terence McKenna: „Oh, I know this now. It‘s all about love. Making someone else’s life a little bit better“. Freeze frame, Abspann, Credits.
Text: Pressemitteilung
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