Dass sich Cluster und Brian Eno im Juni 1977 für einige Wochen im Studio von Conny Plank trafen, war eine kleine Sensation: Cluster hatten sich mit ihrer Musik deutlich aus der Sackgasse des Krautrock herausgespielt und der elektronischen Musik Impulse gegeben, die bis in die Gegenwart spürbar sind. Brian Eno, den 1977 zwar immer noch ein wenig der Nimbus des Paradiesvogels von Roxy Music umgab, hatte mit dem Album Discreet Music sein Konzept der Ambient Music formuliert und zusammen mit Robert Fripp (King Crimson) das Loop-System „Frippertronics“ entwickelt; er war mittlerweile meilenweit von Popmusik à la Roxy Music entfernt. Die Zusammenarbeit von Cluster und Eno konnte also nur Synergien freisetzen, auf die man zu Recht gespannt war.
Cluster & Eno ist das erste von zwei sehr unterschiedlichen Alben, die während der dreiwöchigen Arbeit im Studio entstanden sind. Das zweite, After The Heat, erschien 1978. Cluster & Eno ist eine sehr stille, zurückgenommene Serie von Stücken, die keinen Anfang und kein Ende zu haben scheinen, sparsam instrumentiert und jeweils auf wenige Klangfarben konzentriert – Cluster in einer strengen, asketischen Variante. Aber eben nicht nur Cluster, sondern ganz deutlich auch Eno. Die musikalische Handschrift ist eindeutig von Cluster dominiert: Das minimalistische Klavier- und Keyboardspiel von Roedelius und seine Auffassung von Percussion sind ebenso klar herauszuhören wie die elektronischen Interventionen von Moebius. Die für Enos Soloarbeiten so typischen Sounds sind eher im Hintergrund zu hören und tauchen nur hier und da als zarte Klangwolken auf.
Ist Cluster & Eno vielleicht eine Cluster-LP mit Eno als Gastmusiker? Keineswegs! Enos durchaus gleichberechtigter Anteil an dem Album ist die Struktur der Stücke und vor allem die Auffassung der Musik. Die entspannte Ruhe, die über allem liegt, die nichts mit kosmischen Eskapaden oder platter Meditation zu tun hat, spiegelt Enos wichtigste Erfindung in den 70er Jahren wider: Ambient-Musik. Cluster & Eno ist reine Ambient-Musik. Der britische Musikjournalist Stephen Iliffe sprach im Zusammenhang mit dem Album einmal sehr zutreffend von „silent interludes“, von Stücken, die keine Songs mehr sein sollen, sondern im Sinne von Erik Saties „Musique d’ameublement“ wahrgenommen werden wie ein geschmackvoll gestaltetes Möbel oder ein unaufdringliches Parfum. Eno hatte sich mit dieser Satie’schen Theorie intensiv beschäftigt und prägte für seine Musik den Begriff „Ambient“, der, ins Deutsche übersetzt, nichts anderes als „Raumgestaltung“ bedeutet, in diesem Falle also klangliche Raumgestaltung.
Ist Cluster & Eno also ein Eno-Album mit Cluster als Erfüllungsgehilfen? Noch einmal: keineswegs! Die Cluster-Musik war von Anfang an (1968) stilistisch keinem damals gängigem Genre zuzuordnen, und während der 70er Jahre entwickelte sie sich zu einer Art halb improvisierter Kunstmusik, in der sich Elemente der Live-Elektronik mit denen der Minimal Music trafen – allerdings ohne den Gestus der sogenannten Ernsten Musik. Wenn auch aus gänzlich verschiedenen Richtungen kommend, führten in der Mitte der 70er Jahre die Entwicklungen von Moebius/Roedelius einerseits und Brian Eno andererseits zu ähnlichen Ergebnissen. Bei dem Treffen im Studio musste niemand dem anderen ein Konzept überstülpen oder gar Überzeugungsarbeit leisten; die Visionen und das musikalische Können waren gleichberechtigt und fast deckungsgleich. Ideale Voraussetzungen also für Cluster & Eno; ein Album, das man etwas überspitzt als die erste Ambient-Produktion in Deutschland bezeichnen kann.
Asmus Tietchens 2009
Text: Pressemitteilung