Was zeichnet ein gutes Kunstwerk aus? Soll es provokant, schön, subtil, edgy oder empowernd sein? Mit „F#cked Up Piece Of Art‟ legt der Hamburger Musiker und Schauspieler Emil L’Artiste ein Debütalbum vor, das die zutiefst menschliche Seite des kreativen Schaffens auslotet. „Ich will dazu ermutigen, sich die Kunst selbst anzueignen. Ohne den Anspruch, perfekt zu sein. Ohne Scham und Selbstverurteilung‟, erklärt Emil L’Artiste. Es geht um die innere Erlaubnis, in der heutigen Zeit ein wunderbar widersprüchliches „F#cked Up Piece Of Art‟ zu sein. Emil L’Artiste feiert all seine Fehler und Facetten. Für Artwork und Live-Performance schlüpft er in verschiedene Rollen: Er ist der arrogante Star in Leder, der Raum einnimmt im Getöse des schönen Scheins. Er ist der softe Singer-Songwriter, der seine Akustikgitarre innig umarmt. Er ist die flamboyante Person mit Hut und Make-up, die sich theatral inszeniert. „Ich hatte immer schon eine Faszination für Verkleidungen und Accessoires‟, erzählt Emil L’Artiste. Er singt nicht nur auf Englisch und Deutsch, sondern auch auf Schwizerdütsch, der ihm vertrauten Sprache seiner Kindheit und Jugend. Der Sound, den der Multiinstrumentalist erschafft, ist ein vibrierendes catchy Pop-Erlebnis. Inklusive Xylophon. Überaus spannend. Seine Songs atmen die Inspiration durch Ikonen wie Mike Oldfield, Queen, Prince und die Beatles. Kunstvoll überführt Emil L’Artiste diesen Spirit in Heute. Mit Rap, Electro und detailverliebten Experimenten. Und stets mit der Überzeugung, dass Kunst vor allem eines bedeutet: Selbstakzeptanz.
Emil wuchs in der Schweiz auf dem Land auf, in einer Hütte ohne Fernsehanschluss. Eines der ersten Videos, das er sah, zeigte den legendären Auftritt „Mike Oldfield – Live in Knebworth‟ aus dem Jahr 1980. „Mein Vater ist großer Fan‟, erzählt der Künstler. Die Musik berührte ihn als Kind ganz unmittelbar und prägt ihn bis heute. Emil lernte das von Oldfield gerne genutzte Marimbaphon, später kam der E-Bass dazu, Klavier und Gitarre brachte er sich autodidaktisch bei. Er ist ein Musiker, der sich gerne ausprobiert und von ganz unterschiedlichen Genres fasziniert ist. Auf dem Gymnasium spielte er in einer Metal-Band. Nach der Matura studierte er Jazz in Zürich. Währenddessen entdeckte er auch seine Liebe zum Gesang, für den er als Kind noch gemobbt worden war. Die Jazzstandards, die an der Hochschule gefragt waren, begleitete er immer häufiger mit seiner starken sanften Stimme. Doch so ganz wollte das Studium nicht zu ihm passen. „Ich bekam das Feedback, ich solle weniger expressiv mit dem ganzen Körper spielen‟, sagt Emil. Sein Geist verlangte nach Performance, nach Pop. Und so zog er nach Hamburg, um sich an der Stage School in Tanz, Gesang und Schauspiel ausbilden zu lassen. Seitdem arbeitet er an Bühnen wie dem Altonaer Theater und den Hamburger Kammerspielen. Und all diese Fähigkeiten und Erfahrungen bringt er nun in seine Musik und seine Live-Shows ein. Als Künstler durch und durch. Als Emil L’Artiste.
Das Album beginnt mit dem transparent treibenden „Pipe Dream‟. Softes Piano und Xylophon leiten hinein in diesen Song über Wunschvorstellungen, die nicht der Realität entsprechen. Da sind diese Typen, Troy und Dean. Da ist kommunikative Unsicherheit und toxische Männlichkeit. Die Frau wird zum Traum- und Zerrbild. Doch das lyrische Ich holt die Männer zurück in die Wirklichkeit – mit dem zart intonierten Rat: „talk to her‟. Blockaden und Dämonen, Ängste und Einsamkeit: all diese Aspekte fließen ein in das Songwriting von Emil L’Artiste. „Klarheit kann schmerzhaft sein. Wir streben danach, schlechte Gefühle zu vermeiden. Aber sich mit dunklen Seiten und festgefahrenen Mustern zu befassen, birgt eine große Chance für Wachstum.‟ Bei ihm entstehen dadurch hochgradig einnehmende Melodien und Lyrics. Ein intuitiver Prozess. „Es ist ein tolles Gefühl, dass ich mich im Songwriting zurücknehmen und die Lieder einfach entstehen lassen kann.‟
Emil L’Artiste erkundet auf „F#cked Up Piece Of Art‟ die Nuancen und Pole der menschlichen Existenz. „Fever Dream‟ ist ein Song wie eine Halluzination, der einen beim Hören ganz durchlässig macht. „All I touch soon fades away / And I don’t have a say‟, singt er da mit verzerrter Stimme. Emil L’Artiste plädiert dafür, sich mit der eigenen Vergänglichkeit zu befassen, statt das Thema Tod zu verdrängen. „Winners In Town‟ wiederum ist eine super tanzbare Hymne, die stolz das eigene Außenseitertum zelebriert. Jenseits von oberflächlichem Glanz. Denn wer sind denn die Gewinner? Diejenigen, die in den sozialen Medien ihre perfekte Morgenroutine präsentieren? Oder die, die ihr „fuck it up royally‟ wie eine Auszeichnung tragen? Emil L’Artiste singt und rappt da mit solch selbstermächtigender Grandezza, dass es eine Freude ist.
Und dann ist da dieses Gefühl, eine emotionale Heimat zu finden. In „Häi / Nach Hause‟ erzählt Emil L’Artiste von flüchtigen Begegnungen, die Lebenswege nachhaltig verändern können. Keine kohärente Geschichte, vielmehr ein assoziativer Vibe: eine Zigarette schnorren, sich wirklich sehen, beieinander bleiben. Zu flirrendem Xyolophon und einem entspannten Reggae-Rhythmus singt er diesen sehnsuchtsvollen Song auf Schwitzerdütsch. „Ich habe bei den Lyrics erst viel auf Englisch herumprobiert, aber das hat nicht gepasst‟, erzählt er. In seiner Kindheitssprache wiederum hat sich der Text dann sehr selbstverständlich in ihm ausgebreitet. Ganz organisch und träumerisch klingen seine Worte. „Der Song ist eher wie ein Gebet gemeint, durch das ich nach Hause zu mir selber finde.‟
Emil L’Artiste ist ein Künstler, der es liebt, starke poetische Bilder zu entwerfen. Wie in „Little Fox‟. Ein kleiner Fuchs wird in die Irre geführt von Vögeln, die permanent in seinem Kopf singen. Eine Trost spendender Song für alle, die sich unruhig und niedergeschlagen fühlen. Es geht es darum, jemanden mit all seinem Leiden und Hadern als Freund anzunehmen. „You got a wound in your heart / That’s bleeding all the time / But hey little fox, to me / You are just fine‟, singt Emil L’Artiste ganz fürsorglich und aufrichtig in dieser beatlesk driftenden Nummer. Immer wieder gibt es auf „F#cked Up Piece Of Art‟ neue Ebenen und Details zu entdecken. Etwa eine zweite hohe Stimme, wie der Fuchs sie auch in seinem Kopf hören könnte. Zugleich wird der Song da um eine freigeistige Gesangslinie bereichert. Emil L’Artiste hat ein sehr feines Gespür für Harmonien, die einen durchdringen, tief berühren und zugleich ganz leicht machen.
Aufgenommen hat er alle Instrumente selbst – im Hamburger Studio von Produzent und Engineer Christian Kühl. Die Backing Vocals stammen von Schauspielkollegin Noëlle Ruoss. Im Titelsong „F#cked Up Piece Of Art‟ übernimmt zudem der Hamburger Schauspieler Nikolai Terminante einen gerappten Part auf Englisch. Ein spannender Kontrast zum schwitzerdütschen Sprechgesang von Emil L’Artiste. Der Song hat eine impulsive Dringlichkeit, einen guten Flow und Groove, auch etwas Exaltiertes. Der Hashtag im Titel verweist auf die Selbstdarstellungs- und Kommentar-Zyklen in den sozialen Medien. Wer sich da mit einer gewissen Arroganz präsentiert, erhält oftmals mehr Aufmerksamkeit. „Die Leute finden das irgendwie geil‟, erklärt Emil L’Artiste. „Im Sinne von: Wie kann der etwas wagen, was ich mich selbst nicht traue.‟ Der Künstler betrachtet dieses Verhalten in einer Mischung aus Neid und Ironie. Und seine Live-Shows werden für all das zum Katalysator. Er versucht, bei sich und seinem Publikum sämtliche Facetten wachzurufen. Das Expressive, Verborgene, Subtile und Unfassbare. Mit Tanz, Schauspiel und überraschenden Ideen möchte er die Seele berühren, wie Worte es nicht können. „Ich will meinem Gästen eine wilde Reise in ihr Inneres schenken.‟ Bei Emil L’Artiste dürfen alle selbst zum Kunstwerk werden. Zu ihrem ganz eigenen „F#cked Up Piece Of Art‟.
Birgit Reuther / Biggy Pop
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