31 Jahre sind eine verdammt lange Zeit. So lange mussten die Kölner auf die Rückkehr von Pulp warten. Damals spielte die Band noch im E-Werk, Britpop war das Maß aller Dinge und vermutlich wusste noch niemand, was ein Algorithmus ist. Heute heißt die Location Palladium, Smartphones filmen jede zweite Bewegung – und Jarvis Cocker? Der tanzt immer noch so herrlich ungelenk, als hätte sich zwischen „Common People“ und 2026 eigentlich gar nichts verändert. Zum Glück.
Es gibt Frontmänner, die versuchen, mit Anfang 60 immer noch wie Mitte 30 auszusehen. Jarvis Cocker gehört nicht dazu. Er muss das auch gar nicht. Der Mann betritt die Bühne, bewegt sich irgendwo zwischen expressionistischem Tanztheater und kaputtem Ampelmännchen – und besitzt trotzdem mehr Charisma als manch geschniegelt geschniegelt auftretender Rockstar mit halb so vielen Lebensjahren.
Dass es im ausverkauften Palladium an diesem Abend gefühlt fünf Grad wärmer war als draußen, interessierte ihn nur am Rande. Das Sakko verschwand früh, der Humor blieb den ganzen Abend. Cocker plauderte, kommentierte und scherzte mit einer Gelassenheit, die nur Menschen besitzen, die längst niemandem mehr etwas beweisen müssen.
Und genau das macht Pulp 2026 so besonders.
Die Band muss niemandem mehr erklären, warum sie eine der wichtigsten Gruppen der Britpop-Ära ist. Sie muss keine Nostalgie verkaufen und sich auch nicht krampfhaft verjüngen. Stattdessen spielt sie einfach Songs, die über Jahrzehnte nichts von ihrer Klasse verloren haben.
Dabei ist es fast schon erstaunlich, wie selbstverständlich sich das aktuelle Album „More“ in die Setlist einfügt. Viele Bands veröffentlichen nach langer Pause neue Musik, weil man das eben so macht. Pulp veröffentlichen neue Songs, weil sie noch etwas zu erzählen haben. Und genau das hört man.
Natürlich gehören die Klassiker trotzdem zum Pflichtprogramm. „Disco 2000“ wird schon früh frenetisch gefeiert und entwickelt sich sofort zum kollektiven Mitsingmoment. Spätestens jetzt verwandelt sich das Palladium endgültig in eine riesige Britpop-Party.
Überhaupt singt Köln an diesem Abend alles mit. Wirklich alles.
Dabei fällt auf, wie gemischt das Publikum inzwischen ist. Neben Fans, die Pulp wahrscheinlich schon Mitte der Neunziger live erlebt haben, stehen Menschen, die damals noch nicht einmal geboren waren. Das spricht weniger für Nostalgie als für die erstaunliche Zeitlosigkeit dieser Songs.
Musikalisch präsentiert sich die Band in beeindruckender Verfassung. Die erweiterte Besetzung sorgt für einen angenehm satten Klang, ohne den Songs ihre Leichtigkeit zu nehmen. Mal wird es opulent, dann wieder überraschend reduziert. Gerade diese Dynamik macht den Abend so kurzweilig.
Und dann ist da natürlich Jarvis Cocker.
Es gibt vermutlich keinen zweiten Sänger, der es schafft, gleichzeitig so exzentrisch und so sympathisch zu wirken. Seine berühmten Tanzbewegungen sehen noch immer aus, als würde jemand versuchen, eine übergroße Spinne aus einem Wollpullover zu schütteln. Genau deshalb liebt man sie. Jede Bewegung gehört zu Pulp wie Cockers markante Brille oder seine messerscharfen Beobachtungen über das ganz normale Leben.
Auch optisch lässt die Band nichts anbrennen. Die Lichtshow wirkt hochwertig, ohne jemals zur Selbstinszenierung zu werden.
Als gegen Ende schließlich „Common People“ erklingt, kennt das Palladium endgültig kein Halten mehr. Tausende Stimmen übernehmen den Refrain, während Cocker das Publikum mit sichtbarer Freude dirigiert. Für einen kurzen Moment fühlt sich alles wieder an wie Mitte der Neunziger – nur mit etwas mehr grauen Haaren und deutlich besseren Smartphones.
Nach über zwei Stunden endet ein Konzert, das eindrucksvoll zeigt, warum manche Bands nie zu Oldies werden. Pulp spielen ihre Songs nicht wie Museumsstücke, sondern als lebendige Geschichten, die auch heute noch etwas zu sagen haben.
Pulp liefern im Palladium keine nostalgische Zeitreise, sondern ein Konzert, das Vergangenheit und Gegenwart mühelos miteinander verbindet. Jarvis Cocker ist nach wie vor einer der charismatischsten Frontmänner der Popgeschichte, die Band klingt hervorragend und das Publikum feiert jeden einzelnen Moment.
Und falls sich jemand fragt, ob Britpop 2026 noch relevant ist: Nach diesem Abend lautet die Antwort ganz klar Ja. Manche Bands werden eben nicht älter – sie werden einfach besser.
Setlist Pulp, Palladium, Köln (29.06.2026)
01. Sorted for E’s & Wizz
02. Disco 2000
03. Spike Island
04. Razzmatazz
05. Slow Jam
06. F.E.E.L.I.N.G.C.A.L.L.E.D.L.O.V.E.
07. Pink Glove
08. Underwear
09. Farmers Market
10. This Is Hardcore
11. Sunrise
Set II:
12. Something Changed
13. The Fear
14. Pencil Skirt
15. Begging for Change
16. Monday Morning
17. Acrylic Afternoons
18. Do You Remember the First Time?
19. Mis-Shapes
20. Got to Have Love
21. Babies
22. Common People
23. A Sunset
Text: Dennis Kresse
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