Snail Mail – „Ricochet“ (Matador Records)

Mit ihrem dritten Album behauptet sich Lindsey Jordan alias Snail Mail erneut als Songwriterin ihrer Generation. Ihre pointierten Selbstbeobachtungen verbinden sich auf Ricochet mit ausgreifenden, hypnotischen Melodien und kunstvollen Streicherarrangements. Während des Schreibens beschäftigte sich Jordan mit Themen, die sie zuvor eher verdrängt hatte – vor allem mit dem Tod und der Frage nach dem Danach. Die elf Songs sind geprägt von der Angst davor, dem Leben beim Entgleiten zuzusehen und von der Verletzlichkeit, die entsteht, wenn man wirklich tief liebt statt einfach überschwänglich. Letztlich ist Ricochet ein Album über die Erkenntnis – und die Akzeptanz – dessen, dass sich die Welt weiterdreht. Egal was gerade im eigenen kleinen Orbit passiert.

Ricochet ist das erste Snail-Mail-Album seit fünf Jahren, und in der Zwischenzeit ist viel passiert: Bevor Jordan 2021 mit Valentine um die Welt tourte, ließ sie sich wegen Stimmpolypen operieren. Sie machte eine intensive Sprachtherapie und ging daraus als selbstbewusstere Sängerin hervor. So verfügt sie auf Ricochet über eine neu gewonnene Kontrolle ihrer Stimme (ironischerweise gerade auf einem Album, das von Unsicherheit handelt). 2024 gab sie ihr Schauspieldebüt in Jane Schoenbruns Indie-Horrorfilm I Saw the TV Glow und spielte darin eine Buffy-artige Heldin mit übersinnlichen Kräften. Und: Lindsey zog fort aus New York, ließ sich eine Weile umhertreiben und landete schließlich in der Gegend um Greensboro, North Carolina. Sie ist nun 26 Jahre alt und hat einen flauschigen weißen Hund, den sie in den Nachthimmel hält, damit er die Sterne sehen kann.

Während all dieser Zeit arbeitete Jordan an neuer Musik. „Ich habe das vorher nie so gemacht, aber ich habe alle instrumentalen Parts und Gesangsmelodien erst an Klavier und Gitarre geschrieben und dann über ein Jahr hinweg die Texte ergänzt“, erzählt Jordan. „Es dauert bei mir länger und braucht mehr Abwägung, um wirklich gute Melodien zu schreiben, als dann textlich die Verbindungen herzustellen. Also habe ich mir fürs Erstere mehr Zeit genommen.“

Als es daran ging, die neuen Songs aufzunehmen, wandte sich Jordan an ihren Freund Aron Kobayashi Ritch, Bassist und Produzent der Indie-Rock-Band Momma. Im Winter 2025 nahmen sie Ricochet in Brooklyn und in den Fidelitorium Recordings Studios von R.E.M.-Produzent Mitch Easter in North Carolina auf. Eine vertrauensvolle und angenehme Erfahrung, wie Lindsey erzählt. „Ich hatte das Gefühl, eine wirklich gleichberechtigte Stimme zu sein“, sagt sie. „Er war an meinen Überlegungen genauso interessiert wie ich an seinen.“

Klanglich ist Ricochet der natürliche nächste Schritt in Snail Mails Diskografie. Es baut auf den souveränen Gitarren ihres Debüts Lush von 2018 und auf der rohen Leidenschaft des Nachfolgers Valentine (2021) auf. Ricochet beschwört dabei die warmen Klänge des schwelgerischen 90er-Alternative-Rocks herauf: die Smashing Pumpkins in ihren sonnigsten Momenten, Radiohead in ihrer Frühphase und Anklänge an den Shoegaze von Bands wie Catherine Wheel, Powerpop à la Ivy und die Emo-Sounds von Sunny Day Real Estate.

Jordans bisherige Musik drehte sich vor allem um Herzensangelegenheiten. Es ist ein Terrain, das sie auf Ricochet hinter sich lassen wollte. „Leid und Elend sind Dinge, bei denen es mir einfach fällt, darüber zu schreiben“, sagt sie, „aber ich bade nicht mehr in meiner eigenen Qual.“

Währen des Schreibens von Ricochet fühlte sich Jordan zu Kunst hingezogen, die das Konzept des Lebens selbst untersucht. Die Fragen etwa nach künstlerischem Wert, nach Ego, Entfremdung, Selbstzerstörung und Scheitern, die Charlie Kaufmans Film Synecdoche, New York stellt, warfen ihre existenziellen Schatten. Nowhere ist von Laura Gilpins Gedicht The Two-Headed Calf aus dem Jahr 1977 beeinflusst. Es handelt von einem jungen Tier, dessen angeborene Besonderheit es ihm erlaubt, doppelt so viele Sterne zu sehen. In My Maker stellt sie sich vor, ein Flugzeug in den Himmel zu steuern, aber zu viel Zeit an der Flughafenbar zu verbringen. „Another year gone by“, singt sie über dem weitläufigen Sound. „What if nothing matters?“ Und an anderer Stelle: „Oh, bouncer in the sky, let me in, I’m scared to die.“

Auf der ersten Single „Dead End“ trauert sie der Schlichtheit einer Jugend in den Vororten nach. Einfach dies: Parken in einer Sackgasse und Rauchen mit Freunden. „Ich bin aus der Annahme herausgewachsen, dass man alle Menschen für immer um sich haben wird. Viele dieser Songs handeln von Freundschaften, von Freunden, um die ich traurig bin“, sagt Jordan. „Aber ich spreche auch mich selbst an.“ „Looks like you made it / Somebody would be so proud“, spottet sie etwa in Hell. „But you isolated / Alienate your friends / ’Cus they’re just a means to an end.“

„Manchmal ist es verheerend, Menschen nahe zu sein. Du hast keine Zeit für die Geburtstagsparty. Und dann passiert es nochmal“, sagt Jordan. „Und plötzlich hast du seit Jahren nicht mehr mit dieser Person gesprochen, die dir so wichtig ist. Dann wachst du eines Tages auf und merkst, dass du dich selbst in eine Schneekugel gesetzt hast – und es ist kalt und seltsam und plastikhaft.“ „Numb myself out / What else should we do?“, singt Jordan in Nowhere. „You covered me all in kisses / I said I couldn’t feel it, but I wanted to.“

Das Cover von Ricochet ist das erste, auf dem nicht Jordans Gesicht zu sehen ist. Stattdessen füllt eine Spiralmuschel eine aufgewühlte, tiefblaue Fläche. Eine Spirale bewegt sich in zwei Richtungen: Die nach innen gewandte Bewegung deutet auf ein Zusammenziehen bis zum Verschwinden hin, während die Bewegung nach außen das Versprechen von Unendlichkeit impliziert. Distanz und Zeit können uns vom Epizentrum wegführen, und Wachstum kann ungleichmäßig verlaufen – in Schüben, mit Pausen und vielleicht ein paar Bewegungen zurück. Und unterwegs verheddert man sich leicht in Emotionen. Doch jede Drehung bietet die Chance zum Erkennen des Musters, zur Perspektive und zur Erkenntnis, dass man es sich selbst antut – und dass genau das am meisten wehtut.

Text: Pressemitteilung

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