DIY, DNA und 120 Spuren Wahnsinn!

THE MELMACS / SOUNDCHECKER.KOELN
by Dennis Kresse

Euer Sound wird als „PowerPopPunk mit süß-sauren Ohrwürmern“ beschrieben – wie viel Kalkül steckt dahinter und wie viel einfach: machen und gucken, was kleben bleibt?

Max: Haha, hinter den Melmacs steckt kein Masterplan, sondern einfach nur Bock auf Musik machen und 4 Freund:innen, die zusammen eine gute Zeit haben wollen. Wir schreiben und produzieren einfach das, was sich für uns gut anfühlt und aus uns raus kommt und denken nicht darüber nach, was gerade vielleicht angesagt sein könnte oder vielen Leuten gefallen könnte oder sowas.

Zwischen ABBA, Hellacopters, Dorffest und Netflix-Serie passt bei euch scheinbar alles zusammen – gibt es überhaupt Grenzen oder ist genau diese Mischung euer Konzept?

Max: Jeder Song soll genau das bekommen, was er benötigt, um am Ende das Soundgefühl zu vermitteln, was wir uns vorstellen und da lassen wir uns auch von keiner Genregrenze einzwängen. Ich finde, dass man das auf dem neuen Album auch sehr gut hören kann. Da treffen 60s-Elemente wie die Beatorgel auf 70s-Gitarren, 80s-Reverb und 90s- Group-Shouts. Auch die Abwechslung in der Makrodynamik des Albums ist uns während des Entstehungsprozesses enorm wichtig. Als wir die ersten Songs fertig hatten, haben wir bewusst überlegt: Was braucht das Album noch an Stimmungen und Farben, um ein schönes klangliches Bouquet zu ergeben. Auch hierbei galt die Prämisse: Fühlt sich gut an? Dann go!

Die Entstehung eures Albums klingt nach Norwegen-Romantik vs. Plattenbau-Realität – was war am Ende wirklich prägend für den Sound: Sehnsucht oder Alltag?

Max: Diese Norwegenfrage haben wir jetzt schon zum wiederholten mal gestellt bekommen und ich glaube wir müssen beim nächsten Album mal bisschen mehr aufpassen, was wir da so für Quatsch in den Promotext schreiben haha. Anyway, wir sind alle sehr umtriebige Menschen und ziehen unsere Inspirationen aus ganz verschiedenen Dingen, die dann am Ende unseren Sound prägen. Ich für meinen Teil bin zum Beispiel großer Freund von Coming-of-Age Romanen, in denen oft Alltag und Sehnsucht zu einem Gefühl der „Euphancholie“ verschwimmen. Das Wort „Euphancholie“ ist ein Neologismus und stammt aus der Feder von Benedikt Wells, dessen Romane ich liebe. Es beschreibt ein Gefühl, das ich oft schon gespürt habe, aber nie einen Namen dafür hatte. Benedikt schreibt dazu in seinem Buch „Hard Land“ folgendes: „Einerseits zerreißt’s dich vor Glück, gleichzeitig bist du schwermütig, weil du weißt, dass du was verlierst oder dieser Augenblick mal vorbei sein wird… Dass alles mal vorbei sein wird.“ Es beschreibt für mich dieses Gefühl nach einem Festival oder nach einem Weekender mit der Band. Du bist so gefüllt von tollen Erinnerungen und gleichzeitig so traurig, dass es vorbei ist. Irgendwie glücklich, sehnsüchtig, hoffnungsvoll und melancholisch zur selben Zeit. Schön, dass dieser tolle Begriff zu unserem Albumtitel geworden ist.

Max scheint im Studio zwischen Genie und Wahnsinn unterwegs zu sein – ab wann wird aus „Feinschliff“ bei euch eigentlich „Verschlimmbesserung“?

Max: Schmaler Grat auf jeden Fall! Gerade wenn man das Recording komplett DIY durchzieht, besteht die Gefahr, dass man zu oft rein geht und Sachen fixt, die technisch oder spielerisch zwar nicht perfekt waren, aber Emotionen in sich trugen, die ein perfektes Take nicht hat. Auch da heißt es, offen zu bleiben, in sich zu gehen und sich selbst fragen: „Fühlt sich das gut an?“. Und irgendwie macht dieser Aufnahmeprozess uns auch aus. Hier mal noch eine Kastagnette, da mal noch ein leises “woapwoapwoapwoap” einsingen. Ich mag es total, dass uns diese Art des Produzierens auch noch schwerer einordbar macht. Das purzelt dann einfach so auf die Aufnahme und darf dann da bleiben, losgelöst von jedem Genre oder so. Zum Teil sind das pro Song über 120 Spuren, die sich da aufstapeln.

Bimmi: Ja, ich glaube, mit einer anderen Person, die unser Album produziert, wären da auf jeden Fall weniger Easter Eggs und Sperenzchen versteckt. Und der Vorteil, das Album selbst zu machen, ist auf jeden Fall auch, dass ich nicht erst noch einer weiteren, unbeteiligten Person erklären zu muss, was für eine Vorstellung ich von dem Song oder einem Part habe und was ich dazu mal fix noch ausprobieren würde. Das mache ich nämlich immer mit Zisch-, Bumtschak-, Rattapeng- und sonstigen komischen Lauten. Max versteht mittlerweile, was ich meine, und ist meistens auf dem gleichen, gedanklichen Pfad unterwegs, aber eine völlig andere Person? Uff, haha, gute Nacht, Maria! Ich glaube, dadurch, dass wir das selbst machen, ist unsere Melmacs-Handschrift auch so stark. Da pfuscht niemand rein, der in uns “klingt wie Band xy, mach ich jetzt so” sieht. Außerdem hätte ich glaube keine Lust, mit so viel Zeitdruck in eine Album-Aufnahme rein zu gehen – das macht mich jetzt schon nervös und schränkt mich ein, wenn ich nur daran denke, wie die Stechuhr im Hintergrund ablaufen würde. Außerdem kann man so zwischendurch mal 3 Stunden Kaffee trinken und Kuchen essen oder den halben Vormittag mit meiner Hündin spazieren gehen und nachmittags bellt die dann erst wieder was ins Mikro. Bisschen Band-Quality-Time und sacken lassen, bevor wir weiter verschlimmbessern, weil uns niemand aufhält und mal Stop sagt, wenn wir überlegen, jetzt zu allem Übel auch noch Mellotron-Streicher zu samplen, haha.

Max: Schade, dass wir hier keine Audiobeispiele von Bimmis Lautmalereien einfügen können. Die sind auf jeden Fall ein Highlight des Songschreibe-Prozesses. Aber ja dieses entspannte, was Bimmi da beschreibt, ist definitiv auch ein wichtiger Punkt. Ich krieche am Morgen aus meinem Bett, gehe in den Raum nebenan und kann direkt loslegen. Allerdings muss ich da auch aufpassen, ein Ende zu finden und auf meine eigene Band/Life Balance achten. Sicherlich wäre es auch mal interessant, anders aufzunehmen. So richtig in einem Studio, alle zusammen, live, so Ferienlager mäßig, über eine Woche verteilt oder so… Aber ich glaube, dazu sind wir einfach zu krasse Amateur:innen und am Träumen.

Mit Leuten wie Brown Barcella und Magnus Lindberg habt ihr euch internationale Unterstützung geholt – wie viel Einfluss von außen verträgt euer doch sehr eigener DIY-Spirit?

Max: Dadurch, dass wir die Songs selbst produzieren, ist da schon ultra viel Melmac-DNA in den Spuren, bevor sie zum Mixing gehen. Brown und Magnus sind aber beide auch sehr gut in ihrer Kunst und verstehen es, unsere Ideen zu unterstreichen. Verblüffend, was die beiden da so rausgeholt haben.

Fragen: Dennis Kresse

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