In einer Welt, die uns ständig dazu drängt, Denkweisen und Perspektiven anderer zu übernehmen, sei es durch unser kulturelles Umfeld oder unsere Herkunft, bleibt das eigene Selbst die einzige echte Konstante. Doch auch dieses Selbst ist niemals statisch. Zeit lässt Jugend, Erwachsensein, Erinnerungen und Vorstellungen ineinanderfließen und erschafft einen gemeinsamen emotionalen Raum. Erst in diesem ständigen Wandel wird die eigene Identität sichtbar. Wie verändert sich unser Blick auf uns selbst im Laufe der Zeit? Und wo treffen all diese unterschiedlichen Versionen unserer Persönlichkeit aufeinander?
Elf Jahre nach ihrem letzten Projekt präsentiert Erykah Badu keine fertigen Antworten, sondern eine Sammlung existenzieller Erkenntnisse. „Before the World Blows: The Abi and Alan Experiment“ bewegt sich genau in diesem Spannungsfeld zwischen Selbstreflexion und persönlichem Wachstum. Abi ist Badu. Alan ist The Alchemist. Entstanden über einen Zeitraum von 18 Monaten in Dallas und Los Angeles, dokumentiert das Album das kreative Aufeinandertreffen zweier musikalischer Freigeister: hypnotisch, humorvoll, direkt, zutiefst persönlich und jeder eindeutigen Kategorisierung entzogen.
Meditativ und fließend setzt sich „Before the World Blows“ mit der Frage auseinander, welche Teile unserer Persönlichkeit und Geschichte es zu bewahren gilt, bevor die Welt auseinanderbricht und sich verändert. Liebe, Unschuld, Träume, Erinnerungen und Weiblichkeit bilden die zentralen Themen. Das Album entfaltet sich in vier Akten und verfolgt die Entwicklung des Selbst durch die Perspektiven von Liebe, Kunst und Identität. Jede neue Facette eröffnet dabei einen weiteren Blick in das innere Universum von Erykah Badu.
Schon immer hat Badu Musik geschaffen, die sich nicht an Trends orientiert. Statt den Moment einzufangen, beobachtet sie die Welt und lässt Zeit ihre Arbeit tun. Sie absorbiert die emotionalen Spuren einer Kultur, bis daraus etwas entsteht, das weit über bloßen Kommentar hinausgeht. Mit ihrem wegweisenden Debütalbum „Baduizm“ aus dem Jahr 1997 etablierte die in South Dallas geborene Musikerin, Sängerin, Songwriterin, MC und Produzentin einen völlig neuen Soul-Begriff. Geprägt von luxuriösen, zurückhaltenden Grooves und organischer Instrumentierung wurde „Baduizm“ sofort zum Kritikerliebling und zu einem Grundpfeiler der aufkommenden Neo-Soul-Bewegung. Für das Album sowie die Hit-Single „On and On“ erhielt Badu gleich zwei Grammy Awards.
Was damals als exzentrisch, unorthodox oder ungewöhnlich galt, machte Erykah Badu schnell zu einer der prägendsten Künstlerinnen ihrer Generation. Über fünf wegweisende Studioalben hinweg entwickelte sie eine einzigartige Klangwelt aus Hip-Hop, Jazz, Soul und Funk und nutzte Genres als Werkzeuge, um die Tiefen ihrer eigenen Persönlichkeit zu erforschen. Musik wurde dabei immer auch zu einem Raum für Heilung, Wachstum und Transformation.
Mit „Mama’s Gun“ veröffentlichte Badu im Jahr 2000 ein bis heute beeindruckendes Porträt einer Frau zwischen Herzschmerz und persönlichem Aufbruch. Songs wie „Next Lifetime“, „Tyrone“, „Bag Lady“, „Green Eyes“ oder „Honey“ entwickelten sich zu zeitlosen Klassikern. Auf „New Amerykah Part One: Fourth World War“ richtete sie den Blick auf gesellschaftliche und politische Themen, während „New Amerykah Pt. 2: Return of the Ankh“ Selbstliebe und Intimität als radikale Akte ins Zentrum rückte. Sechs Jahre später folgte mit „But You Caint Use My Phone“ gemeinsam mit Produzent Zach Witness eine Mixtape-Hommage an die Chancen und Widersprüche moderner Kommunikation.
Danach wurde es ruhiger. Nicht jedoch in Badu selbst. Die vergangenen elf Jahre waren geprägt von Tourneen, Lehre, Mutterschaft, ihrer Arbeit als Doula und intensiver Reflexion über das Leben in einer sich rasant verändernden Welt. Der Grundstein für „The Abi and Alan Experiment“ wurde vor mehr als drei Jahren gelegt, nachdem Badu ihrem langjährigen Kreativpartner Cold Cris erzählt hatte, dass sie schon immer über Mobb Deeps „The Realest“ rappen wollte, produziert von The Alchemist. “I also program as well, but not like Al. His collection of music is impeccable. His taste is brilliant. His choices are kindred to what I love. He’s very soulful.”
Aus ersten Gesprächen entwickelte sich schließlich ein gemeinsames Albumprojekt. Die erste Studiosession in Los Angeles brachte mit „Next to You“ direkt einen der Schlüsselsongs hervor. Der Track nutzt dieselbe beschleunigte Soul-Sample-Ästhetik wie „The Realest“ und definiert damit die kreative Sprache des Albums: Alchemists samplebasierte Klangarchitektur trifft auf Badus rhythmische und jazzinspirierte Experimentierfreude. “It was cool to be like the motorcycle sidecar instead of driving.”
Aus den von Alchemist gelieferten Instrumentals formte Badu Stücke, die unverkennbar nach ihr klingen. Warme Samples treffen auf Kalimba-Klänge, dichte Akkorde und dynamische Drums. Das Ergebnis bewegt sich mühelos zwischen Soul, Blues, Funk, Rock, Jazz und Underground-Hip-Hop, ohne einem dieser Genres vollständig anzugehören.
Zwischen 2024 und 2025 testeten Abi und Alan das Material bereits live. Gemeinsam mit Badus digitalem Kollektiv The Cannabinoids und Alchemist am MPC wurden die Songs in intimen, smartphonefreien Konzerten kontinuierlich weiterentwickelt.
Für Badu kommt das Album genau zur richtigen Zeit. Wenn die Welt unsicher erscheint, sieht sie die Rolle von Künstlerinnen und Künstlern darin, Erfahrungen zu verdichten und ihnen Form zu geben. “An artist does not exist separate from their time. We are mirrors. We are translators.”
“We take in the energy, the emotion, the tension, the beauty, and the chaos of the world around us, and we express it in ways that words alone cannot hold.” Diese Gedanken ziehen sich durch das gesamte Werk. Gleich der Opener „Echos“ verbindet persönliches Erinnern mit spiritueller Ahnenforschung. Aus einem introspektiven Stream-of-Consciousness-Stück entwickelt sich eine kraftvolle Beschwörung, die in einer zentralen Botschaft des Albums mündet: “if we can’t agree on the God we pick / Then, my God, let’s at least agree on this snare and kick.”
Auch die Liebe durchzieht „Before the World Blows“ wie ein roter Faden. Nicht als romantisierte Erinnerung, sondern als Erfahrung, die mit den Jahren neue Bedeutungen gewinnt. Auf „Crossfade“, getragen von Thundercats tiefem Bassspiel, beschäftigt sich Badu mit Anziehung und Gegensätzen. “I’ve lived through those things, and I can see them really clearly. I feel them.”
„Valentine“ beleuchtet die komplizierten Dynamiken emotionaler Manipulation, während „Love Me Not“, dessen Melodie von Badus Tochter Mars stammt, als spiritueller Nachfolger von „Bag Lady“ die schmerzhafte Auflösung von Unschuld und romantischen Illusionen nachzeichnet. “This album is experiences that I’ve had when I was young, but also for my daughters.”
“If you are not very careful, you will fall for any bit of attention. You won’t recognize yourself. You have to know yourself to navigate that.” Gemeinsam mit Gästen wie Thundercat, Steve Lacy, DRAM, Westside Gunn, DJ Creole Princess, Earl Sweatshirt und Kamasi Washington erschafft Badu ein vielschichtiges Werk über Liebe, Identität, Herkunft und Selbstfindung. Familiengeschichte spielt dabei eine zentrale Rolle: Vergangenheit prägt uns, bestimmt uns aber nicht. Wir tragen sie in uns und haben zugleich die Möglichkeit, sie neu zu schreiben.
Im bewegenden „I Know That Man“ trifft Earl Sweatshirts markante Stimme auf Gospel-Harmonien, während das abschließende „Black Box“ die Beziehung zwischen digitalen und menschlichen Formen von Belohnung und Verbindung reflektiert.
Am Ende bleibt „Before the World Blows: The Abi and Alan Experiment“ das, was Erykah Badu schon immer ausgezeichnet hat: Kunst als fortlaufende Erweiterung des eigenen Selbst. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verschmelzen zu einem Werk, das ebenso intim wie universell ist. Bevor die Welt sich weiterdreht, erinnert uns Erykah Badu daran, dass es sich lohnt, weiterzuforschen. Noch einen Kuss zu erleben. Sich selbst besser kennenzulernen.
Text: Clover Hope
Erzählt von uns: